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Spezialthema

Spezial 2. Teil – Hochsensibilität oder die Superfühlkräfte

Erst haderte ich, dann zweifelte ich. Als ich dann begriff und endlich Bestärkung in dem Wissen fand, dass mit uns alles in bester Ordnung ist, fiel alles so unendlich viel leichter.

im Gespräch mit Petra Neumann, Autorin des Buches: Henry mit den Superkräften“.

Sie sind Fremdsprachenkorrespondentin, Heilpraktikerin und Mutter zweier Superfühlkraftkids. Wie sind Sie zu dem Thema: Hochsensibilität gekommen?

Mit dem Begriff „Hochsensibilität“ kam ich zufällig beruflich in Kontakt. Durch meine Arbeit in der Seminarplanung einer Heilpraktikerschule. Es wurde durch eine Dozentin angeboten, eine Info-Veranstaltung durchzuführen. Beim Recherchieren und Erstellen entsprechender Beschreibungen kam ich aus dem Staunen nicht mehr raus. Es gab unzählige „Aha-Effekte“, „Stein-vom-Herzen-Plumpser“ und große Augen meinerseits. Es erschien mir, als ob hier von meiner Familie und mir die Rede wäre.

Haben Sie an Ihren eigenen Kindern das intensive Erleben und die Sensibilität erlebt? Wenn ja, wann haben sie es bemerkt? Oder sind Sie selbst mit „Superfühl-Antennen“ ausgestattet und konnten sich so perfekt in Ihre Kinder einfinden?

Diese „Superfühl-Antennen“, wie Sie sie nennen – der Begriff gefällt mir unwahrscheinlich gut – hatte ich selbst auch schon von je her. Ich wuchs jedoch mit dem Gefühl auf, dass nur ich diese hätte. Und dass es wohl besser wäre, diese zu verbergen, da sie verletzbar machten. Wie viele andere hochsensible Menschen wurde ich relativ gut darin, zu „überspielen“. Als dann jedoch meine Kinder zur Welt kamen und ähnliche Wesenszüge aufwiesen, kam ein Prozess in mir in Gange, den sicherlich viele liebende Eltern nachvollziehen können; während man sich selbst verbiegt und fügt, ist es doch eine ganz andere Sache, wenn es dann um das eigene Kind geht.

Erst haderte ich, dann zweifelte ich. Als ich dann begriff und endlich Bestärkung in dem Wissen fand, dass mit uns alles in bester Ordnung ist, fiel alles so unendlich viel leichter. „Perfekt“ in meine Kinder einfinden kann ich mich nicht immer – doch ich möchte behaupten, dass unsere Beziehung sehr innig ist, durch die Tatsache, dass wir diese Gemeinsamkeit haben. Wie alle Eltern müssen jedoch auch Superfühlkrafthelden-Eltern aufpassen, dass sie nicht in die Falle der Überidentifizierung tappen.

An meinen Kinder, zunächst an meinem Erstgeborenen, zeigten sich schon sehr früh die ersten Anzeichen von Hochsensibilität. Schon in der Schwangerschaft merkte ich oft, wie schreckhaft er war und wie extrem er auf meine eigenen Stimmungen reagierte. Als Säugling war er sehr nähebedürftig, stressanfällig und weinte viel. Schnell wurde klar, dass er mit Veränderungen und Überraschungen nicht gut umgehen konnte und hochgradig empathisch veranlagt war. Es gibt mittlerweile schon viele Auflistungen und Tests als Orientierung, ob es sich bei einem Kind um ein hochsensibles handelt. Als ich diese erstmals sah, dachte ich, jemand hat mein Kind beobachtet.

Auch meine Zweitgeborene bringt diese Gaben mit sich. Wenn auch auf eine etwas andere, extrovertiertere Art.

Hochsensibilität oder die Superfühlkräfte

Welche Herausforderungen gibt es bei einem hochsensiblen Kind zu beachten? Und wie kann man als Eltern darauf reagieren?
Behutsames Erweitern der Grenzen und Komfort-Zonen sind sinnbringend.
Die Herausforderung beginnt bei der Selbstreflexion. Hochsensibilität ist erblich bedingt. Somit ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Mutter oder Vater ebenso gestrickt sind. Ein Rückblick in die eigene Kindheit und Jugend kann wegweisend sein, für die Zukunft des Nachwuchses. Nur Eltern, die ihr Wesen wohlwollend annehmen, können dies dem Kind auch glaubwürdig vorleben. Jede Elternschaft birgt Herausforderungen, die recht individuell sind.

In Familien mit hochsensiblen Personen sind es oft Aspekte wie die oben genannte Überidentifizierung. Wie ähnlich uns unser Kind auch erscheinen mag – es ist ein Individuum. Außerdem gilt es den ewigen Spagat zwischen Überbehütung und Abhärtung – wobei ich dieses Wort nicht mag – nennen wir es lieber „Herausforderung“ zu bewältigen. Der Maßstab hierfür muss unbedingt auf das Kind ausgerichtet sein. Behutsames Erweitern der Grenzen und Komfort-Zonen sind sinnbringend, bewusstes Herbeiführen von subjektiv verzweiflungsbringenden Situationen dagegen sehr destruktiv. So kann es bei dem einen Kind angebracht sein, es liebevoll zu ermutigen die Klassenfahrt der dritten Klasse anzutreten, während es ein anderes nur in den folgenden schmerzhaften Konflikt bringt: Hilflosigkeit, Verzweiflung, Versagen (nicht-Erfüllung der Erwartungen von Eltern, Lehrern und Mitschülern).

