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Kolumnen

Eine kleine Lobhudelei

Niemals hätte ich gedacht, dass ich in dieser Art und Weise abhängig werde. Dass  ich sie immer irgendwie dabei haben muss. Eine Packung im Bad, eine in der Küche, eine im Auto, in der blauen Handtasche mit dem roten Streifen und dann noch in meiner Sporttasche. Selbst mein Mann hat welche zwischen den Vordersitzen nah beim Lenkrad, damit man gerüstet ist. Und gerüstet muss man mit Kindern immer sein. Wovon ich rede? Von dieser Wahnsinnserfindung namens Feuchttücher.

Ja, ich höre schon die großmütterliche Stimme im Hinterkopf, die da flüstert, dass es Seife, Öl, Wasser und ein Waschlappen früher genauso gut gemacht haben, und sie hat Recht.  Und noch einmal ja, ich höre die imaginären Stimmen der Bio-Öko-Begeisterten, die natürlich auch Recht haben, wenn sie sagen, dass in den nassen Lappen nicht nur pures Wasser und weiche Baumwolle ist. Schließlich würde es dann schimmeln und austrocknen. Tut es aber nicht dank gemischten Konservierungsmitteln und Tensiden. Ich weiß das, wirklich. Trotzdem machen sie das Leben einfacher und helfen schrecklich schnell und unkompliziert, wenn ein Malheur passiert ist. Kaum etwas ist in meinem Haushalt dermaßen vielseitig einsetzbar und so flexibel.

Da gibt es beispielsweise das Schokoeis an einem freien Nachmittag, das sich plötzlich und unerwartet wie von selbst auf dem kompletten Kind verteilt hat und von Gesicht, Ohren, Hals und Armen geputzt werden muss. Da krabbelte das Baby verblüffend schnell im Park über die Wiese und kommt mit nach Hundekacke stinkenden Händen wieder (Und wenn es nur die Hände sind, hat man wirklich Glück gehabt – Liebe Hundebesitzer, Tüten sind zwar nicht so sexy für die Besitzer, aber eine wirklich sinnvolle und gute Erfindung). Da schüttet das Kind den lebensnotwendigen mütterlichen Kaffee to go im Auto aus als es begeistert über die Armlehne klettert und überflutet so die graue Plastik, die die Handbremse einfasst, was schnelles Handeln unabdingbar macht. Genauso wie beim Wassermelonen-Picknick, welches unweigerlich zu natürlichem Ganzkörperklebstoff führt, der sich dank liebevoller Umarmungen und Küsse gern auf alle Beteiligten verteilt. Aber die vornehmliche und  wertvollste Art der Nutzung dient immer noch dem Erfrischen des Allerwertesten. Besser gesagt, im Bereinigen desselbigen, wenn die Katastrophe passiert ist und das Popo-Übel bereits Mitmenschen belästigt.

Neuerdings habe ich sogar noch ganz andere Einsatzmöglichkeiten für die Lappen ausgemacht. So waren sie vortrefflich als ich letztens nach einem staubigen Weg mit Geröll und Kieselsteinen wieder saubere Schuhe brauchte und nichts anderes dabei hatte. Sie halfen auch als der unangekündigte Besuch plötzlich ins Bad musste und vorher eine kindliche Zahnputzorgie Spiegel, Waschbecken und Waschtisch in eine gesprenkelte Zahnpastalandschaft verwandelt hatte. Und zu guter Letzt, wenn keine Zeit und Lust für die Tankstelle vorhanden, kann der lästige Vogelschiss auch an Scheibenwischer-fernen Stellen fix entfernt werden. (Nicht, dass mich so ein Klecks enorm stören würde, aber das Kind schreit dann in regelmäßigen Abständen immer: „Iiiiiieeeehhhh Mami, Kacka, warum der Vogel auf unser Auto gekackt?“ )

Trotz aller Begeisterung, die Dinger zerfallen im Vergleich zu Toilettenpapier viel schwerer und können zu unschönen Verstopfungen des stillen Örtchens führen. Und selbst das Vereinigte Königreich hat ein Problem mit den nassen Lappen. Denn die britische Marine Conservation Society (MCS) musste laut BBC ein Entsorgungsproblem an der Küste melden. Feuchttücher nahmen laut MCS um fünfzig Prozent zu. Das sind fünfunddreißig Feuchttücher pro Kilometer Strand, der gereinigt werden muss. Gar nicht gut. Die Teile gehören schließlich in den Müll und nicht an den Strand.

Ich bin mir sicher, irgendwann wird diese Feuchttuchphase enden, aber im Moment? Sicher , es gibt auch ein Leben ohne Feuchttuch. Aber es ist wirklich eine wahnsinnig praktische Angelegenheit und hilft bei fast allem. Deshalb bin ich ehrlich froh über diese kleine, wässrige Erfindung und immerhin: vierzehn von zweiunddreißig getesteten Produkten haben von Ökotest die Note „sehr gut“ bekommen.

In diesem Sinne, auf ein fröhlich schnelles Wischen bei allen Missgeschicken, die da noch kommen werden.


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