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Das Leben ist Fasching

Das Leben ist Fasching

Heute Nacht 2:35 Uhr. Es wimmert. Aus dem Wimmern wird ein Jammern. Aus dem Jammern wird ein ohrenbetäubendes Schreien. Warum nur?

Gerade hatte ich trotz Frühlingsröcheln in einen Wald gefunden, wo mich eine karierte Picknickdecke mit meiner Chefin erwartete. Nur langsam finde ich mich in der Dunkelheit und mit der Lautstärke aus dem Kinderzimmer zurecht. Nun gut, um den Verlust der Chefin, die mich bereits im Schlaf zu sich winkte, ist es nicht schade. Aber der Wald war schön. So friedlich. Ruhig. Nun laufe ich mit leicht tauben Händen und Füßen zum Kinde, noch in der irrwitzigen Hoffnung, dass mit ein wenig Tee, einem liebevollen Streicheln und etwas Summen (in unserem Fall „Guten Abend, gute Nacht“) gleich alles wieder leise sein und ich zurück aufs Kissen sinken könnte. Ich falle mit meinen kalten Füßen zurück ins Bett, wo eben diese von dem wachen Mann entgegen genommen werden. Danke, denke ich, und habe plötzlich diese primitiven Liebessprüchlein vor Augen, im aktuellen Fall vielleicht: Wahre Liebe ist, wenn man die Eisbeine seiner Frau wärmt… Da schreit es leider wieder. Bestimmt beruhigt es sich gleich. Vorhin waren die Augen geschlossen, kein übler Geruch, der aus dem Schlafsack stieg. Alles war gut. Bestimmt schläft es gleich wieder ein. (Bitte, denke ich, sonst wacht das andere Kind doch auch auf. Wie das wohl andere Eltern mit mehreren Kindern machen? Sind andere Kinder vielleicht tauber als unsere? Bei einer Freundin schlafen sogar alle 3 in einem Zimmer. Machen die etwas anders als wir?)

Der Mann schaut mich an. Fragt: „Was hat es denn?“ Und ich antworte: „Keine Ahnung.“ Ganz ehrlich, wieso denken Männer, dass Mütter irgendwelche überirdischen Fähigkeiten haben? Nein, ich habe keine Idee, was der kleine Mensch haben könnte. Ich bin ahnunglos und zwischen meiner Ahnungslosigkeit höre ich inzwischen auch das andere Kind husten – ein untrügliches Zeichen dafür, dass es wach ist. Also startet der Mann einen zweiten Versuch und geht noch einmal zum kleinen Schreier. Kurz Ruhe (wie angenehm). Kleine Füße nähern sich dem Bett. Das große Kind kommt zu uns. „Mami, warum das Baby so schreit?“ „Mami weiß es leider nicht und jetzt mach die Augen zu.“ Der Mann kommt. Kurz Stille. Dann schreit es wieder. Wahrscheinlich pädagogisch schrecklich unklug warte ich fünfzehn Minuten, um anschließend noch einmal beruhigend das Kind zu wiegen. Die dicken dreizehn Kilo hängen schlaff auf meinem Arm, und ich habe das Gefühl, dass jener gleich abfällt. Die kleinen Augen sind geschlossen. Der Atem geht gleichmäßig. Mir ist kalt, aber wenigstens schreit es nicht mehr. Vorsichtig lege ich das Kind ins Bett. Es ist still. Vorsichtig mache ich die Tür zu. Es ist immer noch still. Ich schleiche ins Schlafzimmer. Bis zu Meter drei bleibt es still. Dann knackt mein Fuß (das kann doch nicht wahr sein, so ein Kack-Fuß) und es schreit wieder. Was kann man denn da noch tun? Ich lege mich hin. Das zappelige andere Kind kuschelt sich an mich. Ich bin hellwach. Neben mir leuchtet das Handy des Mannes, der putzmunter die neuesten Nachrichten liest – mich interessiert die Welt gerade nicht, ich will einfach nur schlafen.
Nach den Neuigkeiten ein neuer männlicher Versuch der Beruhigung. Vergebens. Im heimischen Universum existieren: ein schreiendes und ein zappeliges Kind jenseits vom Schlaf-Traum-Wunderland. Mist. Also starte ich nach einer gefühlten Ewigkeit einen letzten Anlauf, um irgendwem, irgendwann etwas Nachtschlaf zu verschaffen. Ich stehe vor der Kinderzimmertür und singe durch die Tür, damit die ich-will-auf-den-Arm-Orgie und die Rufe „meine Mama“ bis zur Unendlichkeit entfallen. Toll, denke ich. Wie ein kompletter Vollidiot stehst Du hier auf dem Flur. Es ist inzwischen 4:40 Uhr und morgen kannst Du die Augenlider mit Janosch-Pflastern unter den Augenbrauen festkleben, damit sie nicht schon gegen 12:00 Uhr mittags zufallen. Ich singe, leise und andauernd. Als meine Füße nur noch Eisklumpen sind, höre ich auf. Schleiche zurück und…. es bleibt leise. Ein Wunder.

Ein Wunder, dass bis kurz nach sechs anhält. Der Wecker klingelt. Das große Kind ist hellwach. Den Singsang des Kleinen höre ich wenige Minuten später.
Heute ist der Tag, an dem Fasching ist. Und so stehen einige Zeit später eine Prinzessin und ein dicker Käfer im Flur, angezogen von zwei nächtlichen Unfallopfern, die zwischen zwei und fünf ein Traktor überrollt hat. Aber was solls. Irgendwie wird es schon gehen. Wir spielen auf Arbeit einfach auch Fasching oder um mit Schopenhauer zu sprechen: ist nicht unsere ganze zivilisierte Welt eine einzige Maskerade?

Verkleiden wir uns also! Als frische, aktive, dynamische, energiegeladene Mitarbeiter – einzig, die Janosch-Pflaster am Augenlid könnten uns verraten…

Einen wunderbaren Tag und des Nachts einen guten, festen, ungestörten Schlaf wünscht Ihre Sabine Henriette Schwarz


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