Home  »  Freizeit   »   Kolumnen   »   In meinem Bett…

Kolumnen

In meinem Bett…

kolumne-in-meinem-bett

 

Die Nacht ist friedlich, grau, windig und das Beste überhaupt: Sie ist noch nicht vorbei. Ich höre den Herzallerliebsten neben mir röcheln, kann noch einmal das Kissen unter dem Kopf zurecht falten, sortiere Arme und Beine neu und falle in einen wilden Traum, der mich in meine Schulzeit zurückkatapultiert. Gerade als der Lehrer eine mir völlig sinnlose Frage stellt (in meinem Fall war sie entweder mathematischer oder chemischer Natur, denn beide Themen erschlossen sich mir so gar nicht) merke ich ein Kribbeln auf meiner Wange. Ich fühle mich in meiner Unwissenheit ertappt, zucke zusammen. Erschrockene Ahnungslosigkeit, ahnungslose Erschrockenheit. Das Kribbeln wird stärker und sofort bin ich wieder bei Penny (Dreadful) mit all ihren Dämonen, Skorpionen und Spinnen.

Ich hätte gestern doch saugen sollen. Gleich morgen werde ich das Bett zur Seite schieben und mir diesen Hohlraum unter der Heizung vornehmen, der sich an unserem Kopfende befindet. Sicher krabbelt mir so ein schmalbeiniges Ungetüm gerade übers Gesicht – nur nicht die Augen öffnen, nicht atmen, dann wird es schnell vorüber sein. Aber das Kribbeln wird stärker. Ich merke Nägel. Oh Penny…

Dann ein Flüstern:

 

„Mami, Mami – mein Häschen ist wach…

Keine Penny. Keine Spinne. Mein Kind. Es steht noch im Dunkel vor meinem Bett und bittet um Einlass.) In der Tat haben wir die familiäre Vereinbarung, dass man bei wachem Häschen aktiv werden darf.

(Hier sei erklärt, dass das Häschen eine Art Uhr ohne Zahlenwerk ist. Schläft das Häschen in seinem Bett, sollte man es ihm gleichtun. Ist es bereits aufgestanden und spaziert über die Wiese, darf man ins elterliche, große Bett kuscheln kommen. Ein Versuch, eine Hilfe, ein Mittel zum Zweck, doch der durchschlagende Schlaferfolg lässt noch auf sich warten.)

Ich verabschiede mich also kurz von Penny und der Schulbank, lüfte die Zudecke, rücke das Kissen zurecht und werde belohnt mit:

Mami, ich hab dich so lieb.

Ich lächle und so, wie sich der kleine Körper neben mich schiebt, bekomme ich auch das Plüschschaf ins Gesicht und die lange, feine Haarpracht über Augen und Nase. Ich puste den kitzelnden Schleier weg, räume das Schaf zur Seite, atme tief und weiß, dass es noch eine Stunde bis zum Aufstehen ist. Noch ein wenig ruhige, warme Gelassenheit bevor der Tag meine Aufmerksamkeit und mein Tun fordert.

Ich denke an ein wunderbares, kleines Café mit Kronleuchtern an der Decke, etwas wienerisch vielleicht.

Das Kind schmatzt neben mir und redet mit seinem Schaf.

Pssssssttttt…..

In meinem Café sitze ich am Fenster, schaue auf der Straße den vorbeieilenden Menschen nach und es riecht verführerisch nach heißer Schokolade.
Aaaahh. Mein Kind hat die Knie angezogen und sie mir in den Bauch gerammt.

Mit etwas Mühe finde ich in mein Café zurück. Ich bestelle ein Stück Sacher und muss unumwunden feststellen, dass der Kellner ganz attraktiv ist.
Jetzt fangen die kleinen, kalten Füße an meinem Oberschenkel an, auf und nieder zu wippen. Auf und nieder. Auf und nieder.
Hör auf zu zappeln und mach noch mal die Augen zu. Es ist noch ganz zeitig.

Der Mann ist wach geworden, stöhnt leise, sortiert sich neu.

Wo war ich noch mal? Ach ja, ein Café in Wien, Torte, Kellner.

Da spüre ich einen intensiven Windzug. Das Schäfchen fliegt an meinem Gesicht vorbei wie im Puppentheater

 

„Mami, das Schäfchen will fliegen.“

Nein, ich bin ganz ruhig. „Schatz, das Schäfchen fliegt jetzt nicht. Fürs Fliegen ist es viel zu zeitig. Das will sich jetzt unter die Decke kuscheln und weiterschlafen.“

Der Herzallerliebste auf der anderen Seite des Bettes stöhnt noch einmal.

Für gefühlt gigantische zwanzig Sekunden ist es still und leise. Dann niest das Kind. Kurze Pause. „Mami, hast du ein Taschentuch?

Ich richte mich auf, schaue auf das Regal hinter dem Bett und reiche ihr eins. Umständlich wird der weiße Papierfetzen auseinandergefaltet und geräuschvoll pustet das Kind hinein.

Wieder hinlegen, wieder neu sortieren.

Da flüstert es

 

„Mami, mein Schäfchen ist weg.“

Obwohl der Herzallerliebste mit dem Rücken zu mir liegt, sehe ich sein angespanntes Gesicht. Ich vermute, das Kissen über seinem Kopf kann ihn nicht wirklich vom kindlichen Frühmorgentumult abschotten.

Ok, Schaf suchen. Es liegt vor dem Bett. Hochholen, dem Kind geben.

Es wird fest gedrückt und ich hoffe inständig, dass das Menschenkind jetzt die Augen schließt. Wenn es nämlich schläft, liegt es ganz kuschelig neben mir. Es ist schön, das gleichmäßige Atmen zu hören und zu riechen – eine ganz eigene Mischung aus Maggi und kleinem Flauschehamster. Ich weiß, eine merkwürdige mütterliche Liebeswoge würde mich erfassen und es wäre unwichtig, was vorher war oder was der Tag noch alles bereithält.

Aber entgegen aller Hoffnung schließt das Kind seine Augen nicht. Es spielt mit den Fingerspitzen an seinem Bauch (und an meinem unbeabsichtigter Weise). Noch ein Niesen. Noch ein Schnauben.
Ein männliches Seufzen neben mir.

Jetzt bin ich wach. Zu meinem Café kann ich nicht zurückkehren. Für heute ist es verloren. Stattdessen fragt die kleine Stimme neben mir:

Mami, stehen wir jetzt auf?
Leicht verschnupft schaue ich auf die Uhr. Sie hätte erst in elf Minuten geklingelt, aber…

Ja, wir stehen jetzt auf.

In diesem Sinne: Auf einen schönen Morgen – egal wie ruhig oder unruhig er auch ist.

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.