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Kolumnen

Hallo Frühling? Komm jetzt! Oder ich verfalle in Depressionen

Hallo Frühling

Hey Madame Frühling, was ist denn mit Dir los? Gerade waren alle Wintersachen gewaschen, fein ordentlich verstaut, die Mützen und Handschuhe sortiert und die dicken Schuhe hatten ihren Weg in das Regal im Keller gefunden, als Du es Dir plötzlich anders überlegt hast. Ist Dir eine Laus über die Leber gelaufen? Hat Dich die Menschheit verärgert? War es der türkische Angriff auf die Meinungsfreiheit, das Flüchtlingsthema, der Kita-Streik oder nur die allgemeine Unfreundlichkeit? Hast Du am runden Tisch mit Frau Holle gesessen und Sanktionen beschlossen? Ich kann es mir gut vorstellen: Eine ältere dicke Dame mit dauergewelltem Haar, großer Brust und einer himmelblauen Schürze, die ein Blaubeermuffin isst und der jüngeren Adretten mit rot geschürzten Lippen und einem fulminantem Augenaufschlag erklärt, dass jedes Tun auch eine Folge haben muss. Nichts bleibt ungestraft. So sitzen sie also die beiden und beschließen wie erschöpfte, der gleichen Litanei am Abend müde Eltern, was als Strafe tauglich wäre.

Regen Spinnennetz Ach Frau Holle, wenn Du wüßtest wie lange wir um die Schlitten herumgeschlichen sind und uns sehnsuchtsvoll Schnee wünschten (wir mussten sogar extra in den Thüringer Wald aufbrechen, damit die Kinder keine Heulattacke wegen dem nicht vorhandenen Weiß bekommen). Aber jetzt? Jetzt ist es wirklich genug. Genug Winter. Das Gemüt braucht Sonne. Übrigens auch die Natur. Arme kleine Bienen. Die sollten jetzt eigentlich munter durch die Luft summen und bestäuben, was sich der Sonne entgegen reckt. Aber hier bestäubt grad nix. Stattdessen braucht es Schutz und Unterschlupf. Wer will schon bei jämmerlichen acht Grad das warme Nest verlassen? Genau, niemand – und ich gehöre zur großen Gruppe der Niemands, die sich beim Blick aus dem Fenster lieber verkriechen würden. Nach den tristen Monaten hilft einfach kein Kaffee mehr, kein Make up, kein fröhliches Guten-Morgen-Liedchen, kein Schokokuchen, kein extra bunter Schal. Ich bin es leid, fröstelnd aus dem Haus zu rennen und umgepustet oder nass geregnet zu werden. Ich mag auch die Kids nicht mehr wie kleine Matroschkas an- und auskleiden. Hörst Du Frühling? Komm sei lieb und erbarme Dich. Schließlich habe ich dieses Jahr sogar schon gesät und gepflanzt. Das winterliche Chaos ist beseitigt und der Sonnenschirm wartet nur darauf, dass er endlich zum Einsatz kommt. Ja, ich weiß, zwischendurch sah es gut aus. Du hast Dich bemüht. Aber das jetzt ist wirklich keine Glanzleistung. Mir ist kalt.

Übrigens, von deprimierten, traurigen Menschen hast Du doch auch nix – schließlich sind die „richtig traurigen“, vier Millionen an der Zahl in Deutschland (121 Millionen weltweit), mehr als genug. Eine Zahl, die erschreckend hoch ist. Depression. Ein Wort, dass sich schon düster im Mund anfühlt. Ein Zustand, den ich mir in seinem Ausmaß nicht ausmalen kann. Ein Zustand der Losigkeiten: Lustlosigkeit, Appetitlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Freudlosigkeit, Mutlosigkeit.

Warum reden wir eigentlich so wenig darüber?
Weil es ernst ist?
Weil es nicht so locker-flockig ist wie ein Gespräch mit oder über den Frühling?
Weil es eine Krankheit ist?
Weil es peinlich, tragisch, in vielen Augen übertrieben oder nicht existent ist?
Weil es etwas ist, dass nur ein wenig Anerkennung findet, wenn es „Burnout“ genannt wird?

Keine Charakterschwäche, keine Erziehungssache, keine Verstimmung (so wie bei mir angesichts des Schitti-Wetters), keine Launigkeit oder Zickigkeit. Kaum vorstellbar, dass für tiefdüstere depressive Menschen ein normales Leben nicht möglich ist. Jeder Tag, jede Stunde ein Strudel aus Gedanken und Gefühlen, eine innere Leere, die sich wie Felsen auf die Seele und das Tun legt. Verzweiflung, die jeden Sonnenstrahl irrelevant und das Leben sinnlos erscheinen lässt. Nichts motiviert, nichts bereitet Freude, keinerlei Perspektive, keine Freunde.

Ich gestehe, ich habe gerade: „Als ich einmal eine Depression überlebte und erst nicht wusste, dass es eine ist“ gelesen. Rein zufällig bin ich darüber gestolpert und hängen geblieben. Ich versuche mir vorzustellen wie es ist, wenn „alle Gefühle in einem Rollstuhl sitzen. Ich habe keine Arme mehr und es ist leider auch gerade niemand zum Schieben da. Womöglich sind auch noch die Reifen platt.“ (das ist zumindest die Beschreibung von Andreas Steinhöfel, um sich ansatzweise ein Bild zu machen) Ich fröstele, was jetzt nicht mehr am Wetter liegt…

Im Vergleich dazu sind traurige acht Grad Celcius eine Lappalie, eine Nichtigkeit, geradezu lächerlich. Entschuldige, Madame Frühling, es gibt wichtigeres als über da Wetter zu schimpfen. Ich sehe es ein. Man sollte ein bisschen dankbarer sein für das was man hat.

In diesem Sinne unabhängig von Regen, Wind und Sturm ein schönes Wochenende und allen, die es besonders brauchen, Kraft, Mut und Hoffnung.

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz


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