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Kopfschmerzen und Migräne – nicht nur ein Elternproblem

Da ist er wieder. Dieser stechende Schmerz. Alternativ hat man auch das Gefühl, ein Traktor fährt durch den Kopf, oder das Auge quillt als dicker Tennisball hervor. Es piekt, dröhnt, hämmert. Wenn dann noch die Kids streiten, schreien, weinen, ist man oft von sich selbst so genervt, dass man nur noch eines will: Der Schmerz muss schnellstmöglich wieder weg. Aber was muss man wissen. Fakten zum Schmerz oder: was man wissen sollte…

Manche glücklichen Menschen kennen ihn gar nicht, den Kopfschmerz. Nur wer selbst betroffen ist, weiß um die Belastung. Und das sind viele. Hier zu Lande nehmen jeden Tag acht Millionen Menschen Medikamente gegen Kopfschmerzen ein, allein rund eine Million davon leiden unter Migräne.

 

1. Wie entsteht der Schmerz?

„Über die zentrale Frage nach der Herkunft des Schmerzes weiß man vor allem für die Migräne schon einiges, aber insgesamt immer noch zu wenig“, sagt Migräne- und Schmerzforscher Markus Dahlem von der Humboldt-Universität zu Berlin. Relativ im Dunklen tappt man zum Beispiel beim Spannungskopfschmerz, der bisher hauptsächlich anhand von Symptomen beschrieben wird. Denn: alles, was sich im Kopf abspielt, ist komplex, schwer zugänglich und meist nur indirekt zu erforschen. Noch nicht einmal Mäuse helfen.

Allerdings: das Gehirn selbst hat keine Schmerzsensoren, es ist nicht schmerzempfindlich. „Der Schmerz entsteht in den Hirnhäuten, den Schichten aus Bindegewebe, die das Gehirn umgeben“, sagt Markus Dahlem. Bei der Migräne ist man jedoch teils anderer Meinung. „Migräne ist eine neurologische Erkrankung“. Bei der Migräne habe das Gehirn eine angeborene Tendenz, die Kontrolle über den Input gewisser sensorischer Informationen zu verlieren. Filtermechanismen im Hirnstamm und Hypothalamus versagten, die eingehende Licht-, oder Berührungsreize, Geräusche und Gerüche modulierten.

„Das Gehirn eines Migränikers unterscheidet sich in Struktur und Funktion von dem eines Gesunden, auch außerhalb von Schmerzattacken“, sagt Goadsby, ein britischer Forscher. Das Migräne-Gehirn reagiert offenbar auch besonders empfindlich auf Veränderungen innerer und äußerer Einflussfaktoren, wie etwa auf die Hormonlage, Glukose, Insulin, Stress, Schlaf. Wie Turbulenzen innerhalb dieser Einflüsse die Migräne fördern, versteht man noch nicht genau, aber Betroffene können meist die Ursache für sich selbst definieren.

 

2. Welche unterschiedlichen Arten von Kopfschmerzen gibt es?

Es gibt den Donnerschlagskopfschmerz, den Hustenkopfschmerz, den Anstrengungskopfschmerz, den Kopfschmerz beim Sex, nächtliche Kopfschmerzattacken ohne Sex und noch viel mehr. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (ja, in der Tat, die gibt es) hat das Dröhnen im Hirn in über 200 verschiedene Typen unterteilt.

Die drei häufigsten primären Kopfschmerzarten sind der Spannungskopfschmerz, die Migräne und die so genannten Trigeminoautonomen Kopfschmerzen, zu denen der Cluster-Kopfschmerz gehört. Clusterkopfschmerzen sind selten, aber extrem heftig, die Attacken können über Wochen bis zu achtmal täglich den Kopf einseitig malträtieren. „Ist der Schmerz dumpf-drückend und verschlimmert er sich bei körperlicher Betätigung nicht, hat man es mit dem Spannungskopfschmerz zu tun“, sagt Markus Dahlem. Rund 30 Prozent der Bevölkerung leiden immer mal wieder daran, Ruhe und leichte Schmerzmittel können Abhilfe schaffen.

