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Das Kleinste – eine Bestandsaufnahme zum Nesthäkchen

Landläufig ist das kleinste Exemplar beim Nachwuchs  das süßeste, verwöhnteste Kind. Schließlich verlässt es als letztes das Nest und die Verwandtschaft denkt wehmütig daran. Eltern lassen ihm mehr durchgehen, und von den Großeltern wird es gern ein wenig verhätschelt (die älteren Geschwister allerdings auch, wenn es zugelassen wird) Offensichtlich hat man bei den folgenden Kindern die festen Prinzipien vom Erstgeborenen bereits über Bord geworfen (zumindest in Teilen), und deshalb muss es sich weit weniger an Regeln halten als die älteren Geschwister. Und das wunderbare pädagogische oder psychologische Fachpersonal stellt an verschiedenen Stellen und Orten fest, dass es mit der Disziplin nicht weit her ist. Selbst in einer Unzahl von Märchen, Legenden und biblischen Geschichten ist das Jüngste meist in seiner Art anders, speziell. Es erfährt eine besondere Behandlung, ist bedürftig und wird mehr umsorgt als die Geschwister, die schon fix und fertig, selbständiger und erwachsen dastehen.

Soweit also das Bild von einer kleinen anspruchsvollen Zicke im Familienverbund, die tobend und schreiend ihren Willen bekundet und vom kurzen Attilla, der sich wie der Hunnenkönig im allgemeinen Gefüge seiner Mitmenschen bewegt. Aber ist das wirklich so? Ich protestiere. (Jaja – die Mutterhormone spielen beim Protest sicher auch eine Rolle, doch irgendwie finde ich wirklich, dass das Geschwisterbild in echte Schieflage geraten ist)

Klar, gerade wenn die Kids einen großen Abstand haben, man lang auf ein weiteres Kind gewartet hat und die Sehnsucht nach „mehr“ Familie groß war, neigt man sicherlich zu besonders viel Aufmerksamkeit und Liebe.  Zumal sich dann ja auch noch die großen Geschwister mitkümmern, mitsorgen, mithelfen und miterziehen (Nichts scheint mehr Spaß zu machen als die Rolle der Ersatzmutter und des Ersatzvaters, die sagen, wo es wie langgeht.) Aber was ist schon groß? Und ab welchem Geschwisterabstand kann man denn von Brüdern und Schwestern sprechen, die erwachsen sind?

Ich zumindest kenne eher Familien, wo der Abstand zwischen den Mäusen geringer ausfällt (in Zahlen:  1 – 4), und da kann man so gar nicht vom verwöhnten Kleinsten sprechen. Ganz im Gegenteil. Das elterliche Herz ist eher besorgt, denn es wird ständig geschubst, hinterher gezogen, überrannt, zu Boden geworfen und wie von einer Dampfwalze mit Geschwisterliebe erdrückt, im Mittagsschlaf gestört, soll Bälle fangen, die einem an den Kopf fliegen oder aus Behältern trinken, die im Verhältnis wie Wassereimer anmuten.

Im Allgemeinen gönnt man den Kleinsten auch weit weniger der  fabelhaften Baby- und Kinderkurse. Diese haben sich oft schon bei den älteren Geschwistern als gar nicht so fabelhaft herausgestellt. Nach dem persönlichen Test sind sie als überbewertet, anstrengend, gigantisch aufwendig oder einfach nur als merkwürdig in den elterlichen Erfahrungsschatz aufgenommen, was nicht unbedingt nach Wiederholung ruft.  Und selbst, wenn die Kurse wirklich grandios waren, bleibt mit mehreren Mäusen für die Kleinsten weniger Zeit für diese Art von Bespaßung. Schließlich möchten ja auch die anderen Kinder etwas unternehmen, haben Termine (ein schrecklicher Begriff, aber das Holen und Bringen, Ganztagsangebote und ähnliches sind nun einmal Termine, obwohl es wahrlich gruselig klingt und sie so wenig wie möglich im Tagesgeschäft vorkommen sollten.)

Betrachtet man sich die Fotowände und Alben muss man sich auch eingestehen, dass der Fotofanatismus des Erstgeborenen erheblich nachgelassen hat. Gibt es vom Größten noch Bilder in allen nur möglichen minimal unterschiedlichen Alterskategorien, in einer unglaublichen Vielfalt von Grimassen und Gesichtsausdrücken, in den wildesten Posen aufgehübscht, dreckig, müde, strahlend, nass, nackt oder niedlich, ist das Bildmaterial beim Nesthäkchen eindeutig weniger. Schließlich hat man das Gefühl, schon einmal alles fotografiert zu haben und (das ist auch nicht zu vernachlässigen) die Fotos wollen auch dokumentiert oder in irgendeiner Form archiviert werden. (Ich weiß es. Man kann Stunden, Abende und ganze Tage einfach so mit hübschen Kinder- und Familienalben verbringen. Leider bedenkt man beim ersten Kind nicht unbedingt, dass besonders pompöse Projekte dann auch von allen anderen Kindern gewünscht werden… Oder anders, man kann es als Muttertier nicht auf sich sitzen lassen, dass nur ein Kind eine schöne, aufwendige Fotobastelei erhält und das andere nicht.)

Zudem ist es für das Kind selbst, glaube ich, gar nicht so toll, immer das Kleinste zu sein. Ihm traut man (sogar statistisch bewiesen) viel weniger zu und das scheint dramatisch. Denn so entwickeln sich die Mäuse in folgende zwei Richtungen.

Entweder sie streben nach Aufmerksamkeit und wollen immer und überall zeigen, was sie können. Denn wer will schon ewig der oder die „süße Kleine“ sein? Spätestens im pubertären Kampf der Hormone wollen sie sich beweisen. Schneller, höher, weiter – auch und vor allem im Vergleich zu den älteren Geschwistern. (komischerweise muss ich gerade an das fast erwachsene Baby aus „Dirty Dancing denken, die eine Wassermelone trug und Popo wackelnd über Baumstämme hüpfte.) Oder aber die Kids sind bereits vor dem Versuch entmutigt. So schön, so schnell, so weit wie die Großen schaffen sie es sowieso nicht, weshalb sie dramatischerweise schon vor dem Probieren aufgeben. Sie suchen eine Nische und werden dann eher zum Pausenclown. Denn wenn man mit den Leistungen der anderen nicht mithalten kann, dann möchte man sie wenigstens zum Lachen bringen. So hat man auch die Aufmerksamkeit der Eltern und Geschwister, doch  so super erscheint mir das nicht.

Ergo: das Kleinste und Jüngste hat es meiner Meinung nach gar nicht so leicht wie alle denken. Tatsache ist, es muss sich von Anfang an im „Familienrudel“ einfinden und Rudelgeschwister können manchmal ganz schön anstrengend, aufreibend oder auch neidisch sein. Sie wollen und müssen sich von ihren älteren Geschwistern abgrenzen und müssen ihren Platz erst finden. Schließlich gibt es mindestens ein Kind vor ihnen, was reifer, erfahrener und geschickter ist. Und obwohl von Liebe auch bei vielen Geschwistern nie zu wenig da sein kann, die Zeit ist nun einmal begrenzt und knapp bemessen.

So, und da das so ist, bekommt jetzt unsere kleine Schnullerbacke einen Keks und einen extra großen Knutscher. Nein, mein Schatz, Du bist nicht verwöhnt. Du bist genau wie das große Kind etwas ganz Besonderes….

Das Kleinste – eine Bestandsaufnahme zum Nesthäkchen
von Sabine Henriette Schwarz

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