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Hunger – und seltsames Kita-Essen….

In schöner Regelmäßigkeit haben wir am Samstag ein Kind mit Bauchweh und stinkendem Schmatzkacki, was jegliche Wochenendplanung zunichtemacht. Unsere Nachforschungen zu diesem Thema, die nicht ganz an Sherlock Holmes heran, aber immerhin bis zum Kita-Speiseplan reichen, ergaben, dass es immer Fisch am Vortag gab. Unser Kind liebt Fisch. Wir lieben Fisch. Frisch gefangen oder zumindest frisch an der Fischtheke gekauft, braun gebraten oder gedünstet. Fertig.  Nach einer zufälligen Ansicht des so bezeichneten Kita-Mittagsmahls hätten Lachs, Kabeljau, Forelle oder Barsch jedoch laut „Revolution“ geschrien und sich an WWF, PLANET oder Amnesty International gewendet. Denn mit Fisch scheint das, was in Kunststoffboxen warmgehalten angeliefert wird, nichts mehr zu tun zu haben. Und ja, ganz ehrlich,  ich bin dieses schlechte Kita-Essen unabhängig von den schwimmenden Artgenossen auch leid. Da lese ich von Möhreneintopf, der mit Schmelzkäse abgebunden wird, oder von Wurstgulasch, der noch nach Stunden auf den Shirt des Kindes echt übelriechende Flecken hinterlassen hat. Das kann doch nicht gesund sein, oder?

Nun will man ja nicht gleich meckern, jammern, sich beschweren oder gar die Trennung vom Lieferanten des Vertrauens fordern, schließlich ist man auf das Essen für die kleinen Menschen angewiesen. Und meiner Meinung nach muss es auch nicht immer die gesunde Bio-Paprika, die Dinkelnudeln oder das Mandelmus sein, was Kinder satt macht und das Mutterherz beruhigt… Ich glaube an eine gesunde, frische Mischung. Sozusagen gesundes Essen für eine gesunde Zukunft. Der ein oder andere Gedanke mehr und eine besorgte Nachfrage sollte deshalb schon erlaubt sein. Denn hinterher hat man das Bauchweh-Kind zu Hause auf der Couch und den Stinkegeruch im Bad. (Wahrscheinlich rollen alle Kita-Erzieher schon mit den Augen, da es wie das Täglich-grüßt-das-Murmeltier-Thema beim Elternabend ist. Aber zu meiner Verteidigung: Wir können noch nicht viele Jahre Kita-Erfahrung vorweisen.)

Selbst kochen, mit den Kids frische Sachen aussuchen, zusammen Gemüse schnippeln, Fleisch klopfen und Kartoffelbrei matschen, kann ich mir zwar idyllisch vorstellen, wird aber in der Realität mit dem Personalschlüssel und bei den vorhandenen Geldern kaum machbar sein.

Oder vielleicht doch?

Jetzt bin ich neugierig geworden und suche kurzerhand nach ein paar brauchbaren Infos. Vielleicht kann man ja die Kita becircen. Irgendwie sehe ich schon lauter kleine Köche mit Nudeln im Haar vor mir, die  begeistert in der Soße rühren. Aber Fantasie ist selten mit der Realität verträglich, und so muss ich niedergeschmettert feststellen, dass  laut Bertelsmann Stiftung nur noch 32% aller Kindertageseinrichtungen selbst kochen. Ansonsten werden die knapp zwei Millionen kleinen Fresser von Caterern versorgt, die mal besser und mal schlechter sind. Und schlechtes Essen gibt es offensichtlich viel, denn es fehlen jegliche Richtlinien und Festlegungen für kindgerechte Ernährung und entsprechende Lieferanten.  So gab es nur in jeder dritten Einrichtung ein richtig gesundes Mittagsmenü. Vor allem fehlte Obst. Ausreichend Salat und Rohkost fanden sich auch nur bei 19 Prozent der Angebote. Statt Vielfalt und ja, dem leckeren Fisch, wenn es denn welcher ist, gibt es vor allem Fleisch, was noch nicht einmal der Herkunft nach benannt werden kann (also keine Pute, kein Hühnchen, kein Rind – Fleisch scheint ohne Tiergattung namenlos als Überbegriff zu taugen) So steht bei drei Viertel aller Einrichtungen mehr als acht Mal pro 20 Tage eben jenes undefinierte Fleisch auf dem Speiseplan.

Und, wie alles im Leben, ist gutes Essen auch eine Frage des Geldes. Im Schnitt zahlen Eltern 2,40€ für ein warmes Mittagessen. Aber auch da gibt es keine verbindlichen Regelungen für die Lebensmittelkosten in Kitas. So zahlen Eltern wohl von 0,75€ bis 6€ alles. (Dass bereits unser feuchtes Hundefutter mit Brocken in Gelee 1,20€ kostet, macht mir da schon ein wenig Kummer. Was soll also das liebe Kind für so wenig Geld vorgesetzt bekommen?) Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung müsste ein ordentliches Essen mit hochwertigen, möglichst regional erworbenen Bestandteilen mindestens 4€ kosten. Aber die Deutsche Gesellschaft für Ernährung wird wohl kaum Vater Staat verführen können, der dann das Kindergeld so erhöht, dass für jeden 4€ unproblematisch möglich sind…. Stimmt eigentlich auch nicht, denn fast alle kleinen Menschenkinder vespern noch. Dann wären es wohl eher 5,50€ pro Tag. 27,50€ pro Woche. 110€ im Monat. Holla, die Waldfee.

Die Waldfee gibt’s nicht. Hungrige Kinder schon. Ich zumindest höre in schöner Regelmäßigkeit beim Abholen auf meine obligatorische Essensfrage die Antwort: „Mama, das mir nicht geschmeckt. Hast Du mir was mitgebracht?“ Und dann greife ich wie am Tag vorher und am Tag vor dem Tag vorher in die Tasche und hole Äpfel, Bananen, Brötchen, Mangochips und manchmal auch Kekse hervor, damit wir bei dem schrecklichen Bärenhunger den Weg nach Hause noch überleben….

Bon Appetit und satte, zufriedene Kinder! Ihre Sabine Henriette Schwarz

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