Home  »  Kolumnen   »   Geträumt

Kolumnen

Geträumt

Ds ist ein guter Morgen, wenn ich nach sechs Uhr aufwache, kein Kind weint, das Licht fällt durch die Jalousie und vor dem Fenster bewegen sich die Bäume ein wenig im Wind. Wenn es noch besser kommt, darf ich weitere zehn Minuten liegen bleiben. Diesen unheimlich schönen Geruch von Bett in der Nase und die Erinnerung eines Traumes im Kopf. Wenn ich nicht vom penetranten Wecker klingeln oder von kindlichem Schluchzen, Husten oder Poltern erweckt wurde, kann ich mich auch recht oft an die Bilder der Nacht erinnern. Nur leider empfinde ich sie in den wenigsten Fällen als beruhigend und märchenhaft. Vielleicht träumt man öfter schlecht als gut? Vielleicht gibt es eindeutig mehr Monster als gute Feen? Ich dachte, dass das bei allen Menschen so ist und wurde tief enttäuscht.

Da scheint die psychologische Expertenmeinung nämlich zu lauten: die Träume spiegeln die Grundmuster der eigenen Person wieder und die wichtigen und bedeutenden Dinge kämen auch im Traum vor. Wirklich? Ist das so?

Als Kind konnte ich immer fliegen. Ich streckte wie Superman den Arm in die Höhe und mit dem Fingerzeig gab ich die Richtung an. Gerade noch spazierte ich zwischen Geschwister-Scholl und Bachstraße und im nächsten Augenblick saß ich auf der großen Rotbuche und beobachtete das Treiben unter mir. Die Menschen, die Tiere, all das Eilige und Gewollte. In meiner Erinnerung endeten viele diese Ausflüge hoch oben auf einem Dach, einer Turmspitze oder einem Baum. Selten flog ich wieder runter. Oft wachte ich den Wolken ganz nah auf und war tief erschüttert, dass ich gar nicht dort war oder trotz ausgestrecktem Arm auf der Bettkante kleben blieb.

Während des Studiums übertrieb ich es ein wenig mit der Literatur nach fünfundvierzig. Der Schwerpunkt der Nachkriegsliteratur brachte mir kurz vor der mündlichen Prüfung unentwegt Alpträume. Stets wachte ich schwitzig, verheult und gehetzt auf, so dass an Einschlafen nicht mehr zu denken war. Einzig, ein warmer Schokopudding mitten in der Nacht konnte ein wenig die Gedanken beruhigen, die aus den Träumen der Verfolgung, des Versteckens, des Hungers und der Qual erwuchsen. Ich war immer jüdisch, ich war immer auf der Flucht und nach „Das Leben ist schön“ versteckte ich mich in Latrinen, um am Leben zu bleiben. Ich litt mit und war unfähig, genug Abstand zu bringen, zwischen dem Hier und dem, was sagte: „Dies ist meine Geschichte, dies ist das Opfer, welches mein Vater erbracht hat, dies war sein Geschenk an mich. Wir haben das Spiel gewonnen.“

In dieser Zeit gab es viel Schokopudding und ich war wirklich froh als das Träumen wieder aufhörte.

In letzter Zeit ist es nachts weniger dramatisch, so dass ich es wagen kann, über mögliche Bedeutungen nachzudenken. Schließlich meint der Herr Schredl (vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit), dass man seine Stärken und Schwächen, seine Fähigkeiten und Fertigkeiten mit ein wenig Beobachtung erkennen könnte. Das ist ja an und für sich eine spannende Angelegenheit, finde ich. „Es geht nicht um die Bilder an sich, sondern um die Grundmuster“, erklärt er. D.h. wie handele ich? Wie will ich handeln? Was will ich überhaupt?

Manchmal sind meine persönlichen Deutungsversuche ziemlich einfach, der Traum wirklich sehenswert und ein Wunsch der Vater des Gedankens. So befand ich mich letztens in einer großen, hölzernen Halle. Der Boden war mit Einstreu bedeckt. Ich selbst ähnelte der Hauptdarstellerin von „Wasser für die Elefanten“ (ganz nebenbei bemerkt ein großartiger Film voll Liebe und Dramatik) und rannte „Lilly“ schreiend, ein wenig hysterisch suchend umher. (Ja, in der Tat, ich suche relativ viele Dinge und mitunter neige ich auch zu etwas Verzweiflung bei der Suche). Aber zu guter Letzt war Lilly bereits nach nebenan gebracht und ich fand sie wieder: Lilly, eine Fuchsstute, die ganz eindeutig mir gehörte und bereits im Stall stand….

Letzte Woche aber war ich verwirrt. Da erregte ich mich des Abends über eine Modellsendung und träumte dann doch wirklich, dass ich (natürlich wesentlich jünger) mit anderen Mädels bei Heidi in der Garderobe saß und über meine Haare philosophierte, die in orangeähnliche Farbe getaucht wurden. Ein Pfiff ertönte und alle weiblichen Mitstreiter mussten sich in Reih und Glied vor einen karierten Vorhang stellen, der Größe nach, an einer Linie ausgerichtet.

Weiter kam ich bei dieser Träumerei nicht. Der Wecker klingelte. Ich war zum Glück nicht bei Heidi. Auch nach intensivem Nachdenken konnte ich keinen versteckten Wunsch entdecken. Das Pferd übrigens würde ich sofort nehmen. Gern auch das Haus im Grünen mit der großen Wiese dahinter…

Vielleicht werden manche Träume ja wahr? Bitte, dann die Schönen und Guten – selten genug sind sie ja.

Ihre Sabine Henriette Schwarz

Tags Deutungen