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Baby

Es ist Samstag

Es ist Samstag, zwei Tage vor dem errechneten Geburtstermin. Die Nacht ging so. Ich war zweimal im Bad, einmal bin ich dabei über den Hund gefallen, und ich konnte zusehen wie es langsam in den Fenstervierecken hell wurde.
Neben mir röchelt es noch und ich versuche mich leise und vorsichtig umzudrehen. Nicht ganz so einfach, wenn man zweiundzwanzig Kilo mehr auf die Waage bringt. Es misslingt und der Holde neben mir wird wach. Nun gut…. Als er aufsteht, sitze ich noch auf der Bettkante, sortiere mein Gewicht, streichle den Hund und nehme Anlauf zum Hinstellen. Geschafft. Ich laufe vom Bett zum Kleiderschrank, nehme einen Rock, der noch passt. Als ich aus dem Zimmer will, fällt mein Blick auf das Laken. Es sieht aus wie undicht oder eingepullert, nicht viel, nur ein wenig. Dennoch Irritation. Ich geh ins Bad, mach mich fertig und sage dann irgendwann. „Schau mal ins Bett, ist ein bissel nass. Komisch irgendwie. Muss ich mir Gedanken machen?“ Er betrachtet sich das Ganze und wir rufen die Hebamme an. Zur Sicherheit. Sie untersucht mich, stellt fest, dass alles noch dicht ist und wir entscheiden, sich nicht verrückt zu machen und in die Stadt zu bummeln. Schließlich ist Sommer, die Sonne scheint und wer weiß, wie lange man noch bummeln kann.

Zum zeitigen Mittag sind wir wieder da. Ich bin fix und fertig, lege mich ins Bett und schlafe. Die Prozedur von früh wiederholt sich. Wieder ist das Laken ein bisschen nass, ich fühle mich aber nicht anders als sonst. Mir tut nichts weh, kein Ziehen, aber auch kein Strampeln, Rülpsen oder Schluckauf im Bauch. Wehen muss man doch merken, oder? Dennoch fahren wir gegen 15:00 Uhr wieder zur Hebamme, die noch einmal schaut und sich dann entscheidet, einen Nelkentupfer zu setzen. Um 18:00 Uhr sollen wir wieder kommen. Von Wehen ist weit und breit nichts zu sehen. Zu Hause habe ich plötzlich unbändigen Hunger. Wir machen einen sehr leichten, flachen Herzschmerzfilm an und ich sehe fern. Mein Mann kocht. Ich weiß noch genau, dass es im Film um eine Italienreise ging, um einen Bus und natürlich um die Liebe, aber ich fühlte mich zusehends merkwürdiger. Wahrscheinlich hatte ich nur Hunger.

Das Essen war fertig. Mein Mann kam damit herein und mir ist plötzlich kotzübel. Schade, denke ich. Schade, denkt auch er und isst allein. So langsam wird mir klar, dass der Nelkentupfer offensichtlich das tut, was er machen soll. Er zaubert Wehen hervor. Aber ich will auf keinen Fall zu zeitig ins Geburtshaus. Kein ewiges Warten oder auf den Fluren wandeln, dafür lieber noch ein wenig zu Hause bleiben. Da fühl ich mich sicher. Ich kenn alles. Keine Unbekannten mit drei Fragezeichen. Doch neben den Stimmen aus dem Film mischt sich immer öfter ein anderes Geräusch: ich atme, oder besser puste. Ein und aus. Ein und aus. Nicht aufregen. Ruhig bleiben. Es wird ja eh ewig dauern. Um 17:00 Uhr entscheidet mein Mann, dass wir jetzt losfahren. Die Wehen sind inzwischen so stark, dass ich mich nur noch mit Hilfe anziehen kann und dazu kurz die Wehenpausen abwarten muss. Dann geht es mit dem Fahrstuhl in das Erdgeschoss und dann sind es noch elf Treppenstufen. Ich höre Gelächter und Türenklappen. Auf keinen Fall, möchte ich jetzt einen kleinen Nachbarschaftsplausch halten.

Wo steht das Auto? Kurz davor. Prima. Aber wie immer ist bei schönem Wetter im Waldstraßenviertel viel los und mir ist es ein wenig peinlich, als pustende Dampfwalze den Bürgersteig entlang zu schleichen. Dann fahren wir los. Die Strecke bis zum Geburtshaus kommt mir ewig vor. Beim Bremsen tut alles weh. Die Straßen sind beschissen und ich halte den Bauch fest. Bei jeder Unebenheit habe ich das Gefühl, das Baby könnte gleich rausfallen. Dann sind wir da. Mein Mann rennt mit Tasche ins Geburtshaus und lässt mich leider prustend an einen Zaun gekrallt stehen. Später werden wir diskutieren, ob er mich vergessen hat. Aber er behauptet, er war nur schneller als ich. Witzbold. Zumindest wartet er an der Tür und irgendwann bin auch ich da. Das orientalische Geburtszimmer wird es werden. Die extra ausgesuchte Musik wird nicht zum Einsatz kommen, und ich werde während der nächsten Stunden mit Traubenzucker gefüttert. (nur Pflaumenkuchen im Magen ist nicht empfehlenswert, liebe Schwangere, immer ordentlich essen.)

Mein Mann ist fasziniert von den elektrischen Geräten und lehnt über mir. Ich schnaufe und konzentriere mich, ich versuche es zumindest. Er atmet vor, ich atme nach. Ich halte seine Hand, zerquetsche sie ein wenig und finde irgendwann, dass auf der Bettkante sitzen ganz angenehm ist. Laut Hebamme ist das aber eine dumme Idee. Der Vierfüßlerstand wird empfohlen, ausprobiert und von mir abgelehnt. Ich kann mich unmöglich auf den Knien halten und in die Wehe atmen. Ja, ja – den Schmerz zulassen, das hört sich einfacher an als es ist.

Dann habe ich den grandiosen Einfall, in die Badewanne zu gehen. Es ist schrecklich. Ich habe das Gefühl zu ertrinken. Eine Wehe, dann muss ich wieder raus. Ich weiß noch genau, wie mein Mann und die Hebamme mit den Augen gerollt haben. Na, probieren kann man es ja mal. Die restliche Zeit werde ich auf dem Rücken liegend verbringen. Mein Mann darf sich keine 30 cm vom Bett entfernen und als ich endlich pressen darf, bin ich schlaff wie ein am Boden liegender Waschlappen. Eine zweite Hebamme kommt hinzu und feuert mich an, was ich ätzend finde. Was denkt die sich eigentlich? Ich liege hier doch nicht zum Spaß. Mir fällt der Spruch ein, dass Gebären wie Ziegelstein kacken ist und denke, das wird nie passen. Dann schreien alle, dass sie den Kopf mit ganz vielen Haaren sehen und fragen, ob ich anfassen will. Nein, will ich nicht. Will ich auf gar keinen Fall. Bei den nächsten Presswehen rutscht die Kleine immer wieder zurück. Aber irgendwann gibt es einen großen Flupp, ein großer Schmerz, eine große Erleichterung, eine feuchte Nabelschnur und ein gar nicht käseschmieriges kleines Mädchen mit sehr langen Findernägeln und dunklen Haaren wird mir nackt auf die Brust gelegt….

Sabine, Waldstraßenviertel

Es ist Samstag – Eine Geschichte auf LeipzigKids


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