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Kinderschutz und sexuelle Grenzverletzungen

Vor gut acht Jahren wurde der Fall des sexuellen Missbrauchs am Berliner Canisius-Kolleg öffentlich. Vor Kurzem sprach der Papst auf Twitter hinsichtlich der Missbrauchsfälle in Pennsylvania von „Scham und Bedauern“. Tatsächlich wurden aber mindestens 1000 Kinder von mehr als 300 katholischen Priestern missbraucht. Scham und Bedauern genügt da beileibe nicht und so wurde ergänzt, die Kirche solle den Opfern zuhören, um gegen den „tragischen Horror, der das Leben der Unschuldigen zerstört“ vorzugehen.

Aber leider sind diese tragischen Fälle allgegenwärtig. So verzeichnete die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für das Jahr 2016 in Deutschland mehr als 12.000 Ermittlungs- und Strafverfahren wegen sexuellen Kindesmissbrauchs nach den Paragraphen 176, 176a oder 176b Strafgesetzbuch. Opfer dieser Straftaten waren zu 75% Mädchen und 25% Jungen. Obendrein sind noch die Fälle des Missbrauchs von Schutzbefohlenen und Jugendlichen zu berücksichtigen sowie ca. 7000 Fälle wegen sogenannter Kinder- und Jugendpornografie.

 

Die Dimension einer Volkskrankheit

Der unabhängige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, spricht von der „Dimension einer Volkskrankheit“. Die Wahrheit ist so bitter, dass manch einer es lieber verschweigen und die Augen davor verschließen würde, gerade weil ca 80% aller Fälle im sozialen Nahfeld des Kindes stattfinden, d.h. Freunde, Familie, Bekannte, Nachbarn. Und die Statistik weist lediglich die aktenkundigen Fälle aus. Die Dunkelziffer ist weitaus höher. So geht man inzwischen davon aus, dass etwa jeder achte Erwachsene in Deutschland in seiner Kindheit oder Jugend sexuelle Gewalt erfahren hat .

Aber ab wann spricht man von sexueller Gewalt oder besser: Wo werden individuelle Grenzen überschritten? Wann ist es nicht mehr schön und freiwillig? Wie können Kinder lernen, dies einzuschätzen und wann/wie darf und kann man „Nein!“ sagen und sich Hilfe holen?

Das Kinderschutz Zentrum im Leipziger Süden, gegründet 1991, und eines von 27 Zentren bundesweit – 2 davon in den neuen Bundesländern, setzt sich mit Fach-, Familien und Erziehungsberatungen, mit Angeboten bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung und mit Präventionsmaßnahmen zu sexuellen Grenzverletzungen für mehr Aufklärung, Verständnis und Hilfe ein. Denn: Nur wer weiß, wie sich gute Gefühle anfühlen, wie man Grenzen einfordert, wenn sich etwas blöd anfühlt, wie man „Stopp“ sagt,  und wie man Hilfe bekommt, wenn Grenzen überschritten worden ist gewappnet.

 

Oberstes Ziel:

Präventive Inhalte und Botschaften zum Thema sexuelle Grenzverletzungen sollen den Alltag der Kinder erreichen. Pädagogische Fachkräfte und Eltern müssen daher ebenso involviert werden, um Handlungskompetenz im Umgang mit Sexualität und Grenzen sowie in Verdachtsmomenten zu erhalten.

 

100% Schutz können derartige Projekte leider nicht garantieren, aber sie sind wirksam, um Grenzverletzungen unwahrscheinlicher zu machen. Insbesondere dann, wenn Schule, Eltern, Hort und externe Fachkräfte engagiert zusammenarbeiten.

Die Gegenwart ist der größte Baustein der Zukunft – wie kann man präventiv bei Kindern aktiv werden? Wie kann man sie gegen sexuelle Grenzverletzungen stark machen?
In sechs Modulen, beispielsweise in Schule und Hort, wird mit den Kindern erarbeitet, ihre eigenen Grenzen und die anderer zu spüren, sich zu schützen und in unangenehmen Situationen Hilfe zu holen. Hilfe holen ist kein Petzen! Das erfahren sie, wenn folgende Themen aufgearbeitet wurden:

