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Familie und Leben

Geschwisterchen kriegen

Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife. Geschwister können beides.

 
Kurt Tucholsky
 
Geschwister großzuziehen ist für Eltern eine spannende Erfahrung. „Vertragt euch!“ ist dabei wohl der häufigste verwendete Satz genervter Eltern. Aber natürlich gibt es auch mehr als genug Momente und Gründe, sich als Geschwistereltern zu freuen, z.B. wenn die Kleinen sich verstehen und gegenseitig helfen.
 

Von- und miteinander lernen

Die Beziehung zwischen Geschwistern ist einzigartig und bietet Entwicklungsmöglichkeiten, die mit anderen nahen Beziehungen nicht möglich sind. Die kleinen Geschwister verstehen zum Beispiel viel schneller, wie Menschen gerade ticken, weil sie schon früh deutlich kommunizieren müssen – zur Not auch ohne Worte. Denn je besser sie lernen, Konflikte zu beenden und auf Kompromisse einzugehen, desto eher haben sie einen Mitspieler.

Die älteren Geschwister zeigen oftmals mehr Wissbegierde und Lernbereitschaft, was unter anderem durch die Vorreiterrolle kommt, sagen Entwicklungsforscher. Die großen Geschwister leiten das jüngere Kind und erkennen dabei, dass das durchaus auch Vorteile mit sich bringt: Ich repariere dein Auto, dafür darf ich damit spielen. Außerdem macht „Erster“ sein selbstbewusster, denn sie schätzen ihren Wortschatz größer ein und sagen öfter von sich selbst, dass sie komplexe Ideen gut verstehen.

Gefühlstechnisch sind alle Geschwister gut – denn sie trainieren viel. Sie tauschen sich untereinander öfter über Emotionen, Ideen und Gedanken aus als mit ihren Eltern oder ihren Freunden. Mit ihnen reden sie natürlich auch, doch das vertrauteste Miteinander haben Kinder in der Familie. Davon profitieren Kleine sowie große Geschwister.
 

Geschwister streiten

Im Alter von zwei bis vier Jahren geraten die Kleinen im 10-Minuten-Takt aneinander, zwischen drei und sieben Jahren ist es immerhin nur noch dreieinhalb Mal pro Stunde. Das zählte zumindest die Psychologin Laurie Kramer für eine Geschwisterstudie. Dass die Streitlust mit zunehmendem Alter (etwas) abnimmt, liegt an einem natürlichen Instrument zur Vorbeugung von Streit – die De-Identifikation.

Geschwister entwickeln sich trotz durchschnittlich 50% gleicher Gene oft komplett verschieden. Sie grenzen sich automatisch voneinander ab, da ein Kind nicht so sein kann wie das andere, jedes Kind ist ein ganz eigener Mensch. Damit werden Eifersucht, Rivalität und Neid in Grenzen gehalten – verschwinden werden sie aber nie komplett. De-Identifikation heißt also zum Beispiel: ist die Große ein stilles Mauerblümchen, wird das kleinere Kind zum aufgeweckten Entdecker.

Junge-Mädchen-Geschwister grenzen sich weniger voneinander ab als gleichgeschlechtliche, da sie sich durch die unterschiedlichen Geschlechter für’s Erste genug unterscheiden. Der Konkurrenzkampf kann dann nach dem Grundschulalter wieder wachsen. Und ist der Altersabstand größer als zwei Jahre, wird auch (also zumindest etwas) weniger gekämpft. Denn dann sind die älteren Kinder sich ihres Entwicklungsvorsprungs bewusst und lassen den Jüngeren mehr Freiraum.
 

Geschwister sind eifersüchtig

Ohne Eifersucht geht gar nichts, so Sozialpädagoge und Familienberater Joachim Armbrust. Sobald das Geschwisterkind da ist, ist die größte Angst die Eltern zu verlieren, und anschließend nicht genug Liebe zu ergattern. Also beobachtet das ältere Kind, wie die Eltern mit dem neuen Familienmitglied umgehen, und ringen dann um Aufmerksamkeit. Das kann sich manchmal laut und nervig zeigen, aber so lernen die Kinder zu teilen. Sie können verschiedene Rollen ausprobieren und austesten, wie sie mit verschiedenen Launen ankommen – aggressiv, großzügig, neidisch oder hilfsbereit. Das ist auch für die Eltern interessant, da diese nicht so unparteiisch sind, wie sie es gerne wären.
 

Geschwister werden manchmal ungerecht behandelt

Etwa 70% der Mütter, die für eine Studie des Soziologen Karl Pillemer befragt wurden, gaben an, sich einem Kind näher als dem anderen zu fühlen. Welches das im Moment ist, hängt oft von er Situation ab. Das kann man vor den Kindern auch zugeben: „Ja, mit deiner Schwester plansche ich lieber im Wasser, da sie dann immer so aufblüht. Aber ich freue mich genauso, wenn du mir ein Bild malst, deine Augen leuchten dann so schön.“

Geschwister sind verschieden, darum werden sie auch verschieden behandelt. Das kann man erklären und gleichzeitig hervorheben, was das jeweilige Kind für die Eltern besonders macht. Beschwerden wird es natürlich trotzdem immer geben und Fehler passieren. Aber nach dem ersten Baby hat man schon eine Menge gelernt und weiß, dass man beim zweiten Kind gelassener an die Sache rangehen kann und sich selbst weniger Druck machen muss.


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