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Gummibären und Lungenkrebs

Zigarette Lungenkrebs Kinder

 

Manches irritiert, verstört, verwirrt und ärgert mich. Mein Mutterherz. Ich verstehe es einfach nicht und stehe zweifelnd da, auf der Suche nach einer Erklärung, die auch meinem sauren Kopf einleuchten könnte.

So erst kürzlich beim Familieneinkauf. Einer von der Sorte, wo sich die Kinder schon kurz nach der Gemüseabteilung in den Haaren haben, wer denn jetzt wo am Korb anfasst und wer die Äpfel, Bananen und Tomaten wiegen darf. Bei uns herrscht eigentlich das Wechselmodell – Der eine wiegt, der andere klebt – Darauf darf der Klebende wiegen und der Wiegende kleben. Aber auch das kann zu Unmut führen, was für die Wartenden an der Obst- und Gemüsewaage den Prozess nicht unbedingt beschleunigt. Bei dem Ciabatta fährt mir dann eine ältere Dame in die Hacken, und die Wiener Würstchen, die die Fleischthekenfrau in gutem Willen über die Theke reicht, habe ich keine fünf Meter hinter dem Quark bereits angebissen in meiner Hand, da sie als doch nicht so lecker empfunden werden. Stattdessen stehen Kind Eins und Kind Zwei vor den Gummibären, die lebensnotwendig erschienen.

Aber Mami, die anderen Kinder dürfen das auch einkaufen.

Und wie zur Bestätigung schiebt eine andere Frau Mama einen Korb mit Schaumküssen, Gummibären, Schokolade und Chips in Bergen an uns vorbei.

Aber wir sind nicht die anderen und haben auch noch genug Süßes zu Hause.

Das Ergebnis: verschränkte Arme, eine Schippe, die bis zur Brust reicht und zwei Kinder, die nur noch Zentimeterweise und im Schneckentempo vorwärts zu bewegen sind. Dabei braucht es noch Getränke, Kosmetik, Waschpulver und Spülmittel… Ich beeile mich einfach, durch die Gänge zu schieben, möglichst nichts zu vergessen (was mir mit den Mäusen kaum gelingt und ich gebe zu, dass ich manchmal auch nur noch die heiligen Supermarkthallen unbeschadet verlassen will). Wir erreichen den Kassenbereich oder besser die lange Schlange vor der Kasse (wahrscheinlich war es wieder die langsamste).

Die Kinder sind plötzlich ganz leise.

Zu leise…

Sie stehen völlig fasziniert vor dem Zigarettenregal und starrten hinein. Die Gummibären sind vergessen. Da gibt es FSK, extra Kinderprogramme oder Buchempfehlungen und hier glotzen sie sich gerade verfaulte, schwarze Zehen, verfaulte Zähne, Lungenkarzinome, irgendwelche ekligen Löcher in der Haut und Babys voller Schläuche und Verbände an – dazu: Rauchen kann ihr ungeborenes Baby töten.

Drastische, erschütternde Bilder, die beim erwachsenen (!) Gewissen wirken sollen und diese Aufgabe zumindest bei mir absolut erfüllt haben. Schockbilder, die mir jeden Appetit verderben, selbst wenn ich nicht dem Glimmstengel verfallen bin.

Mami, warum sind die Zehen denn so schwarz? Was ist das für ein großes Loch im Hals? Habe ich das auch? Mami, was ist denn mit dem Baby?

Die Antworten fallen mir schwer – erst recht, wenn ich sie zwischen Kassenfließband und Weiterrücken erledigen muss. Ich sehe, wie geschockt die Kinder sind und kann es ihnen nicht verdenken. Ich bin es auch…

Was für ein Anblick und keine Chance, sie irgendwie daran vorbei zu lotsen. Wir stehen ja immer noch wartend in dieser verdammten Schlange mit dem Einkauf, den ich gern schon eingetütet und zu Hause hätte – ebenso meine Kinder, die immer weiter fragen und die Bilder nicht verstehen. Ja, ich weiß, die Gesundheitsorganisationen wetteifern in ihren Anti-Raucher-Kampagnen förmlich mit Schock und Grusel, aber haben sich die Zahlen dadurch wirklich verringert? Lässt man sich damit vom kleinen Zug abhalten? Ich zweifle. Aber vor allem zweifle ich, wie man solche Anblicke den Kids zumuten kann, die zu Hauf mit Mama und Papa an deutschen Supermarktkassen stehen und dann vielleicht genauso verstört sind wie meine…

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz

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