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Kolumnen

Lady in red oder deplatziert Kleidsames

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Als Kind und Teenie ist es mir häufiger passiert. Mitunter konnte ich auch nichts dafür, denn der mütterliche Geschmack entscheidet bis zu einem gewissen Alter über die Garderobe des Tages. Vielleicht war ich aber auch nur schüchtern und habe mich deshalb zu spät zur Wehr gesetzt. Auf alle Fälle fühlte ich mich in den wunderbar auserwählten Mädchensachen fremd und unangenehm. In der Schule waren rosa Rüschenblusen, Puffärmelkleidchen und Häkelröckchen irgendwie überkandidelt. Eine schlichte Hose und T-Shirt wären praktischer und passender gewesen. Hatte ich mich dann durchgesetzt, wenn es beispielsweise zum Kindergeburtstag ging und ich steckte endlich in der geliebten Latzhose und dem Enten-Shirt, waren plötzlich alle Freundinnen dermaßen aufgehübscht mit Zöpfchen und Röckchen, dass ich mich schon wieder falsch fühlte. Ein Problem, das sich eigentlich bis zum achtzehnten Lebensjahr zog – scheinbar gibt es ein geheimes Dokument, das aussagt, wie, was, wann angezogen werden sollte, um dazu zu gehören. Schließlich will man sich nicht immer zum Clown machen und erklären müssen, warum man dieses oder jenes am Leibe trägt (wenn es überhaupt noch zu einer Erklärung kommt – mitunter genügt ja ein vernichtender Blick der anderen, um den Rückzug anzutreten.)

Spätestens im Studium war es dann vorbei mit dem gruppendynamischen Einheitsbrei. Optisch gab es da nämlich alles: die zerschlissenen Medizinstudenten, die hippen Jogginghosen tragenden Sportler, die Schlaghosen-Soziologen, die Öko-Germanisten und natürlich die Perlenohrring BWL-Mädchen. (Keineswegs sollen hier Klischees bedient werden, deshalb ist dies nur meine ganz spezifische Beobachtung, die natürlich im Einzelfall abweichen kann.) Ergo: es war fast Wurst und ich genoss diese neue Freiheit, auch mal total daneben liegen zu dürfen. Generell fand ich sogar Gefallen daran, etwas daneben zu sein. Was Eigenes zu suchen und zu finden, aber nicht immer klappte das erfolgreich.

Ich erinnere mich zum Beispiel an Satin. Satin – dieses glänzende Polyester-Zeugs (zu mehr reichte das studentische Taschengeld nicht), in dem man schwitzt, was aber auch ich in zweifacher Ausführung zum Nachtschlaf hatte, um bitteschön auch mal verführerisch zu sein. Konkret: ein lila Nachthemdchen (wobei die Betonung auf Hemdchen liegt) und so eine blaue Hemd-Hosen-Kombination, die sich immer im Schlaf verdrehte und mich schier wahnsinnig gemacht hat. Irgendwann war es einfach hipp und überall glänzte es, wenn es um schöne Nächte ging. Klar wollte ich auch schöne Nächte haben…. Rückblickend finde ich es vor allem „puffig“. Also ein wenig drüber, unpraktisch, mehr Schein als Sein, Puff-tauglich eben.

Warum ich das alles erzähle? Nun, mitunter lange ich auch heute noch etwas daneben, wenn ich früh morgens am Kleiderschrank stehe, aber ich bilde mir ein, dass es sich in Grenzen hält. Nichts, wo die Nachbarschaft schreiend davon läuft und flüsternd die Köpfe wegdreht. Doch genau so einen Moment hatte ich erst diese Woche – und ich erinnerte mich an all die Fehlgriffe und dieses Satin-Nachtzeugs von mir…

Es geschah im Krankenhaus, wo ich mit dem kleinen Kinde ein paar Tage verbringen musste und wo man vor lauter Langeweile auch gern die Lamellen der Jalousie zählt. Piepsende Geräte, Schwestern, die die Anzeigen der Geräte kontrollieren, schlechtes Essen. In einen Tagesablauf eingepfercht, der von Visite, Untersuchungen und Infusionen bestimmt wird.

Und dann: eine neue Bettnachbarin. Das Kind kam mit Gehirnerschütterung weinend, kotzend. Eine Ausnahmesituation. Ganz klar. Da ist es einem Wurscht, ob das Shirt zur Hose passt, ob die Haare gekämmt und die Augenringe bis zu den Mundwinkeln gehen… dachte ich zumindest. Und dann kam sie aus dem Bad. Das Kind würgte noch in die gelbe Plastikschüssel, als eben jenes Satin-Wesen aus dem Bad kam. Ein bestickter roter Satin-Schlafanzug verschlug mir doch glatt zwischen Gitterbettchen und Kamillentee die Sprache. Ich bin mir sicher, dass dem lieben, jammernden Kinde die Erscheinung von Mama völlig egal ist – Hauptsache: sie ist da. Ich bin mir auch sicher, dass den Krankenschwestern und Ärzten nicht der Sinn nach Catwalk und Schönheit steht. Aber irgendwie und anscheinend war die Dame anderer Meinung und so stand sie da, wie ein Wesen aus „Dallas“ und leuchtete durch die Nacht in Signalrot…

Manches darf man doch komisch finden, oder?

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz


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