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Kolumnen

Kleine Urlaubsschweine

 
Jeder Mensch hat ein Recht auf Erholung. Zwanzig Tage steht dem schnöden Arbeitnehmer zu. Und auch für sehr kleine Menschen gilt, es braucht Abstand von Kita und Tagesmutter, die ja auch irgendwie Arbeit bedeuten. Deshalb: raus aus dem Leipziger Allerlei aus Bringen, Holen und Essen, Schlafen, Spielen oder Baden. Hinein in die freie Zeit – wo auch immer sie verbracht wird.

Ich zumindest bin kein Freund von langen Fernreisen. Natürlich haben auch wir im Freundes- und Bekanntenkreis begeisterte Flieger und die zwölf, sechszehn oder achtzehn Stunden nach Südafrika, Indien oder Marokko sind gar kein Problem. Schließlich gibt es Kinderspielzeug und Trickfilm, Buggys am Terminal und nettes Hotelpersonal. Dennoch… ich bin der Meinung, dass es all dies für eine schöne Zeit nicht braucht.

Hauptsache eins: es ist woanders und nicht gleich der Hauseingang nebenan.
Hauptsache zwei: möglichst viel Freiraum und wenig „Du darfst nicht…. Setz Dich ordentlich hin… Sei nicht so laut…. Pass auf, dass Du Dich nicht bekleckerst…“.
Hauptsache drei: es sind Spielgefährten in der Nähe, neue Freunde.
Hauptsache vier: Eis essen darf auf keinen Fall vernachlässigt werden.

Für all das brauch ich jedoch kein Südafrika und gelinde gesagt, ich spare mir auch gern die Zeit, die man mit einer mordsmäßig anstrengenden Anreise verbringen dürfte. Ich freue mich, wenn die Kinder im Auto mal einschlafen und wenn sich die erste Urlaubsaufregung wieder legt (erfahrungsgemäß am dritten Tag nach der Ankunft). Ergo: auch wir mussten lernen, dass eine einzige Woche wenig sinnvoll ist. Gerade hat man sich eingelebt – weiß, wo es lecker Kuchen gibt, wie man schnellstens zum See gelangt, wo sich der nächste Supermarkt versteckt, man hat das frische Bad verwüstet und auf dem Küchentisch klebt endlich die lang vermisste Glitzerknete, da muss man schon wieder fahren. Ehrlich, ein Drama, dass mir fast das Herz gebrochen hat. Denn das eine, große Kind war bereits am Tag vor der Abreise schwer bestürzt:

„Mama, das ist unser letzter Abend im Ferienhäuschen. Nur noch einmal schlafen und dann fahren wir wieder. Ich will aber hier bleiben. Hier ist doch schön, oder? Mami, Du findest es doch auch schön…“

Und dann machten wir den folgenschweren Fehler, ihr zu sagen, dass wir versuchen wollten, noch ein paar Tage länger zu bleiben und den Vermieter fragen. Hoffnung keimte auf und wir mussten sie zu Nichte machen (natürlich gab es schon andere, die sofort nach unserem Rauswurf scharf auf unsere Behausung waren.) Dabei waren wir doch selbst schwer erschüttert. Unsere kleine Urlaubsauszeit sollte schon zu Ende sein. Wobei… die Zeit an sich war nur ein Aspekt unserer Bestürzung.

Mindestens genauso schwer wog die Tatsache, wie ausgeglichen und fröhlich die kleinen Menschen sein konnten, geradezu harmonisch. Viel freier als im städtischen Raster verbrachten sie ihren Tag. Das kleine Kind, das bis dato kein großer Redner war, plapperte ohne Unterlass und überraschte mich mit dem kompletten Satz: „Mami warte. Ich komme gleich.“ (ich war so perplex, dass mir fast die Brauseflasche aus der Hand gefallen ist und ich spürte ein leichtes „Pippi“ in den Augen). Auch die Toilette, die eher für ein rauschendes Möbel gehalten wurde (sie ist knapp zwei und das Thema: Töpfchentraining scheint in der Kita nicht gerade intensiv verfolgt zu werden), konnte man mit Begeisterung besuchen (nun ja, nicht immer, aber immerhin) Wie eine Große setzte man sich hin, machte dicke Backen und presste angestrengt die Lippen zusammen. Bei Halteversuchen meinerseits, damit der kleine Po nicht direkt ins große Becken abrutschte, wurde ich zurecht gewiesen: „Mami, nicht helfen.“ Ahja…

Generell waren die Kinder immer schmuddelig, bekleckert. Rosige, leicht gebräunte Urlaubsschweinchen eben. Der See konnte nur bedingt helfen, denn gleich nach dem kühlen Nass folgte ein Matschweitwurf. (Schlammmasken sind ja sogar käuflich zu erwerben.) Aber wer will ihnen schon den Spaß mit Dauer-Duschen und Seife verderben? Ich dachte zuerst, man könnte, aber das war eine dumme Idee. Die Knie waren aufgekratzt und die frischen Anziehsachen des morgens schienen schon eine Stunde später direkt eine Abenteuerreise mitten durch den Dschungel gemacht zu haben. Aber ist das wichtig?

Wohl kaum – schließlich ist ein Lachen trotz kohlrabenschwarzem Gesicht, Schokoschnute, Kratzer am Auge und Matsch in den Haaren, ein Lachen. Und Kinderaugen leuchten auch, wenn auf ihrem T-Shirt der halbe Komposthaufen klebt…

In diesem Sinne auf einen schönen dreckigen Urlaub, der hoffentlich nicht so schnell vorbei geht!

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz


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