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Kolumnen

Heuleeule everywhere

Als ich noch ohne Kind in der Weltgeschichte umher tingelte,  mit Party und mittäglichem Aufstehen (achja, ich erinnere mich) zeigte mir mal zur besten Kaffeetrinkzeit eine liebe Nachbarin ein Buch, was sie erstanden hatte. Glücklich präsentierte sie mir ihre neue Errungenschaft, die bei der kleinen Tochter Wunder bewirken sollte und ich schaute verständnislos auf „Die Heuleeule“.  Damals saßen wir auf dem Balkon ihrer Wohnung, schauten in den Innenhof mit der riesigen Kastanie, das Mädchen war nach dem morgendlichen wein-und-ich-will-nicht-Anfall in der Kita und ich sagte nichts dazu, weil ich auch gar nicht gewusst hätte, was es da zu sagen gäbe. Kinder weinen halt, dachte ich.

Ein paar Jahre später sieht es mit den nächtlichen Aktivitäten auch bei mir schlecht aus und von mittäglichem Aufstehen reden wir lieber nicht. Es ist früh am Morgen und laut im Bad.  Die Tränen laufen in dicken Sturzbächen über das Kindergesicht, was sich bereits rotfleckig verfärbt hat. Ein schrilles Stimmchen verfängt sich zwischen Dusche und Badezimmerspiegel, was wiederum das Baby zum Mitmachen animiert. Wie ein Kapitel aus der Heuleeule  auf acht gefliesten Quadratmetern, denke ich. Wenn es nicht so laut wäre und mein morgendliches Harmoniebedürfnis  derart attackieren würde, müsste ich wohl lächeln. So aber schüttele ich nur den Kopf, atme tief und wasche mir vor dem nächsten Trost-Beruhigungsversuch das Gesicht kalt.

Jetzt ist mir natürlich alles klar und man hat Erfahrung mit den Tagen, die einfach von Anfang an schief laufen und in herbe Schräglage geraten sind.  Da ist das Kind zu zeitig aufgestanden und noch müde oder es hat fantastisch lange geschlafen und ist tief bestürzt, dass die gemeinsame Kuschelzeit im Bett so rapide reduziert werden muss.

Weinen, die Erste.

Mit dieser Stimmung ist Anziehen dann eine echte Herausforderung, was sich wie folgt zeigt: Der Schlüppi ist falsch herum. Die Socken haben die falsche Farbe. Es soll trotz Regen und Sturm ein Sommerkleid sein. Die Haare ziepen. Der Finger tut weh und am Badschrank will man plötzlich unbedingt ein Tampon.

Weinen, zweiter und dritter Akt.

Endlich sind alle angezogen (warum sind Eltern eigentlich immer die letzten?) und der gute Mann macht Frühstück. Aber für das kindliche Gemüt  ist Spielen viel besser als frühstücken, was zu Akt vier führt.

Das falsche Essen?

Akt fünf.

Fix Schuhe und Jacke anziehen?  Da sind wir ganz knapp an Akt sechs vorbeigeschrammt. Was für ein tränenreicher Morgen.. ein Wein-Cocktail aus Gefühlen, von  Müdigkeit, Enttäuschung, Traurigkeit, Wut, zu viel Hektik, Angst,  Schmerz bis zum kindlichen Gefühl von Überforderung. So sitzt der kleine Mensch nun,  fix und fertig mit der Welt am Morgen, in der Garderobe, den Blick starr auf die Füße gerichtet und den kleinen Rucksack neben sich.  Zu unserem größten Bedauern ist heute kein Spielzeugtag, was die Laune wenigstens ein wenig heben würde. Aber hier hebt sich heut nix.

Bei mir übrigens grad auch nicht mehr, denn nach so einem Morgen, wo das kindliche Stimmungs- und Gefühlstief einschlägt, ist auch das mütterliche und familiäre Gesamtgefühl ein wenig in Unordnung.

Wäre es nicht schön, wenn man dann einfach noch einmal neu starten könnte? Ein kleiner geheimer Knopf? Es ist anderthalb Stunden zeitiger, man liegt einfach wieder im Bett, schlägt gerade die Augen auf und alle liegen friedlich und leise unter der großen Decke? Ein Träumchen.  Aber leider habe ich diesen Knopf bei allen bisherigen Haus-auf-den-Kopf-stell-Aktionen übersehen. Deshalb nehmen wir jetzt also unsere kleine Heuleeule, atmen noch einmal tief durch und starten dann fast frisch und munter in den Tag. Jacke, Kind, Tasche, los. Tür zu!

Wie vom Blitz getroffen stehe ich da. Die Erkenntnis schlug gleich zusammen mit der Panik beim Geräusch der zufallenden Tür ein. Der Wohnungsschlüssel liegt noch auf dem Tisch neben der Küche. Ich suche in der viel zu großen Tasche mit dem ungeordneten Inhalt. Alles, was Frau braucht. Alles, nur kein Handy. Das liegt hübsch platziert neben dem Toaster. Ich schaue auf die Uhr und der Blick verschwimmt.

Mütter dürfen auch mal eine Träne im Knopfloch haben.

Akt sechs und es ist erst 08:20 Uhr.

Heuleeule everywhere – von Sabine Henriette Schwarz


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