Home  »  Kolumnen   »   Freizeit ist auch Stress

Kolumnen

Freizeit ist auch Stress

freizeit-stress

 

Freizeit ist, wie das Wort schon sagt, freie Zeit. Zeit, die man frisch, fromm, fröhlich frei und flexibel nutzen sollte – zumindest in der Theorie. In der Praxis reihen sich die Termine aneinander und die Erinnerungen, die schon früh morgens auf dem Handydisplay erscheinen, lassen keinen Zweifel: da ist nichts mit schlechte Laune vertreibenden Stadtbummeln oder in die Couchecke hängen, um dösend einen Kaffee zu genießen. Der Tag ist wirklich voll und ich frage mich, ob das schon immer so war oder ob das ein typisches Familien-Kinder-Koordinationsproblem ist.

Vor kurzem hörte ich sogar eine elterliche Stimme, die verkündete: „Gut, dass morgen wieder Montag ist. Da kann ich wenigstens an meinem Schreibtisch sitzen, muss nicht hin und her rennen mit diesem Blick auf die Uhr und darf ruhig vor mich hinarbeiten.“ Ruhig „vor sich hinarbeiten“ ist also besser als frei zu haben?

Da muss doch irgendwas in Schieflage geraten sein – und in der Tat fühle ich das auch, wenn ich mir manchmal die Woche im Überblick anschaue und bereits am Montag verheißungsvoll auf den Freitagnachmittag schiele. Nicht, weil die Woche so schrecklich werden wird, sondern weil die Woche schrecklich voll ist. Da stehen dann so hübsche Erinnerungen wie Schlafsachen, Sportsachen, Vorschulsachen, Schwimmsachen, Tanzsachen einpacken und da stehen natürlich die passenden Termine für Vorschule, Schwimmen und Tanzen (sonst müsste man das ganze Zeugs ja nicht zusammen suchen.) Ich notiere zudem fleißig Verabredungen der Kinder zum Spielen, was wiederum bedeutet, dass man das spielende Kind abends noch abholen wird. Dazu stehen noch im Kalender avisierte Arzttermine, wo man wann nachfragen muss oder die Tage, die für die Abrechnung im Second Hand vorbestimmt sind. Darüber hinaus: Werkstatttermine und Telefonate mit lieben (und manchmal nicht so lieben) Menschen, die mir auf den AB gesprochen haben – natürlich in der Hoffnung, dass ich mich irgendwann melde. (Leider bekomme ich nach einer Woche meistens ein schlechtes Gewissen und versuche den Rückruf dann zwischen Brot kaufen und Wäsche waschen zu erledigen. Dumm nur, dass wir bei unserer Waschmaschine keinen Empfang haben und ich das Wäsche aufhängen nicht effektiv nutzen kann.) Ach, ganz vergessen habe ich solch nette Notizen wie: Geburtstage, Geschenke für Geburtstage kaufen, Kuchen backen oder ähnliches. Im Normalfall müsste ich noch zwecks Planung hinzufügen: Kindersachen sortieren, Fenster putzen, Müll zum Wertstoffhof bringen oder endlich Wand streichen – aber diese Unterfangen werden in der Familiengruppendynamik so oft vereitelt, dass ich mir abgewöhnt habe, diese zu terminieren. Mit jedem verpassten Termin wächst nur die Enttäuschung, es mal wieder nicht geschafft zu haben und Enttäuschung hilft weder mir noch der Sache an sich.

Alles ist irgendwie optimiert. Die Wege müssen gleich praktischerweise verbunden werden – mit dem Einkauf, der Reinigung, der Tankstelle. Einfach nur mal still, leise, Musik hörend nach Hause fahren und aus einer Laune heraus halten, um die nächste Stunde im Buchladen zu vertrödeln oder ein dickes, glückseliges Eis in sich hinein zu stopfen, wie sollte das gehen? Wann könnte man dies tun? Ein Dilemma, findet übrigens auch Michael Stark, seines Zeichens Psychologe: „Das ist die Erwartung der Gesellschaft, die Erwartung der Werbung, die gaukelt uns ja vor, wenn wir immer aktiv sind, dann läuft das Leben toll.“

Dabei braucht es mehr Ruhe, einen sogenannten Seelenenergietank, der von Zeit zu Zeit aufgefüllt werden muss – und das meint nicht die fünf Minuten, wo man die Buntwäsche von der weißen sortiert oder gedankenverloren die Kartoffeln schält. Experten raten zu mehr Planlosigkeit, denn wer sich weniger vornimmt, rennt nicht so durch den Tag.

Finde ich eigentlich gut. Uneigentlich bin dann aber ich die böse Mutti, die ihre Kinder nicht woanders spielen lässt oder die die Sportsachen oder anderes lebensnotwendiges Equipment vergisst. Gestern holte ich beispielsweise die armen Kinder vom Mittagsschlaf ab und ich sah zu meinem Entsetzen die kleinen Speckbeinchen nackt in Schlüppi und Hemdchen auf dem Bettchen liegen. Ertappt, das blöde Bettzeug hing noch in der Garderobe zu Hause. Was für ein Murks.

Nein, ich will keine böse Mutti sein, aber über ein paar Reduzierungen werde ich dennoch nachdenken und auch über die generelle Ansage, dass man mir einfach eine Nachricht schreiben soll statt den AB vollzuquatschen. Da hab ich es dann wenigstens schriftlich und kann wichtiges von unwichtigem trennen. Der ultimative Expertentipp ist übrigens eine faule Woche mit den Kindern einzulegen. Das heißt, vorher anmelden, keine Termine machen, am Wochenende vorher für die ganze folgende Woche einkaufen und noch mal tanken, um anschließend eine ganze Woche jeden Tag direkt von Schule, Kita und Arbeit nach Hause. Ohne Zwischenstopp, keine Treffen, kein Sport, nix. Nur draußen, drinnen und da sein.

(Probiere ich vielleicht mal, hört sich gut an, nur das Wochenende vorher wird Hölle werden.)

Genießt Eure Zeit, so gut es eben geht.

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz

Tags

verwandte Artikel

  • 25.05.2018

    Die Suche nach dem Prinzen

    Letztes Wochenende. Zweimal Fernsehen. Die Mädchen durften mit Wurstbrot und Tomate auf der Couch sitzend die Prinzessinnenhochzeit des Jahres kurz mitansehen und waren entzückt,...