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Kamikaze Kid

 

Kinder sind wie sie sind. Man kann sie sich nicht aussuchen, oder in einem hübsch rosa oder hellblauen Bestellkatalog mit Schleifchen blättern, um sich Eigenschaften zu wünschen. Aber was würde man wohl wählen, wenn es die Option gäbe?

Agil, akkurat, ausgeglichen, charismatisch, charmant, dynamisch, ehrgeizig, enthusiastisch, fürsorglich, großzügig, idealistisch, jovial, kommunikativ, kompetent und kreativ?

Wohl kaum affektiert, aggressiv, arrogant, cholerisch, despotisch, dreist, egoistisch, egozentrisch, hysterisch, ignorant, intrigant, kleinkariert und kompliziert?

Kinder sind eine Überraschung, denn wer weiß schon, ob ein kleiner zurückhaltender, schreckhafter Zwerg oder eher ein lauter, neugieriger und zum Sprung bereiter Hase das Licht der Welt erblickt. Kinder sind irgendwie wie ihre Eltern (deshalb darf man sich eben bei manchen Dingen auch nicht wundern und muss sich an die eigene Nase fassen) und doch ganz anders. Kleine Persönlichkeiten eben, die von ihren Genen und von ihrer Umgebung geprägt werden. Dr. Birgit Elsner, Leiterin der Abteilung Entwicklungspsychologie der Universität Potsdam, spricht bei Babys vom „frühkindlichen Temperament“, das sich gravierend unterscheiden kann und meint:

Ganz bestimmte Eigenschaften ­scheinen einfach angeboren. Zum Beispiel die Art und Weise, wie ein Neugeborenes auf die Welt zugeht. Manche sind sehr offen und neugierig, andere eher ängstlich und zurückhaltend. Manche reagieren auf neue Erfahrungen mit Freude, andere sind leicht irritierbar

Auch die emotionale Stimmung zieht sich als Grundrauschen durchs ganze Leben. Das heißt aber nicht, dass Persönlichkeit nicht formbar wäre: Sie lässt sich ein Leben lang innerhalb dieses Spektrums erweitern und verändern – je nachdem, welche sozialen Erfahrungen ein Kind macht. Aus einem schüchternen, introvertierten Kind wird vermutlich keine extrovertierte Rampensau. Aber das Kind kann lernen, selbstbewusster auf andere zuzugehen. Erst mit etwa 30 Jahren ist die Persönlichkeit wirklich ausgereift, sagt Elsner.

So so – denke ich und schaue mir gerade meine beiden Nackedeis in der Badewanne an. Das große Fünfjährige, immer ein wenig zurückhaltend, stets mich im Blick, nie vorne weg und erst einmal bei allen Unwägbarkeiten laut ihren Unmut Kund tuend. Viel lieber Rückzug ins Schneckenhaus als dynamisches Vorwärtsstürmen. Dafür waren seltenst blaue Flecke oder andere blutige Katastrophen zu beklagen. Und ich musste mir eigentlich wenig Sorgen machen. So waren beispielsweise die ersten Treppen kein Problem, denn sie tastete sich Zentimeter für Zentimeter vorwärts. Oder der Spielplatz, der erst genau inspiziert werden musste. Und nach der Inspektion folgte noch die ausführliche Beobachtung der anderen sandigen Spielplatzbenutzer bevor man es wagen konnte, selbst und so weiter…. Alles, was man nicht genau einschätzen konnte, war (ist) ihr ein Gräuel.

Da erinnere ich mich an die vielen vergeblichen Versuche, wie wir schiebend und schnaufend mit dem kleinen Fahrrad durch den Park rannten (natürlich mit Stützrädern) und sobald es auch nur die kleinste Unebenheit gab und der Lenker vibrierte, hallte es laut schreiend zwischen Eichen, Pappeln und Ahorn. Nein, wenn das Fahrrad wackelt (und das tut es leider im Park sehr häufig) kann Madame Pompadour auf keinen Fall weiter fahren. Bitte, das muss auch anders gehen. Ähnlich unverschämt von der Schaukel, wenn die plötzlich schief schaukelt oder der Roller kippelt, wenn die Straße für die Inliner leider doch einige asphaltbedingte Höhenunterschiede aufweist, oder das Eis auf dem See kein Elsa-ähnliches Schlittschuhgleiten ermöglicht. Nein, eine mutige Raubkatze wird sie wohl nicht mehr werden.

Ganz anders der zweite Nackedei. Mit ihren zwei Jahren macht sie gerade Tauchübungen in der Wanne. Es schnauft, es hustet und prustet – kein Problem. Ich hebe die kleine Dickmamsell zum Abtrocknen hinaus und kaum eine Stelle an ihr ist hübsch rosa und ohne Blessuren. Es gibt eine Vielzahl an blauen, grünen und gelben Flecken, alter Schorf und neuer Schorf, Narben und abgebrochene Zehnägel (böse Tür, die da im Weg war). Da hatte ich mich also ans Mutter-sein gewöhnt und an meinen ersten vorsichtigen, zurückhaltenden Spatz, da ist die Nummer zwei ganz anders. Vom ersten Spatzen keine Spur.

So schnell kann man gar nicht springen, schauen, fest halten, helfen, schon hat sich die Kleine kopfüber in ein neues Abenteuer gestürzt. Unbekümmert und todesmutig geht es auf Bäume, ganz hoch auf das Klettergerüst, zum Rasenmäher, auf das Fahrrad der großen Schwester, über Tisch und Stuhl. Keine Ahnung, woher sie das hat. Das mütterliche Herz bleibt immer mal stehen und den Satz: „Nicht ganz so schnell… nicht ganz so hoch… nicht ganz so weit weg… nicht ganz so doll“ kann ich inzwischen im Goldrahmen in den Flur hängen.

Nicht, dass es was nützen würde, aber irgendwie sieht man ja das Elend schon kommen und will nicht schon wieder zu Pflaster und Jod greifen. Ein kurzes Weinen, ein kurzes Trösten und schon geht es weiter. Diesmal mit dem Laufrad den Berg im Park hinunter (wo übrigens die große Schwester lieber schiebt). Der Lenker wackelt, das ganze Kind schlackert wild hin und her, die große Buche kommt verdächtig nahe und mit einem lauten Juchzer verfehlt sie diese um zwei Zentimeter. Ich atme, keine Aufregung, nichts passiert. Nein, ich will keine schreckhafte Mutter sein. Aber gibt es nicht so etwas wie das Gleichgewicht der Natur? In unserem Fall vielleicht eine Portion Mut für die eine und ein wenig Behutsamkeit für die andere? In dem imaginären Kinder-Charakter-Wünsche-Buch würde ich glatt ein Kreuzchen setzen…

DOCH: sie sind wie sie sind und das ist gut so.

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz

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