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Kolumnen

Das Fühlen ist nah.

Es ist ernst. Man ist verstört, geschockt, ängstlich und ratlos – 2011 und heute. Überall Bilder und Meldungen, Experten, Polizei. Terror, den man schon als Erwachsener schwer begreifen, verstehen und fassen kann. Wie soll es da den Kindern gehen? Was darf ich ihnen sagen. Was soll ich ihnen sagen? Was verstehen sie schon und was wäre zu viel – zu viel Paris? Auch im Grundschulalter ist Entfernung noch ein relativer Begriff. Wie weit sind acht Stunden? Dreizehn Uhr in Leipzig losfahren und einundzwanzig Uhr aussteigen? Paris ist nah. Das Fühlen ist nah. Kein Wunder also, wenn die Kinder Bestürzung und Unsicherheit aufsaugen, wenn sich die emotionale Betroffenheit auch über sie legt und ihnen Angst macht. Reden hilft. Meistens. Hoffe ich. So dass die kindliche Fantasie keine Flügel bekommen wird, die ihnen den Schlaf raubt – große schwarze, monströse Flügel. Aber wie soll ich erklären, wie anfangen? Der Anfang ist immer das schwerste…. Vielleicht reden wir einfach über das Mensch sein, über die Menschlichkeit? (Schade eigentlich, dass das Thema erst Thema ist, wenn sie entbehrt wird.)

Ich wünsche mir so sehr, dass meine Kinder einmal selbständig denkende und bewusst handelnde Menschen werden, die sich an den wichtigen, wertvollen Dingen orientieren. Für die Achtung, Akzeptanz und Anerkennung keine Fremdwörter sind. Menschen, die entschlossen, voller Freude und Neugier ihren Weg mit einer Portion Güte und Herzlichkeit gehen, die an sich selbst glauben, klug und mutig sind, Liebe erfahren, die sich auseinandersetzen, nicht wegschauen, die unabhängig und frei sind, zielstrebig und voller Zuversicht. Gute Menschen. Auch andere Mütter denken das, bestimmt….

Und dann geht etwas schief. Ein Fehler im System, mehr Schatten als Licht. Zu viel Schwarz, zu wenig weiß, was den Menschen unselbständig denkend und unbewusst handelnd macht (ja, die meisten Handlungen werden letztlich vom Gefühl bestimmt). Fremdbestimmtes Denken, weil sie zur Anpassung erzogen sind mit zu wenig Selbstreflexion und Eigenständigkeit? Oder der falsche Glaube?

Ja, mein Kind. Der Mensch ist wie ein großer Turm aus Bauklötzern. Seine Anlagen, seine Ideale,  sein Glaube und nicht zuletzt sein Verhalten machen ihn aus. Aber in jedem von uns gibt es Gut und Böse. Wir können das liebreizende Schneewittchen sein, aber manchmal entdecken wir auch die gemeine hinterlistige Stiefmutter in uns. Es ist gut zu wissen, dass es ebenso zu uns gehört, wenn wir ungerecht, wütend, rücksichtslos oder fordernd sind.

Aber wir haben immer die Wahl, es wieder zu beenden. Wir haben die Wahl miteinander zu leben, gemeinsam in einem Raum, in einer Straße, in einer Stadt, in einem Land oder eben nebeneinander in unterschiedlichen Ländern.

Wie wäre es, wenn man einzig übrig ist? Keine Eltern. Keine Freunde. Keine Gegner. Wäre es nicht einsam, traurig und bestimmt schrecklich langweilig allein auf der Welt? Dann gäbe es kein Lob, kein Gute-Nacht-Kuss, keine Nähe. Es wäre niemand da, dem man etwas zeigen oder vorführen kann. Keiner, der den Ball fängt, wenn man ihn in die Luft wirft. Was nützt es, wenn man Recht hat, aber niemand mehr da ist, der einem recht gibt? Und wie fühlt es sich an, wenn niemand mehr da ist, der einen liebt? Eine schrecklich, tiefdunkle, trostlose Vorstellung….

Darum, mein Kind,  möchte ich Dir zeigen mit wieviel Freude man Mensch sein kann, wie schön es ist geliebt zu werden und was das Leben alles bereithält. Die böse Stiefmutter kann überall sein. Sie lauert mit ihren gehässigen Gedanken und Taten. Aber es liegt an uns, ob wir uns mit ihr verbünden oder ob wir uns gegen sie stellen.

Ich möchte daran glauben, dass in der natürlichen Ordnung erst einmal alle Menschen gleich sind. Ihre Berufung ist es: Mensch zu sein. Wer dafür gut erzogen ist, kann alles machen – jeden Beruf. Egal ob Schüler, Priester, Arzt, Anwalt oder Schneewittchen. Es ist einerlei. Vor der Wahl, was man einmal sein will, bestimmt den Menschen erst einmal die Natur zum Menschen und darin liegt genug Gutes und Schönes, um dem Schlechten, Gemeinen und Hinterhältigen die Stirn zu bieten….

In diesem Sinne auf das Gute im Menschen, auf … Anmut, Anteilnahme, Aufgeschlossenheit, Aufmerksamkeit, Aufrichtigkeit, Beharrlichkeit, Behutsamkeit, Bescheidenheit, Besinnlichkeit, Besonnenheit, Beständigkeit, Dankbarkeit, Demokratie, Demut, Durchsetzungsvermögen, Echtheit, Edelmut, Ehrgefühl, Ehrlichkeit, Eigenständigkeit, Einfühlung, Einsicht, Empfindsamkeit, Entgegenkommen, Entschlossenheit, Feingefühl, Freiheit, Freude, Freundlichkeit, Freundschaft, Geduld, Gefühl, Gemeinsamkeit, Gelassenheit, Gerechtigkeit, Gestaltungskraft, Gewissen, Glaubwürdigkeit, Großzügigkeit, Güte, Herzlichkeit, Hilfsbereitschaft, Hoffnung, Kreativität, Kritikfähigkeit, Kühnheit, Lernfähigkeit, Liebe, Liebenswürdigkeit, Lust, menschliche Größe, Milde, Mitgefühl und den Mut, für all das und noch viel mehr einzustehen und zu kämpfen. Im Kleinen und im Großen, Ihre Sabine Henriette Schwarz


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