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Kolumnen

Die Kunst der Abwechslung oder Paul Klee rief

Manchmal braucht der Kopf ein wenig Ablenkung, etwas Anspruchsvolles, eine Inspiration jenseits des strukturierten Alltags, jenseits von Windeln, Wäsche und Wahnsinn. Man sehnt sich nach einem kleinen Ausflug , nach einer Abwechslung zur kindlichen Welt, nach anderen Themen der Schöpfung. Und als ich an der Kreuzung, auf grün wartend, das Plakat neben mir sehe, wird es klar: es braucht mal wieder etwas Kunst. Nein, nicht Kunst nach dem Motto: Kann das weg oder ist es eben doch mehr? , sondern richtige Kunst. Ja, da kann man sich trefflich streiten. Aber Klee, genauer gesagt, Paul Klee, sortiere ich jetzt einfach mal in die Kategorie: richtig, richtige Malerei, richtige Kunst.

Ob er wohl die Faszination kleiner Menschenkinder kannte und zu schätzen wusste? Keine Ahnung. Ob er sich dem Experiment des Lebens verbunden fühlte? Ich denke schon, schließlich formulierte er einst:

„Diesseitig bin ich gar nicht fassbar. Denn ich wohne grad so gut bei den Toten, wie bei den Ungeborenen. Etwas näher dem Herzen der Schöpfung als üblich. Und noch lange nicht nahe genug.“

Nun denn, Herr Klee, ich werde sie heute besuchen, mit Kleinkind, schließlich sprachen sie von der Schöpfung. Was liegt also näher, die Schöpfung gleich mitzubringen? Auf geht’s.

Wir fahren in die Stadt, die nur so vor sommerlichen Touristen wimmelt. Eine Schulklasse mit neonfarbenen Warnwesten sammelt sich ebenfalls vor dem Museumsgebäude, was groß und hoch zwischen den alten Häusern tront. Ein Wirrwarr aus Sprache und Tönen erwartet uns und wir durchfahren es geschickt. Ich mag diese überdimensionale Architektur des Bildermuseums sehr. Riesige  Räume, riesige Flure. Man selbst, als Besucher, ist ein kleiner Betrachter, ein winziger Gast, der sich wie ein Hamster durch seinen Käfig bewegt und an jeder Ecke, an jeder Treppe eine neue Sicht auf die Dinge erfährt. Es ist schön und entspannend sich ganz klein, unbedeutend, unwichtig zu fühlen. Die große Welt kümmert sich hier einfach nicht um die mütterlichen Aufgaben. Hier ist die Welt Kunst.

Aber zuerst muss man hinein. Bereits eine kleine Herausforderung, denn die übergroßen Türen lassen nicht so ohne weiteres einen Kinderwagen durch. Mitmenschen helfen. Wir gehen hinein, holen ein Ticket und es sieht so aus als ob das Baby beeindruckt ist. Mit weit aufgerissenen Augen starrt es in den Raum hinein. (In der Tat, zu Hause ist alles ein wenig enger, kleiner und schmaler.) Hier hat es Weite und der Blick kann schweifen. Mit dem Fahrstuhl, der faszinierend glänzt und damit sehr babyfreundlich ist, geht es hinab zu Klees Sonderklasse mit Werken von 1901 bis 1940. Ich lese, dass er diesen Bildern den Status des Unverkäuflichen gab, um sie für eine Schau- und Nachlass-Sammlung zu kennzeichnen.  Ich lese, dass viele Blätter wie Musik sind, wie Partituren. Es ist vom farbigen Klang seiner frühen Aquarelle die Rede und davon, dass er das Unsichtbare sichtbar machen wollte.  Die Bilder sind zumeist skizziert, in Pastellfarben gehalten, oft auf billigen Papieren und erscheinen mir vor dieser brachialen roten Wand des Raumes irgendwie zerbrechlich. Dem Kinde ist das egal, es freut sich über das viele Rot und über die Licht- und Schattenspiele, aber bereits nach kurzer Zeit wird es ihm langweilig.

Vielleicht kann ein Keks helfen? Nein, schade. Das Kind wimmert und die Blicke der anderen Besucher richten sich auf uns. Wie laut doch plötzlich so ein Wimmern sein kann?  Wie so oft, wäre ich jetzt gern in den Köpfen der anderen Gäste. Was denkt die alte Dame mit dem Strohhut, die sich gerade flüsternd zu ihrem kahlen Gatten beugt und an ihrem Halstuch nestelt? Tuscheln sie über uns? Was geht in dem Kopf der jungen Museumsführerin vor, als sie bei ihrer Erklärung zur Tunisreise immer wieder aufblickt. Schaut sie, ob wir uns nähern und verdammt sie unsere Anwesenheit?  Gilt das Augenrollen des Pullunder tragenden Herren der Federzeichnung vor ihm oder fühlt er sich von uns belästigt? Ich versuche Ruhe auszustrahlen, nehme die Maus auf den Arm und laufe langsam weiter. Konzentration, denke ich. Das ist hier Klee, Du wolltest eine Abwechslung, hier ist sie. Lass Dich jetzt gefälligst inspirieren. Inspiration, los, komm jetzt!

Aber der ersehnte Zustand von großer geistiger Aufmerksamkeit wird nicht erreicht. Stattdessen lutscht mein Baby liebevoll und stark speichelnd an meinem Daumen. Klees Skizzen sind ihm schnuppe und ich bin eben doch nicht nur ein Besucher. Ich bin die Frau mit dem Baby, die ein wenig Unruhe in das Untergeschoss bringt.  Es wird lauter. Finger lutschen verliert seine Faszination. Zum Glück gibt’s gleich nebenan großformatig und bunt die Kunst nach 45. Gigantische Figuren, Formen, Farben – dem kleinen Kinde gefällt es eindeutig besser und wenn es ihm gefällt, gefällt es mir hier auch. Es ist still.

Ich muss eingestehen, dass ich abhängig bin, abhängig von der Laune des kleinen Menschenkindes. Ist die Laune dahin, kann ich mich auf nix konzentrieren. Überfallartig kommen die mütterlichen Hormone. Die Natur macht, dass im Moment des kleinsten Aufruhrs nichts anderes mehr die Sinne berühren kann.  Deshalb stehe ich dann auch nicht bewundernd vor „polyphon gefasstem Weiß“, sondern vor der gar nicht stylischen Wickelmöglichkeit auf dem Flur – lieblos mit Papierhandtüchern ausgestattet und als Putzmittelabstellplatz missbraucht. Ich kann mich wieder konzentrieren, das Kind ist glücklich und mir wird bewusst, wie hässlich es hier ist.

Tut mir leid, Herr Klee, ich habe es versucht. Aber die praktischen, profanen Dinge haben die Oberhand gewonnen. Wenn sich die mütterlichen Hormone beruhigt haben, versuche ich es noch einmal mit ihnen und bis dahin wird es mit der Abwechslung wie mit dem Minimalismus sein: eben sehr reduziert vorhanden.

Die Kunst der Abwechslung oder Paul Klee rief – von Sabine Henriette Schwarz


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