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Kolumnen

Auf die Freunde

Wenn man sich überraschend nah und verbunden fühlt, wenn sich sofort das Gefühl des Wohlfühlens einstellt, wenn Gespräche nie abreißen. Wenn das Lachen miteinander  wohnt, wenn die Themen selbst beim Innersten nicht aufhören und wenn Schmerz und Trauer geteilt werden können, dann weiß man, dass man einen wirklichen Freund hat (tut mir leid, ganz ohne Pathos geht es leider nicht).

Jeder von uns soll eine Schnittmenge aus fünf anderen Menschen sein, mit denen wir uns umgeben und mit denen wir gern Zeit verbringen. Sie sind uns ähnlich, verstehen unser Herz und unseren Kopf und haben einen festen Platz in unserem Sein. Wie schön, dass es sie gibt, denn sie geben uns das Gefühl nicht allein zu sein, den Stürmen des Tages,  den Gedanken der Nacht und möglicherweise auch den Herausforderungen der kleinen und großen Menschenkinder gewachsen zu sein.

Ja, ich bin mir sicher, nichts verändert eine Freundschaft so sehr wie Kinder oder eine neue Liebe. Schauen wir uns doch einmal die Liebe an, denn sie kommt erfahrungsgemäß vor den Kindern. Sie kann sich – zumeist für die Freunde zuerst – als Flachpfeife herausstellen, denn die oder der Liebende ist bekannterweise eine Zeitlang mit Blindheit geschlagen. (Entschuldigung. Wenn ich fortfolgend über männliche flache,  neue Modelle schreibe, liegt das nicht daran, dass die Problematik geschlechterspezifisch ist. Ich bin lediglich weiblich und da gibt es im Dunstkreis der Frauenfreundschaft häufiger neue Männer. Es sei aber erwähnt, dass es ebenso merkwürdige, verstörte und irgendwie schief gepolte weibliche Wesen gibt, die einer Freundschaft nicht zuträglich sind.) Um aber bei den männlichen Errungenschaften zu bleiben, die sich als Flachpfeifen zumeist erst dezent und dann immer deutlicher outen… diese zeichnen sich durch komische Meinungen aus, verbunden mit irritierenden Lebensmodellen, die von nun an verfolgt werden. Da verändert sich plötzlich die Minirock tragende Freundin mit offenem Haar zur Perlenohrtragenden Rüschenblusen-Frau mit Hochsteckfrisur. Da wird ein wenig Theater, Musik und Kino unwichtig, denn man arbeitet jetzt bis zur Dunkelheit im eigenen Schrebergarten und lernt für die Familienbewirtung Kochen. Oder die kleine atheistische Weltenbummlerin ist plötzlich nur noch im Kirchenkreis oder in jüngeren Jahren bei der CVJM anzutreffen. Letzteres ist in keinem Fall schlecht, aber man kann eben durch eine neue Liebe kein neuer Mensch werden. Das Innere bleibt das Innere. Wenn die neue Liebe einen anderen Menschen möchte, ein anderes Innen, kann es einfach nicht richtig sein.

Als Freund kann man da wenig machen. Man sieht, erkennt, diskutiert vielleicht, weist den anderen darauf hin, aber letztlich steht man handlungsunfähig daneben und muss abwarten ob die Freundschaft solch erschwerte Bedingungen aushält. Man steht voller Unverständnis daneben und kann einfach nur hoffen, dass sie oder er über sich nachdenkt und die innige Verbundenheit, die man bis dahin geteilt hat, nicht endet.

Und bei den Menschenkindern? Die Zeit, wo Freunde Kinder bekommen und andere eben (noch) keine haben, ist eine harte Bewährungsprobe. Freundschaft muss sich auch hier behaupten und den Beweis antreten, dass sie trotz Chaos, fremden Welten, Kack- und Brei-Themen, trotz Lego und Prinzessin Lillifee, trotz erschütterndem Weinen und tobenden Wutausbrüchen, Bestand hat.  Freundschaftssoldaten auf dem Schlachtfeld der Veränderung. Keiner hat gesagt, dass das leicht sein wird. Aber ich hoffe und glaube fest, dass es sich lohnt.

So lag ich einst – vor über zehn Jahren – in einem typischen Freundinnenurlaub unter der spanischen Sonne, als sie mir unter Tränen ihre Schwangerschaft beichtete. Ich war von dem Thema so weit entfernt, wie Weihnachtsmann und Osterhase. Freute mich für sie, war irgendwie auch stolz auf sie. Was es aber wirklich bedeutete, konnte ich nicht erfassen. Sieben Jahre hat es gedauert, bis sie endlich auch das mit mir teilen konnte, die Gefühle, die Unsicherheiten, die Freude, den Kummer. Erst jetzt weiß ich, wie sehr sie es vermisst haben muss. Sieben Jahre, wo ich ihr so gar keine Hilfe war, denn ich hätte gar nicht gewusst, was und wie ich helfen konnte. Eine Zeit, in der wir uns besuchten, weiter miteinander in den Urlaub fuhren (wenn sie ihre Kinder abgeben konnte) und wir uns über Gott und die Welt unterhielten (Gott und die Welt bestanden oft aus Arbeit, Büchern und meinem Kummer, womit wir wieder bei der Liebe wären).

Jetzt weiß ich, dass sie einen großen Teil ihrer Welt einfach für sich behalten hat und sie hatte Recht. Es hätte mich verschreckt, wenn das Kinderthema in unserer gemeinsamen Zeit zu viel Raum eingenommen hätte. Eine Art Fremdsprache, für die es kein Verständnis und keine Übersetzung gab. Gut, dass ich es dann doch irgendwann verstanden habe. Ihre Freude und Überraschung war fast so groß wie meine eigene. Ich glaube, sie freut sich immer noch….

Deshalb: Ein Hoch auf die Freundschaft! Auf die Freunde, die geduldig sind mit dem chaotischen Selbst, mit möglicherweise komischen neuen „Lebensabschnittsgefährten“, die die Verwirrung einfach abwarten und einen dann doch wiederfinden – egal ob allein, zu zweit, zu dritt oder zu viert. Danke… sagt Sabine Henriette Schwarz.

Auf die Freunde – von Sabine Henriette Schwarz


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