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Kolumnen

Kinder sind Kinder sind Kinder

Wenn man Berlin besucht, findet man sich wieder inmitten von Buntem, scheinbar Einzigartigem, man findet und verliert sich im Trubel, im Lauten und Weiten, im Experimentellen und Gehetzten, im Pulsierenden, im Multikulturellen.  Und gerade, wenn inmitten des Gewühls alles möglich scheint, jeder rennt, sucht und unterwegs ist, steigt der Wert für den Ort, wo man Ruhe und ein Zuhause findet. Berlin, hier leben sie: die Einzelgänger, Grenzgänger und Familienmenschen unterschiedlicher Nationen mit ihren Sprachen, Religionen, Kulturen und Traditionen. Eine wilde Mischung aus Extrovertierten, Angepassten, Kontaktfreudigen, Künstlern, Kosmopoliten, Einsiedlern und Unzugänglichen, die den neunhundert Quadratkilometern der Hauptstadt das Gesicht und Gefühl geben. Ein Hauptstadtgefühl. Dresden ist nur 190 km entfernt. Leipzig auch.

Dem Kind, das gerade neben mir über den Zebrastreifen hüpft, ist das alles egal. Es hat Hunger und ist müde. Nur, als wir auf die Bezahlung inmitten unterschiedlicher Sprachen warten, zupft es aufgeregt an meiner Hose, um zu erfahren, warum der Mann hinter uns so braun ist. Ich hole weit aus und versuche zu erklären, dass wir nur ein kleiner Teil vom großen Ganzen sind, dass die Welt aus vielen anderen Ländern besteht (so ähnlich wie ein bunter Ball mit Blumen, Bäumen und Tieren drauf. Wir sind nur ein ganz kleines Stückchen vom Bild auf dem Ball)… dass die Menschen dann manchmal anders aussehen und anders sprechen.  Es ist gerade so wie beim Sandmännchen, wenn er vor der Gute-Nacht-Geschichte zu den Reisfeldern nach Vietnam fährt oder in den Orient zum kleinen Muck.

Ich bin einigermaßen zufrieden mit meiner Erklärung. Wir bezahlen und das Kind kaut nun verdrossen. „Was hast Du denn?“ frage ich. Es antwortet mit Knurren. Aha, denke ich, irgendetwas liegt im Argen. Und als wir einige Zeit später im Auto sitzen und heimwärts fahren, platzt es aus ihr heraus: „Aber Mami, der Mann ganz braun und mir keine Schokolade gegeben!“ „Warum sollte er Dir denn Schokolade geben?“ frage ich zurück. „Na Mami, wie in meinem Buch. Das war kein Mann vom Sandmännchen, das war der Schokoladenopa und wir einfach gegangen und er mir keine Schokolade gegeben.“

Hinten wimmert, mir dämmert es. In Leipzig hat sie offensichtlich noch nie einen afrikanisch aussehenden Erwachsenen gesehen. Dafür gibt es im Bücherregal daheim eine Ausgabe der „wilden Zwerge“, wo die Zwerge aus dem Kindergarten dem Titel gerecht werdend einen ziemlich wilden Besuch im Altenheim absolvieren und dort die Heimbewohner kennenlernen. Einer von ihnen ist der sogenannte großzügige Schokoladenopa, ein alter Herr, der immer einen geheimen Vorrat im Schrank hat und ihn gern verteilt. Nicht, dass der Schokoladenopa wie Schokolade aussehen würde, aber der kleine Kopf hat es wohl in einen Topf geworfen. Ich kläre auf, dass es da keinen Zusammenhang gibt. Das Kind hört zu und als ich mich wieder umdrehen kann, liegt es mit geschlossenen Augen und offenem Mund ein wenig schief im Kindersitz. Mir bleibt also ein wenig Zeit, um nach der Erleichterung, die große Stadt wieder verlassen zu haben, auf den Fahrspuren der Autobahn meinen Gedanken hinterher zu hängen.

Diese bestehen ab Behlitz vor allem aus einem Erlebnis, was bereits einige Jahre zurück liegt, aber in dem Moment so präsent ist als wäre es gestern geschehen. Das Baby, aus dem jetzt das kleine, leicht sabbernde Mädchen hinter mir geworden ist, war etwa acht oder neun Monate. Wir waren auch auf dem Heimweg, allerdings aus der Innenstadt. Es war warm, und ich kann mich noch erinnern, dass der kleine Mensch sehr unleidlich in seinem Wagen lag. So entschied ich mich für eine Fahrt mit der Straßenbahn, die den unschlagbaren Vorteil von schaukelnden, beruhigenden Bewegungen und viel Ablenkung bot. Start: Wilhelm-Leuschner-Platz. Tatsächlich, beruhigte sich das Kind innerhalb weniger Minuten, was weniger an meinen mütterlichen Fähigkeiten als viel mehr an den Mitfahrenden lag.

Gleich neben dem Einstieg saß nämlich eine Familie mit ausländischen Wurzeln. Die Damen in dunklen Gewändern mit Kopftuch. Die Kinder, zumindest die Mädchen, farbenprächtig gekleidet mit ein wenig Rüschen und Pailletten. Die beiden Kleinsten saßen auf dem Schoß ihrer Mütter und schauten neugierig hinüber. Die Mütter wiederum unterhielten sich angeregt mit Mimik und Gestik. Und alle zusammen boten ein angeregtes, buntes Bild, was recht selten in Leipzig anzutreffen war (auch heute erscheint mir Leipzig im Berliner Vergleich lange nicht so wild und multikulti. Nur so ist der Schokoladenirrtum zu erklären) Mein Baby war leise und scheinbar fasziniert. Ich saß da, glücklich über die Ruhe und mutmaßte insgeheim, worüber sie sich wohl unterhielten.  Natürlich verstand ich kein Wort, aber ich sah, dass gerade die Mutter des einen kleinen Kindes immer wieder sehr ernst mit ihm sprach, seine Hände in ihre nahm und mit dem Kopf schüttelte. Das wiederholte sich drei Stationen lang und gerade als ich mit meinen Gedanken schon beim Mittagessen und Mittagsschlaf war, hört ich die schüchterne, fast schon bescheidene Stimme der Frau, die jetzt geraume Zeit vor mir gesessen hatte. Offensichtlich hatte es sie viel Überwindung gekostet mich anzusprechen, denn sie sprach sehr leise als sie mich lediglich um Verzeihung bat und mich fragte, ob ich es erlauben würde, dass ihr Kind einmal mein Baby berühren dürfte. Verblüfft bejahte ich, damit die Frau darauf die kleinen Hände ihrer Tochter los lies und diese lächelnd ein wenig die Hand des Babys streichelte…

Kinder sind immer das was sie sind, Kinder. Für sie gibt es beständig einen gemeinsamen Weg des Entdeckens und Lernens und Wachsens. Alles andere ist doch das Denken und Fühlen aus dem Universum der Erwachsenen, oder? Ich zumindest stand nach dieser Begegnung verblüfft an der Haltestelle, sortierte mich traurig und spekulierte, was unserer gemeinsamen Fahrt wohl alles voraus gegangen war….

„Kinder sind Kinder sind Kinder“ von Sabine Henriette Schwarz


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