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Helfen, baskisch: lagundu, esperanto: helpi, isländisch: hjalpa, polnisch: pomagac, spanisch: ayadar oder einfach SOS in zwei Akten

Als ich in der ersten Klasse war, führte mein Weg von der Schule nach Hause direkt an einem Bach vorbei. (Ja, damals holte einen nur äußerst selten jemand ab. Die meiste Zeit schlenderte man mit sich allein und seinem Ranzen bis zum heimischen Klingelschild.) Über dem Bach lag ein breites Brett, und das Gewässer hatte man versucht, mit relativ hohen Mauern einzubetonieren. Drum herum gab es ein wenig Wiese und um das Grün lagen drei Straßen. Das eine war die Lutherstraße, die direkt an der Poliklinik mit Apotheke vorbei führte, und die beiden anderen ebneten den Weg zur einer Videothek, zu einem Kaufmanns- und einem Buchladen.

Warum das wichtig ist? Nun, es kam wie es kommen musste. Entgegen der mütterlichen Ansprache, stets einen weiten Bogen um eben jenes Wasser zu machen, konnte ich dann doch eines Tages der Versuchung nicht wiederstehen. Es war Winter, ein wenig Schnee lag auf den Bürgersteigen. Ich hatte meinen dicken schwarzen Skianzug an und den blauorangen Ranzen geschultert als ich in einem Anflug von Wagemut entschied, an diesem Tag über das Brett und den Bach zu laufen. Ich kann mich nicht erinnern, warum und wieso. Aber ich weiß noch genau, wie eiskalt der Bach war, wie morastig und rutschig der Boden. Ich fiel und schon stand mir das Wasser, was eher Matsch und Dreck war, bis zur Brust. Der Ranzen war vollgelaufen und zog schwer an meinen Schultern. Ich japste nach Luft und kämpfte mich bis zum Rand. Doch der Beton war eisig und mit den Handschuhen rutschte ich immer wieder ab, so dass ich mit jedem gescheiterten Versuch zurück ins Wasser plumpste. Poliklinik und Apotheke lagen direkt auf der anderen Straßenseite, Menschen kamen und gingen und schauten. Ich fühle es noch heute, die Hoffnung, dass mir irgend jemand helfen und die Hand reichen könnte und den Schmerz, als alle vorbei gingen. Nicht einer kam. Keiner holte Hilfe. Ich allein weiter in der nassen Kälte.

Damals verstand ich es nicht, weinte, schrie, klammerte mich solange an den Beton und die paar Grashalme bis ich freikam und lief dann angefroren zur Arbeit meiner Mutter.

Jetzt bin ich es selbst: die Mutter, die Ruhe bewahren muss. Nur keine Panik zeigen.

Über dreißig Jahre später sitze ich mit einem fünfmonatigen Baby und einem aufgeregten 3jährigen in unserem Bus. Es ist wieder Winter, der Boden im schwedischen Wald gefroren und draußen steht fluchend, schwitzend, mit einer Axt bewaffnet mein Mann, der uns irgendwie versucht frei zu bekommen. Es ist kurz vor fünf Uhr. In einer Stunde wird es dunkel und die Kinder erwarten üblicherweise ihr Abendbrot. Aber davon sind wir meilenweit entfernt.

Dank Routenplaner sind wir bei unserem Ausflug in diesem Dickicht geendet, dass auf dem hämisch leuchtenden Display als normaler Weg gekennzeichnet war. Zum Wenden war es zu schmal, aber uns blieb nichts übrig. Also lenkte der Mann den Bus zwischen die Bäume. Platz war, doch der Boden gab nach und mit jedem neuen Versuch gruben sich die Räder tiefer in den morastigen Grund. Draußen sehe ich seine Verzweiflung. Kein Netz. Drinnen, zwischen Trinkflaschen und Kinderspielzeug singe ich laut und still stelle ich fest, wie überraschend schnell die Temperatur fällt. Ich sehe uns bereits wie wir im Dunkel frierend mit zwei hungrigen, schreienden Kindern hier übernachten und selten hatte ich so viel Angst. Nach einem kurzen erwachsenen Gespräch hinter dem Bus laufen wir los, jeder ein Kind auf dem Arm. Vor diesem Desaster gab es doch einige Häuser an der Landstraße, oder? Bitte, lass die Häuser noch da sein und bitte, ein paar Menschen und etwas Wärme für die Kinder. Bitte.

Wir haben Glück, die Häuser stehen und ein Mann parkt gerade. Zu viert überfallen wir ihn und versuchen mit Händen und Füßen zu erklären, warum wir hier sind. Rückwirkend betrachtet müssen wir mit einem schreienden Baby und einem Kind, dass lautstark wiederholt nach einer Toilette rief, unheimlich laut, erschreckend, aufgelöst und hektisch gewirkt haben. Aber er lässt uns ins Haus, entschuldigt sich, dass nicht aufgeräumt ist, holt für die Kinder eine Spielkiste vom Dachboden, kocht Kaffee und Kakao, telefoniert in ruhiger Betriebsamkeit und breitet Kissen und Decken für die frierenden, von der Straße Aufgesammelten. Ich bin sprachlos. Die Panik, die mich im Wald fest im Griff hatte, lässt nach und mein Mann klärt und erklärt am Telefon Details. Kaum zu glauben, aber einige Zeit später stehen Forstarbeiter mit schwerem Gerät vor der Tür – trotz Weihnachtsferien und Feierabend. Sie helfen. Einfach so. Ohne uns zu kennen. Wie selbstverständlich.

Menschen sind nun einmal unterschiedlich, ich weiß. Ich weiß auch, dass Helfen manchmal Mut braucht und Vertrauen, dass es eben nicht immer einfach ist. Aber gibt es nicht ein schönes Sprichwort: Wenn der Blinde den Lahmen trägt, kommen beide fort?
Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz

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