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Kolumnen

Ich, illegal und nachts.

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Ich klaue Autos. Einfach so. Es ist ganz leicht. Ich suche mir einen Wagen – abgestellt zwischen hohen Neubaublöcken – und schon sitze ich drin. Nein, es sind keine schnöden Familienkutschen. Riesige Pick-ups haben es mir angetan und Hummer-ähnliche Modelle, wo man nur kurz das Gaspedal antippen muss und schon fliegen Häuser, Bäume, Zäune, Felder an einem vorbei. In meinen Ohren summt, in meinem Kopf vibriert es. Ein fantastisches Gefühl.

Nicht ganz so fantastisch allerdings, als ich kurz danach mit meiner kleinen zweijährigen Tochter zur besten „alle-sind-auf-Arbeit-Zeit“ in diese hübsche Familienwohnung im dritten Stock einbreche. Gleich rechts neben dem Flur liegt auch ein Kinderzimmer und sie freut sich riesig über die vielen Spielsachen, die sie dort entdecken kann. So habe ich Zeit, durch die anderen Räume zu streifen und meinen Blick schweifen zu lassen. Schreckliche Tagesdecke auf dem Bett in silbergrau Satin. Und auch der Kleiderschrank des Hausherren scheint einmal ordentlich aussortiert. Diese grünkarierten Hemden und erst die Violetten mit pastellfarbenen Blüten auf der Innenseite abgesetzt, sind so grässlich, dass ich schnell die Schranktür schließe. Im Bad riecht es nach Katzenklo, was ich in der Dusche entdecke, und der Mann mit dem grünkariert-violetten Geschmack nutzt Rasiercreme. Ich wusste gar nicht, dass es die noch gibt. Ich kann mich nur erinnern, dass mein Großvater jene zum Geburtstag oder zu Weihnachten von mir erhielt, da dafür genügend Taschengeld vorhanden war. Mehr war schwierig und unnütz. Schließlich hatte er schon alles und das war wenigstens „was Ordentliches“.

Ich höre, wie Schuhsohlen über den Boden schleifen und schleiche zum Spion. Ein Mann erscheint, besser, seine Glatze erkenne ich und den braunen Jackenkragen. Bestimmt läuft er weiter. Aber nein. Er bückt sich ächzend und fummelt an seinen Schuhen. Was für ein Mist. Das war nicht der Plan. Was macht der überhaupt hier? Gerade rechtzeitig kann ich noch ins Kinderzimmer zu meiner Tochter schlüpfen und ihr ein Zeichen geben, ganz leise zu sein. Ich hoffe inständig, denn was ist mit zwei Jahren schon ganz leise. Sie hält ein Puppi mit lilafarbenen Haaren im Arm und starrt mich erwartungsvoll an. Die Tür ist nur einen Zentimeter offen, damit ich mich nicht verliere zwischen Baukränen und Plüschteddys. Ich beobachte. Eine Katze kommt und ich lächle. Hab ichs doch gewusst, im Bad roch es nach Katzenklo, eindeutig. Die Katze schleicht um des Mannes Beine und mauzt: „Na gut, Du nervst mich sonst ja ewig. Komm in die Küche. Ich gebe Dir Futter.“ Gute Katze, denke ich, denn die Küche liegt am anderen Ende des Flurs. Wenn ich es geschickt anstelle, kann ich mit meiner Kleinen hier raus ohne Drama. Schnell nehme ich sie auf den Arm. Die Puppe mit den lila Haaren müssen wir leider mitnehmen, damit der Frieden gewahrt bleibt. Fast habe ich es bis zur Eingangstür geschafft, als ich mit dem Ellbogen den Schlüssel vom Schrank fege. Klirrend fällt er auf den graublauen Teppich und mein Herz setzt fast aus. Ich öffne die Tür, höre die Stimme des Mannes und schließe sie. Direkt neben der Tür presse ich mich an die kalte Hauswand. Wenn ich die Treppe hinunter rennen würde, sieht und hört er mich. Er schnauft, raschelt und meckert hinter der Tür. Aber die Tür bleibt zu und meine Kleine leise.

Keine zwanzig Meter weiter steht das Auto. Nichts wie weg hier. Ich muss doch völlig bekloppt sein, meine Maus hier mitzunehmen. Was habe ich mir eigentlich dabei gedacht? Ich bin sauer auf mich selbst. Und jetzt? Was für ein Scheiß, ein anderes Auto hat so dicht rechts neben mir geparkt, dass ich die Beifahrertür mit dem Kindersitz nicht aufbekomme. Noch kann der Typ immer noch aus dem Haus kommen oder aus dem Fenster gucken. Also so schnell wie möglich etwas vorfahren, damit diese verdammte Tür aufgeht. Die Kleine wartet lieb unter dieser kleinen Birke am Wiesenstreifen daneben. Das Shirt klebt an mir. Trotzdem habe ich eiskalte Hände. Ich zittere, was das Ganze nicht einfacher macht. Aber dann. Ich habs. Trete auf das Gas und düse los. Nur weg hier. Einfach weg. Nach einigen Minuten und zwei Ampeln später beruhige ich mich wieder. Orangentraubenzucker. Hilft eigentlich immer. „Willst Du auch eins?“ frage ich, lächle und schaue zum Kindersitz neben mir.

Er ist leer.

Alles zieht sich zusammen. Ich kann kaum atmen. In meinem Kopf hämmert es „Du hast sie vergessen. Du hast sie einfach vergessen. Bist Du denn blöd? Wie konntest Du nur? Du musst zurück. Jetzt! Jetzt!“ Mein Herz schlägt wie wild und mein Kiefer tut weh…

…als ich den Geruch von Bett wahrnehme. Ich beiße noch immer die Zähne fest aufeinander. Ich bin geschwitzt, fertig, nicht mal im Ansatz Schlaf-erholt. atme hektisch, mein Mund ist staubtrocken. Meine Gedanken kreisen noch immer um das kleine Mädchen, dass ich jetzt rufen höre, aber das ich auf dem Parkplatz einfach vergessen hatte.

Was soll ich also jetzt damit anfangen? Die Verwirrung ist groß. Erst recht, wenn ich lese: „Die Wachpersönlichkeit und die Erfahrung spiegeln sich im Traum wider“, sagt zumindest Schredl als Psychologe. Dabei habe ich noch kein Auto geknackt und bin auch nirgends eingebrochen (höchsten in mein eigenes Zuhause, wenn ich den Schlüssel mal wieder drin liegen gelassen habe.) Nein, mein kleines Mädchen würde ich nie vergessen und auch sonst fühle ich mich gar nicht wild und räuberisch – na, zumindest nicht soooo wild und räuberisch.

Und was träumt Ihr so?

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz


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