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Kolumnen

Das hässliche Entlein oder die Weihnachtsfotos

Das hässliche Entlein oder die Weihnachtsfotos

Immer das Gleiche. Gerade habe ich unsere Weihnachtsfotos aus dem Automaten gezogen (In der Tat eine praktische Erfindung, wenn man Zeit, Muße und die nötige Toleranz bei indiskreten Blicken der anderen Drogeriebesucher hat), da bin ich schon wieder leicht frustriert. Die Kinder lachen, wenn sie denn in die Kamera schauen und nicht verwackelt durchs Bild huschen, engelsgleich. Strahlende Augen, kleine, dicke Hamsterbacken, verwirrtes Haar – so muss das sein. Auch die anderen Familienangehörigen sehen aus wie sie eben aussehen, und der Mann des Herzens, der fotografieren fast so schrecklich findet wie ein Wellnessurlaub auf Hawaii (Man sollte es nicht glauben. Dass, was andere als den Traum der Träume bezeichnen würden, jagd ihm Gänsehaut ein und Horrorschweiz auf das behaarte Gesicht.) schaut ein wenig mürrisch. Alles völlig normal.

Warum aber muss man selbst immer wie der letzte Idiot aussehen? Das Gesicht verzogen wie nach einem Zusammenstoß mit der Abrissbirne. Der Mund schief als ob ich gerade zum Verzehr von Riesenzitronen verpflichtet wurde, und die Augen in den allermeisten Fällen leicht verschleiert mit Knick in der Pupille so als ob mein geistiger Zustand mit zugeschnürter weißer Jacke oder mit selbstgebackenen Hasch-Keksen zu erklären wäre. Unmöglich. Langsam müsste ich mich daran gewöhnt haben, aber ich hoffe. Jedes mal. Beim Geburtstag. Beim Sommerfest. Zu Ostern. Man kann doch nicht immer auf allen Fotos sch…. aussehen.

„Sehe ich wirklich so aus?“ frage ich mich und vorgestern entdeckte ich die, möglicherweise zufriedenstellende Antwort. Ein psychologischer Effekt, entdeckt von dem Herren Zajonic, ist Schuld. Er stellte fest, dass Dinge und Menschen, die wir besonders oft sehen, uns auch besonders gefallen. (Ok, Kinder lasse ich einfach mal raus. Die sind immer niedlich, süß und haben einen Kulleraugen-Bonus auf den man als erwachsener Mensch nicht mehr setzen kann. ) Aber sonst soll wohl die Regel gelten: wir reagieren besonders positiv auf Dinge, die wir häufig um uns und vor Augen haben.

Uns selbst sehen wir aber mit unserer schiefen Nase, dem hängenden Augenlied, dem Leberfleck und den unperfekten Augenbrauen immer nur spiegelverkehrt. Daran haben wir uns gewöhnt und finden es mehr oder weniger in Ordnung. Anders gesagt, wir können damit leben wie wir aussehen. (Dass wir nach einer harten Nacht dazu neigen, mit Töpfchen, Tiegelchen, Abdeckstiften und Rouge den desaströsen Anblick leicht zu verbessern, versteht sich von selbst und ist meines Erachtens einfach nur menschlich. Leider scheint die Prozedur nur mäßigen Erfolg zu haben, glaube ich in solch Momenten meinem bedauerlicherweise sehr ehrlichen Mann und seinen Worten: „Boh, Du siehst heute aber Kacke aus.“ Nunja, dass mit der ehrlichen Männermeinung ist ein anderes Thema. Kommen wir zurück zum Fotoproblem…)

Bei einem Foto ist nichts spiegelverkehrt. Wir sehen nicht den gewohnten Anblick, sondern eine andere Version von uns. All jenes was wir jahrelang im Spiegel gelernt haben zu akzeptieren, ist dann auf der falschen Seite. Und mit der falschen Seite, ist auch der komplette Anblick hinüber. Frustration am Fotoautomaten garantiert.

Schön zu wissen, selbst wenn wir uns für Quasimodo halten, geht es den anderen nicht so. Die haben immer die gleiche Sicht auf uns und laut Zajonic ist es sehr wahrscheinlich, dass sie uns auch mögen – vorausgesetzt man begegnet sich oft genug und ein Hauch von Sympathie liegt in der Luft.

In diesem Sinne, seien Sie nicht so hart zu sich selbst und ihrem Abbild gebannt auf Fotopapier oder Display. Begegnen Sie Menschen – da kann viel Schönes bei rauskommen… Ihre Sabine Henriette Schwarz


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