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Kinderbetreuung – jedem das seine. Aber warum greifen sich denn Mütter gegenseitig an?

Es gibt doch nicht den einen richtigen Weg und die eine superoptimale Lösung – egal ob Kindergarten, Tagesmutti oder Zeit zu Hause…. Jeder versucht sein Bestes. Aber sollte man sich dafür schuldig fühlen, oder ist es anders weniger gut?

Daphne, Mutter zweier Söhne, die zu Hause sind, denkt offen und ehrlich darüber nach….


Ich habe zwei Kinder. Turbo, der im April 5 wird und Flamingo, der im Januar 2 wird. Beide gehen nicht in den Kindergarten. Ich bin mit ihnen Zuhause. Erst weil wir alle mit der Kindergartensituation nicht zufrieden waren und danach, weil wir keinen Platz bekommen haben.

Ich finde es manchmal schwierig, anderen Müttern meine Beweggründe zu erzählen. Erstens möchte ich nicht, dass sie sich in ihrem Weg angegriffen fühlen nur weil ich es anders mache und zweitens bekomme auch ich für meine Gedanken manchmal unverständige Blicke oder Sprüche.

Letztens hatte ich ein Gespräch mit einer Freundin, die ihre Kinder jeweils vor ihrem zweiten Geburtstag von einer Tagesmutter betreuen ließ. Ich hatte einen Satz gesagt, bei dem ich nicht wusste, ob sie sich davon angegriffen gefühlt haben könnte. Als wir uns ein paar Tage später wiedersahen, sprach ich den Satz nochmal an und entschuldigte mich dafür. Sie antwortete mir, dass sie sich davon nicht angegriffen gefühlt hatte. Im Gegenzug entschuldigte sie sich bei mir für eine Aussage, die sie ein paar Wochen zuvor zu dem Thema gemacht hatte. Ich hatte ihren Satz auch nicht als Kritik empfunden.

Ich machte mir nach unserem Gespräch allerdings noch Gedanken darüber. Warum fühlte sie sich schlecht, weil sie gesagt hatte, welchen Druck sie von ihrem Umfeld über die frühe außerfamiliäre Betreuung empfindet? Warum traue ich mich nicht anderen zu erklären, warum unsere Kinder noch nicht im Kindergarten sind?

Wieso ist es so, dass wir uns alle nicht trauen in der Öffentlichkeit zu sagen wie wir uns fühlen? Es geht ja noch nicht mal um Meinungen, sondern nur darum, wie es uns mit dem Thema geht. Was wir empfinden. Wodurch wir uns unter Druck gesetzt fühlen. Was unsere Beweggründe für den einen oder anderen Weg sind. Wir kommen nicht in den Austausch miteinander, weil wir unterschiedliche Ansätze und Überzeugungen haben und sich jeder direkt angegriffen fühlen könnte.

Aber bei den allermeisten Leuten die ich kenne (wenn nicht sogar allen), kann ich eines feststellen:

Wir wollen alle das Beste für unsere Kinder!

So unterschiedlich wir es auch machen. Keiner von uns will seinem Kind schaden. Vielleicht ist ja sogar genau das der Grund, warum wir uns so schnell angegriffen fühlen. Wenn wir mit einem anderen Weg konfrontiert werden und ihn erstmal als legitim annehmen, fragen wir uns selbst meistens direkt: Hätte ich etwas anders machen sollen? Und diese Frage mit „Ja“ zu beantworten kann schwer auf der Seele lasten, weil es hierbei immerhin um die Menschen geht, die wir ins Leben begleiten sollen.

Aber weil wir alle die gleiche Ausgangssituation haben, nämlich das Beste für unsere Familie zu wollen, wünsche ich mir, dass wir dabei alle ehrlich sein dürfen, was uns zu unseren Überzeugungen gebracht hat und wie es uns damit geht. Und das wir uns gegenseitig zuhören. Wer weiß? Vielleicht könnte uns so ein Zuhören ja sogar inspirieren.

Deshalb möchte ich jetzt mal ganz ehrlich sein.

Wenn ich ehrlich bin, möchte ich in den ersten drei Lebensjahren meiner Kinder die Person sein, die sie in dieser prägenden Zeit prägt.

Wenn ich ehrlich bin, genießen wir unseren Alltag mit entspannten Vormittagen und Nachmittagen voller Verabredungen.

Wenn ich ehrlich bin, finde ich es schade, dass Verabredungen auch schon als Turbo 2 Jahre alt war vormittags nicht möglich waren, weil es kaum 2-Jährige, geschweige denn 3- oder 4-Jährige gibt, die vormittags Zeit haben.

Wenn ich ehrlich bin, haben mich die zwei Monate in denen Turbo letztes Jahr im Kindergarten war mehr gestresst als das sie mich entlastet hätten, mit dem Bringen und Abholen, das immer genau dann war, wenn Flamingo gerade schlief.

Wenn ich ehrlich bin, bin ich zeitweise überfordert mit einem Kind, das den ganzen Tag mit mir redet und meine Aufmerksamkeit und Reaktion einfordert und einem Kind, das schon mit einem Jahr besser klettert als läuft.

Wenn ich ehrlich bin, finde ich es schade, dass ich dafür bezahlt werden kann auf fremde Kinder aufzupassen und andere dafür bezahlt werden können auf meine Kinder aufzupassen, aber ich keine kleine finanzielle Wertschätzung dafür bekommen kann, dass ich meine Kinder bis zum dritten Lebensjahr selbst betreue.

Wenn ich ehrlich bin, fiel es mir vor über einem Jahr nicht leicht, meinen 3-Jährigen zum ersten Mal so richtig in die „große weite Welt“ gehen zu lassen, in der ich nicht mehr alle Einflüsse einschätzen kann.

Wenn ich ehrlich bin, finde ich es ungerecht, dass es leichter ist einen Betreuungsplatz für einen 2-Jährigen als für einen 4-Jährigen zu bekommen.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich manchmal schon Mütter verurteilt, die ihre Kinder besonders früh oder besonders spät außerfamiliär betreuen lassen, ohne die Hintergründe zu kennen.

Wenn ich ehrlich bin, wünsche ich mir, dass keine Mutter das Gefühl hat sich für ihre Entscheidungen vor anderen rechtfertigen zu müssen, wie auch immer sie lebt.

Nur vor uns selbst und unseren Kindern müssen wir uns rechtfertigen und deshalb immer wieder ehrlich hinterfragen, ob unser Weg für uns alle gut ist oder gegebenenfalls etwas verändern.


Zuerst veröffentlicht auf daphne-denkt.de

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