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Kolumnen

Lebensziele

Lebensziele

Meine Erinnerung setzt während der Kindergartenzeit ein. Früh morgens wollte ich nicht hin, dann bitte ganz schnell wieder abgeholt werden und unbedingt bald in die große Gruppe. Die große Gruppe war dann richtig toll, weil man immer von allem am meisten durfte. Doch irgendwann war die Große-Gruppen-Begeisterung verflogen, denn ich ging auf dem Weg zu den Großeltern immer an einer dunkelroten Backsteinschule vorbei. Da wollte ich jetzt hin, ein Schulkind sein. Unbedingt. (Nach zwei Wochen fand ich zwar heraus, dass Schule doch nicht so erstrebenswert ist und teilte sehr überzeugt dem Rest der Welt mit, dass es mir jetzt reichte. Aber es half leider nichts…).

Viele Jahre, Hausaufgaben, Leistungskontrollen und Zeugnisse später, stand dann als großes Ziel das verfluchte Abi an, um den Hauch einer Ahnung zu erlangen, was denn danach kommt. Dabei war es viel einfacher zu entscheiden, was ich definitiv nicht machen wollte. So wurden um mich herum die Jungs und Mädels Verwaltungsfachangestellte, Beamte in der Justizvollzugsanstalt, studierten Jura und Betriebswirtschaft, aber ich blieb ein wenig hocken bei meiner Suche nach dem Tollen, Schönen und Spannenden, was mir bitte auch etwas Geld in die Hand zaubern sollte. Und Geld war leider wichtig, um in aller Ruhe ohne Mami und Papi leben zu können, sich etwas zu kaufen oder in den Urlaub zu fahren…

Irgendwann stand dann der Entschluss: ein Studium sollte es sein, wobei ich bei den Fächern nicht wählerisch war. Hauptsache, es hatte nichts, also gar nichts, mit Chemie, Physik oder Mathematik zu tun. Dies waren meine persönlichen Greulthemen, die bitte fortan ohne mich existierten. Zum Glück gab es ja noch so viel Anderes im bunten Potpourri des Vorlesungsverzeichnisses, so dass sich etwas finden ließ von dem ich damals annahm, dass daraus ein Job erwachsen könnte. Das Studium begann und schnell war das nächste Ziel klar: raus aus dem Studentenwohnheim, raus aus dem gefühlten zwei Quadratmeter Bad und der kleinen Küche, wo unser aus Laos stammender Mitbewohner täglich absurde, penetrant riechende Mahlzeiten zubereitete. Wobei das gar nicht das Hauptproblem war. Ich wollte einen Hund, jetzt, einen großen Schwarzen bitte so wie im Lieblingsbuch meiner Kindheit*. Doch Tiere waren im Heim verboten. Deshalb brauchte es neben dem Studium einen Job, der mir wiederum so viel Geld einbrachte, dass ich eine Wohnung bezahlen konnte, in die dann endlich ein großes felliges Getier einziehen durfte. Der Plan war klar, die Umsetzung gelang vier Semester später und ich war glücklich. Ich bin mir sicher, es gab keinen strahlenderen Besitzer am Ende einer Leine.

Und dann? Obwohl mir die Sinnhaftigkeit des Studiums nach wir vor verborgen lag, wollte ich einen Abschluss. Ein schickes Zeugnis, dass mir und der lieben Familie zeigte, dass ich nicht völlig blöd war – etwas, worauf man stolz sein konnte. Ein Schreiben, dass mich bitte noch zu einem anderen Job befähigte, als Schuhe und Eis zu verkaufen oder lustige Promotion zu begleiten. (Ich mochte Eis und Schuhe. Wirklich. Von dem einen konnte man selbst uneingeschränkt essen und das andere erhielt ich mit satten Rabatten, was dem Portmonee allerdings wenig zuträglich war. Aber irgendwann war es einfach genug (Zehn Kugeln Eis am Tag. Geschätzte fünfzig Paar Schuhe im übervollen Schrank). Es musste was Anderes her. Also war ich auf der Suche nach einem richtigen Job, wie ich ihn damals nannte. Gefunden. Haken dran.

Ich war Ende zwanzig und hatte das Gefühl, dass nach dem ganzen Lernen und Studieren und Arbeiten und Job suchen jetzt auch mal die Liebe dran sein dürfte. Viele verliebten und verlobten sich. Die ersten Kinder sprangen bei Partys durch die Ecke.

Zugzwang.

Rückblickend finde ich, dass man zwischen Mitte Zwanzig und Mitte Dreißig ganz schön viel auf die Reihe bekommen sollte. Ausbildung, Job, Liebe, Familie – das ist ein knallharter vier Punkte Plan, der Effektivität verlangt und furchteinflößend war. Für Ausbildung und Job konnte ich wenigstens etwas tun. Aber für die Liebe? Trotzdem, irgendwann kam sie dann doch. Und mit ihr auch die Menschenkinder. Großes Strahlen. Freude. Glück. Kümmern. Sorgen. Begleiten. Noch mehr Liebe.

Und jetzt? Was kommt jetzt? Ist das Leben Arbeit und die Arbeit Leben? Wonach Streben? Ja natürlich, glückliche Kinder, sie großwerden sehen, den Herzallerliebsten an der Seite, aber was noch? Wo geht es hin? Was mache ich die nächsten dreißig Jahre?

Ich höre und lese von Menschen, die den Plan ihres Lebens bereits weiter gesponnen haben, wo feststeht, dass man vor der Schule auswandert, man in fünf Jahren aufs Land zieht, in den nächsten zehn Jahren endlich sein eigenes Restaurant eröffnet, dass man demnächst perfekt spanisch oder italienisch spricht, sich ein Boot kauft oder seinen eigenen Laden eröffnet. Ich lausche und staune und bin unschlüssig, fast so wie damals, als ich mich dringend für einen Berufsweg entscheiden sollte.

Was verdammt noch mal will ich denn und will ich irgendwas? Ich bin unschlüssig…
Vielleicht muss ich mir in einem Schattenplätzchen mal Gedanken machen.

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz

* “Der Junge mit dem großen schwarzen Hund“ hatte es mir angetan.


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