Die Prävalenz der Migräne liegt, so Dahlem, bei zehn bis zwölf Prozent, Frauen sind dreimal häufiger als Männer betroffen. Der Schmerz pocht und pulsiert einseitig, meist an den Schläfen oder hinter den Augen. Die Migräne ist oft von Übelkeit und Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet. Eine Migräne unterteilt sich in verschiedene Phasen, von denen die erste nicht nur vom Betroffenen selbst, sondern wohl auch von so manchem Arzt übersehen wird. Bis zu drei Tage vor dem eigentlichen Schmerz kann sich die Stimmung ändern, Licht als störend empfunden werden und ebenso Geräusche, die Konzentration sinken, Heißhunger (auf Schokolade) auftreten, häufiges Gähnen und Müdigkeit das Leben ein wenig ausbremsen.

Faktoren oder Umstände, die von vielen als Auslöser ihrer Attacke ausgemacht werden (Schlafmangel, Schokolade, helles Licht), sind womöglich eher Vorboten beziehungsweise Vorsymptome des nahenden Schmerzes und weniger ein Trigger der Migräne. Das heißt nicht, dass es solche fördernden Faktoren nicht auch gibt. Ausgefallene Mahlzeiten, zu wenig Schlaf oder Stress können eine Migräne anschieben. Bevor es schmerzt, tauchen bei rund einem Viertel der Betroffenen so genannte Auren auf, das sind neurologische Beeinträchtigungen in Form von Sehstörungen, Flimmern vor den Augen, Taubheitsgefühlen oder leichten Ausfällen in Sprache und Bewegung. Nach der Schmerzphase, die 4 bis 72 Stunden dauern kann (mit Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit), ist der Betroffene häufig noch länger müde, und bei manchem schmerzt ein steifer Nacken.

 

3. Wie lassen sie sich behandeln?

Für die Behandlung von Spannungskopfschmerzen steht eine ganze Palette von Schmerzmitteln bereit, etwa Acetylsalicylsäure, Paracetamol oder Ibuprofen. Häufig hilft auch eine leichte Kopfmassage mit ein paar Tropfen Pfefferminzöl auf Stirn, Schläfe oder Nacken. Ausreichend Schlaf, Entspannungsübungen und Ausdauersport helfen, dem Spannungskopfschmerz vorzubeugen.
Auch bei der Migräne sind unspezifische Schmerzmittel und/oder die so genannten Triptane Mittel der Wahl. Sumatriptan, der erste Vertreter dieser Substanzklasse, ist bereits seit 1991 auf dem Markt. Das Medikament bewirkt eine Verengung der Blutgefäße und hemmt die Freisetzung von Botenstoffen an den mit Schmerzrezeptoren ausgestatteten Endigungen des Trigeminusnervs. Bei etwa einem Drittel der Patienten sind die bisher zugelassenen sieben verschiedenen Triptane nicht oder nicht ausreichend wirksam, was für die Betroffenen dramatisch ist.

 

4. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Wetterfühligkeit und Migräne?

Wer denkt, er sei es > der Deutsche Wetterdienst hat für den Migräniker Informationen parat. Er warnt bei Einstrom von Warmluft, bei längerer feuchtkalter Witterung und bei einem starken Temperatursturz. Das ist gut gemeint, doch „so groß ist der Zusammenhang zwischen dem Wetter und Migräne wohl nicht“, sagt Markus Dahlem. Studien finden nur bei jedem 10. bis 20. Betroffenen einen Einfluss der Wetterlage auf die Migräne.

 

5. Kann Migräne vererbt werden?

Leiden die Mutter oder der Vater an einer Migräne mit Aura, haben ihre Kinder ein vierfach erhöhtes Risiko, ebenfalls an Migräne zu erkranken, bei Migräne ohne Aura erhöht sich das Risiko bei Verwandten ersten Grades immer noch um den Faktor zwei. Betroffene ahnen es beim Blick in die Familiengeschichte ohnehin: Die Migräne hat eine starke genetische Komponente. Welche Abschnitte im Erbgut die erhöhte Anfälligkeit verursachen, wird nach und nach verstanden. Die Migräne ist das Resultat einer genetischen Veranlagung und von Einflüssen aus der Lebensumwelt.

 

Und nun? Beine hoch legen, die Kinder bitten, nicht so laut zu sein, viel trinken und sich nicht noch zusätzlich Stress machen. Verständnis wäre schön und ein wenig Hilfe, dann ist der Schmerz gleich nicht mehr ganz so schlimm…


Zuerst veröffentlicht auf www.spektrum.de

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