  • 01Ich bin stark!
  • 02Mein Körper. Er ist schön und einzigartig. Jeder hat das Recht, selbst zu bestimmen, von wem er angefasst werden möchte und von wem nicht!
  • 03Vertrau Deinem Gefühl – es gibt schöne und blöde Gefühle
  • 04Über Deinen Körper bestimmst Du allein – es gibt gute und schlechte Berührungen
  • 05Es gibt gute und schlechte Geheimnisse, schlechte darf man weitererzählen!
  • 06Du darfst „NEIN“ sagen
  • 07Du bist nicht allein und darfst Dir immer Hilfe holen

Wichtig ist, sich langfristig vor einer möglichen Tat mit den Kindern darüber zu einigen, wer alles für Hilfe in Frage kommt. Dafür kann man ein sogenanntes Hilfenetzwerk zeichnen und gemeinsam ausfüllen wer dem Kind ganz nah ist (wie Mama oder Papa) und wer weiterhin ansprechbar ist…

 

Kinderschutz und Schule

Die Projekte sind für Schulen erarbeitet und werden in enger Zusammenarbeit mit der Lehrkraft oder den Erziehern des Hortes durchgeführt (gegen eine geringe finanzielle Pauschale). Auch Elternabende zum Thema „Kinder stärken – Gewalt vermeiden“ führt das Kinderschutz-Zentrum an Kitas, Schulen und Horten kostenfrei durch.

Für Kinder in der 1. – 4. Klasse wurde von dem Petze-Präventions-Portal folgende Broschur entwickelt, die zum kostenlosen Download bereitsteht und die noch einmal kindgerecht die Thematik zusammenfasst.

Kinderschutz im Schulalltag ist nicht selbstverständlich: Es sind keine verbindlichen Schutzkonzepte vorhanden

Ein standardisiertes Schutzkonzept gegen sexuelle Gewalt gibt es nicht. Jede Schule muss deshalb ihren eigenen Weg zu ihrem schulischen Schutzkonzept finden und planen – sofern sie möchte und die Kollegen sich des Themas annehmen. Naheliegend, dass derlei Schutzkonzepte personelle und finanzielle Ressourcen benötigen, die wie immer knapp sind.

Deshalb ist die Forderung nach Schutzkonzepten, formuliert vom Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs in der Initiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“, an keine Bedingungen oder Schulanforderungen geknüpft. Jeder soll, kann und darf im Rahmen seiner Möglichkeiten. Aber wie sehen die aus? Wo soll das Personal herkommen? Die Fachberatungsstellen sind personell nicht ausgerüstet und die Lehrer und Horterzieher oft so intensiv eingebunden, dass ein derart wichtiges, emotionales Thema nicht „nebenbei“ zu leisten ist. Es braucht Ideen, Gelder und Unterstützung von Stadt und Land!

Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, hat die Vision so formuliert:

„Unser Ziel ist es, dass alle Schulen Konzepte zum Schutz vor sexueller Gewalt (weiter-)entwickeln, damit Kinderschutz im Schulalltag selbstverständlich wird. Nur durch das Engagement jeder Schule kann es schrittweise zu einem Rückgang der unverändert hohen Fallzahlen kommen. Schulen können Kinder und Jugendliche wirkungsvoll schützen und ihnen helfen, unabhängig davon, ob sie sexuelle Gewalt in der Familie, in der Schule, in der Freizeit oder über das Internet erleiden.“

Doch die Vision und die Umsetzung hängt in der Warteschleife. Es braucht Taten, politische Unterstützung, denn allein mit der Theorie ist den Kindern nicht geholfen.

Übrigens: Sachsen hat bis dato noch keinen Startschuss zur Umsetzung gegeben – obwohl die Forderungen bereits seit knapp drei Jahren bestehen.

 

Hilfe und Kontakte

Hilfetelefon sexueller Missbrauch: Tel. 0800 2255530 (kostenfrei und anonym)

Hilfeprotal sexueller Missbrauch https://www.hilfeportal-missbrauch.de/startseite.html

Unabhängiger Beauftragter https://beauftragter-missbrauch.de/

Initiative vom Unabhängigen Beauftragten: www.schule-gegen-sexualisierte-gewalt.de

 

Hilfe in Leipzig

Kinderschutz-Zentrum Leipzig<
Brandvorwerkstraße 80
04275 Leipzig

Tel.: (0341) 960 28 37

Präventionsprogramme für Schule und Hort:

Ansprechpartnerin: Sophie Pasch

pasch@kinderschutz-leipzig.de


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