Lassen Sie uns einmal zwei Beispiele ansehen. Was würden Sie tun? Kann man das Umfeld irgendwie an die Natur des Kindes anpassen? Und wenn ja, wie?

das Kind weint schnell, beschäftigt sich noch tagelang mit den Vorfällen und dem Erlebten, wird im Kindergarten selbst von den Erziehern als Heulsuse und Sensibelchen bezeichnet und weint auch darüber….

Hier muss ich doch schwer schlucken. Ob hochsensibel oder nicht: Keine qualifizierte Erzieherin dürfte, bzw. würde ein Kind als „Heulsuse“ bezeichnen. Es steht völlig außer Frage, dass dies ein dringender Grund für ein Eltern-Erzieherin-Kindergartenleitung-Gespräch wäre. Doch daran möchte ich mich nun nicht aufhängen, ich denke, das Beispiel zielt eher darauf ab, darzustellen, wie belastet das Kind wirkt.

Zunächst würde ich in Betracht ziehen, wie lange das Kind schon in der Einrichtung ist. Viele Kinder brauchen eine Weile, bis sie sich eingewöhnt haben. Ist es jedoch schon länger dort und hat noch immer diese Probleme, so würde ich an mehreren Punkten ansetzen: Welche Vorfälle, Abläufe sind es, die dem Kind so zu schaffen machen? Reden wir genug darüber? Höre ich auch wirklich hin und nehme ich die Gedanken und Ängste ernst? Welche Stressoren können wir beeinflussen? Welche Lösungsvorschläge hat die Erzieherin?

In der Schule ist alles zu viel, es gibt keinen harmonischen Klassenverband, es ist zu laut, zu schnell, alles ist zu wild und das Kind zieht sich zurück. Verweigert das Mitmachen, fühlt sich nicht wohl und reagiert mit Bauchschmerzen.

Im Grunde wären hier ähnliche Fragestellungen wie bei Beispiel Eins hilfreich. Es gibt mittlerweile immer mehr Schulen, die für die Stillarbeit einen Gehörschutz anbieten oder zumindest erlauben. Auf alle Fälle wäre auch hier ein Lehrergespräch sehr wichtig. Manchmal helfen schon kleinere Maßnahmen, wie beispielsweise das Umsetzen innerhalb des Klassenzimmers.

Gibt es Ihrer Meinung nach Situationen für Kinder – egal ob nun hochsensibel oder nicht- wo sie in ihrem geschützten Rahmen auch lernen müssen „auszuhalten“?

Jaein. Viele Eltern geraten in Versuchung, ihr Kind in Watte zu packen. Dass sie damit aber auch Gefahr laufen, dem kleinen Helden nicht viel zuzutrauen und ihm wenig Möglichkeit bieten Herausforderungen aus eigener Kraft zu meistern, ist ihnen nicht bewusst. Bauchweh und Mobbing soll kein Kind aushalten müssen. Niemals – egal wie sensibel. Doch die aufkommenden Stress-Situationen in einem normalen Sozialleben können wir nur lernen zu meistern, wenn wir diese auch durchleben.

Das Umfeld lässt sich schwer ändern. Doch die eigene Einstellung dazu schon. Es ist von großem Wert für ein Kind, wenn es von klein auf lernt, selbst einzuschätzen, wann es eine Pause braucht, wie es sich abgrenzt, welche Dinge es sich zu Herzen nimmt und welche es einfach nur zu akzeptieren lernt.

Sind Sie selbst durch Erfahrungen und Erlebnisse zu der Einschätzung gelangt, dass es für das Thema mehr Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit braucht? Wie kam es zu der Idee für das Buch? Beschäftigen sich Pädagogen, Lehrer, Erzieher etc. Ihrer Meinung nach zu wenig damit?
Hochsensibilität ist weder Trend noch eine Erkrankung, es ist keine Ausrede für Erziehungsmängel und keine esoterische Modeerscheinung.
Ich bin hier sehr optimistisch und freue mich riesig, wie viel Verbreitung und Beachtung das Thema derzeit findet. War es mir zunächst ein großes Anliegen den Begriff, das Phänomen „Hochsensibilität“ zu verbreiten, kristallisiert sich mittlerweile immer mehr heraus, dass es nun überaus wichtig ist, klarzustellen, dass es sich dabei um keine Trenderkrankung handelt (HS ist weder Trend noch eine Erkrankung), keine Ausrede für Erziehungsmängel und keine esoterische Modeerscheinung.

Das Buch „Henry mit den Superkräften“ entstand aus dem Bedürfnis auch für Kinder etwas anzubieten, in dem sie sich wiederfinden können. Auch sie sollten diese „Aha-Erlebnisse“ haben dürfen. Und den Helden in sich entdecken. Denn ein Held ist jemand, der etwas besonders gut kann. Das muss nicht immer kämpfen, rennen oder Wagemut sein. Es kann eben auch eine SuperFÜHLkraft sein.

Ein toller Nebeneffekt von „Henry“ war auch die Vermittlerfunktion. Ich hörte von Eltern, die das Buch den Großeltern geschenkt haben, damit diese nachvollziehen können, wie ihr Enkelkind beschaffen ist.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten in Bezug auf die Hochsensibilität? Wie sähe dieser aus?

In einem Wort? Wertschätzung


Henry mit den Superkräften: …oder warum in jedem Kind ein Held steckt von Petra Neumann


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