Home  »  Freizeit   »   Kolumnen   »   Krankheiten sind Lehrjahre der Lebenskunst und der Gemütsbildung (Novalis)

Kolumnen

Krankheiten sind Lehrjahre der Lebenskunst und der Gemütsbildung (Novalis)

 

Eltern und Kinder sind ein kleines geschlossenes System des Vertrauens, des aufeinander Aufpassens, des Kümmerns und Umsorgens. Ein System, das anfällig ist zum Beispiel bei fiesen Viren, bei Erkältung, Fieber, Magen-Darm oder was es an gemeinen, hinterhältigen Krankheiten noch so gibt. Und ich meine nicht, dass die Menschenkinder selbstverständlich zu Hause bleiben, dick eingewickelt in Decken auf der Couch eben dort einen warmen Tee bekommen und liebevolle Kuschel-Lese-manchmal auch Fernseheinheiten. Ich rede eher davon, was los ist, wenn nichts mehr los ist, wenn die Eltern krank sind…

Krank sein, laut Freund Wikipedia eine Schwäche, eine Not, das Leiden für ein Organ, die Psyche oder den ganzen Organismus, hört sich schon ätzend an, ist ätzend. Aber mit kleinem Nachwuchs eigentlich gar nicht machbar, oder? Früher hat man sich da einfach ins Bett gelegt, die Welt Welt sein lassen, das Kissen aufgeschüttelt und die Fernbedienung in die Hand genommen. Mitunter war es auch ein Buch, das vor, nach oder zwischen den kleinen Schläfchen für Aufmunterung sorgte. Je nach Krankheitslage bin ich auch ein Freund großer Eispackungen oder des Schokoladenpuddings direkt aus dem Topf. Und wenn das alles nicht ging, weil der Übelkübel schon sehr nah stand, war es immerhin ein erhabenes Gefühl, wieder das erste Brot mit etwas Erdbeerkonfitüre zu vernaschen. Aber das funktioniert leider nicht. Ergo: Eltern dürfen nicht krank sein, in den ersten fünf Lebensjahren wahrscheinlich erst recht nicht. Denn was ist, wenn kleine Menschen Hunger haben, Liebe brauchen, in die Kita müssen, beschäftigt werden und all ihre Erlebnisse mit einem teilen wollen?

Da hängt man dann völlig Matsch in der Kurve, fühlt sich total im Eimer und macht gleichzeitig den Fortgeschrittenenkurs an der Schauspielschule, damit man beim liebenden Kinde dennoch lächelt und nicht ganz so fertig aussieht. Wer will schon die oder der Kranke sein, ein Geist im Spiegel, ohne jede hübsche Gesichtsfarbe und mit Augenschatten, die bis zum Knie reichen? Keiner! Stimmt. Krank sein ist verdammt anstrengend und doof. (ja, das muss mal gesagt werden.)


Lob der Krankheit: Warum es gesund ist, ab und zu krank zu sein

Da kommt mir doch zwischen meinem Husten, der sich inzwischen wie ein heiserer in die Jahre gekommener Schäferhund anhört, der Herr Ehgartner gerade recht, der in seiner Eigenschaft als Medizinjournalist (ich wusste gar nicht, dass es sowas gibt) ein oder besser das Lob der Krankheit geschrieben hat. Ja, man kann auch auf die Krankheit ein Loblied singen und darauf, warum es gesund ist, ab und zu krank zu sein. (Auf den ersten Blick fühl ich mich ein wenig verkackeiert Herr Ehgartner) Der Mitfünfziger stellt nämlich fest, dass das Immunsystem ein komplexes, denkendes und lernendes System ist. Ja, tatsächlich vergleicht er es sogar mit dem oft überforderten Gehirn. Neugeborene haben beispielsweise ein kaum entwickeltes Immunsystem und es hat auch noch nichts, woran es sich erinnern könnte. Erst mit der Zeit „lernt“ es durch den Kontakt mit Keimen und Bakterien und durch die erfolgreich bekämpften Infekte. So gewinnt man Immunität gegen Krankheitserreger. (Hat ja super geklappt mit der Immunität. Ich belle durch den Tag und der Herr Vater hört sich an wie der Wolf bei den sieben Geißlein. Da hat unser Immunsystem wohl was falsch verstanden.) Als kleine Genugtuung und Beruhigung gibt es aber die Erkenntnis, dass krank sein dem höheren biologischen Zwecke dient, langfristig gesund zu bleiben. Ergo: wir sind zwar gerade kränklich neben der Mütze, aber im Alter sind wir dafür fit und dynamisch wie ein Turnschuh? Ich sehe uns schon, wie wir von der Seniorenparty verschwinden, uns die Laufschuhe anziehen, um dann in locker fröhlichem Joggingschritt die nächste Hürdenstrecke zu absolvieren (Hürdenlauf fand ich schon immer klasse. Dieser Rhythmus zwischen Laufen und Springen hat doch was. Allein, als ich es einmal probiert habe, fielen wir – d.h. die Hürde zuerst und ich dann darüber und darauf – leider wenig grazil auf die rotbraune Sandbahn sehr zur Freude vom langen Tobias, den ich mit jungen sechzehn Jahren schwer beeindrucken wollte.) Vielleicht kann ich dann ja auch mal einen Marathon laufen oder durchtrainiert wie nie am Felsen im Elbsandsteingebirge hängen? Alles ist möglich.

Das momentane Tief ist also nur Mittel zum Zweck, eine Art Zwischenstation, wie ein ungeliebter, ungeplanter Aufenthalt am Bahnsteig (als besonders hässlich, zugig und stinkig ist mir Bitterfeld im Gedächtnis geblieben), wenn der Zug mal wieder Verspätung hat und man eigentlich dringend dort ankommen will, wo es schön ist. Ich verstehe, Bitterfeld ist der Husten und im Alter gibt’s dafür Venedig im Frühling.

Fast könnte ich damit leben, fast, wenn da nicht bei jedem Schäferhund-Hustenbellen das Baby wieder aus seinem Bettchen schauen würde, um mit Bahbahmamam nachzufragen, ob jetzt schon die Nacht vorbei ist, ob wir jetzt spielen oder ob es was zu Trinken gibt. Nein, mein Schatz, leg Dich wieder hin, versuch zu schlafen, auch wenn es schier unmöglich ist. Nein, nicht weinen. Sonst weckst Du den Wolf und das Geißlein. Das wollen wir doch nicht. Alles ist gut. Mama erarbeitet sich nur gerade Venedig.

Weißt Du Baby, wenn Du groß bist, kannst Du uns besuchen kommen. Es wird strahlend blauer Himmel sein, die Stadt ist ganz leer (so wie bei Brunetti) und wir werden gemeinsam Santa Maria della Salute am Canal Grande besuchen, gondeln am Fondaco dei Turchi, diesem hübschen Fantasiebau vorbei, laufen über die Ponte di Rialto und trinken auf der Piazza San Marco einen Cappuccino (möglichst, ohne dass die Tauben etwas auf uns verlieren). Ist das nichts? Es wird bestimmt zauberhaft, nur momentan müssen wir leider dafür ein bisschen krank sein.

Krankheiten sind Lehrjahre der Lebenskunst und der Gemütsbildung (Novalis)

von Sabine Henriette Schwarz


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.