Home  »  Freizeit   »   Kolumnen   »   Fluch oder Segen

Kolumnen

Fluch oder Segen

Handy Fluch Segen

Wirklich, es ist unheimlich. Unser großes Kind verbindet die Schule nicht in erster Linie mit Lehrern, Schulpausen und Hausaufgaben, sondern mit dem Erwerb eines eigenen Handys. Der kindliche Buschfunk hat von Bekannten und Freunden und großen Geschwistern von Freunden erfahren, dass dann die Zeit reif ist – reif für Telekommunikation. Reif für den stetigen Blick aufs Display? Reif für nervige Klingeltöne und kleine Handyspiele, die Wald, Wiese und Sonnenschein vorgezogen werden? Ich verspürte ein leichtes inneres Knurren. Ist das jetzt wirklich das angesagte Geschenk für Siebenjährige? Habe ich was verpasst?

Handys stehen auf der Wunschliste ganz oben. Heißbegehrt.

Und in der Tat geben wunderbare Statistiken der gefühlten Top-Platzierung recht. Je älter die Kinder werden, umso mehr haben Handys: Bei den Acht- bis Neunjährigen ist es jeder Dritte, zwei Drittel sind es bei den Zehn- und Elfjährigen und 91 Prozent bei Zwölf- und 13-jährigen. Ok, das durchschnittliche Einstiegsalter liegt bei zehn Jahren und somit noch nicht ganz beim Schuleintritt, aber zeitig ist es dennoch. Spannend allerdings, dass das Handy dann gar nicht zum Telefonieren genutzt wird – die Kids schreiben viel mehr SMS.

Wahrscheinlich ist es nicht ganz fair, dem Kinde den schnöden Wunsch vorzuwerfen. Imitieren sie doch auch nur die anderen – sprich: uns. Und schon muss man sich an die eigene Nase fassen und reflektieren, wie man selbst durch den Tag geht.

  • Aufstehen.
  • Wecker am Handy.
  • Gleich noch ein schneller Blick auf die Wetter-App.
  • Im Bad ein Erinnerungs-Ging-Gong für den ersten Termin des Tages.
  • Und im Laufe des Tages statistisch gesehen 2 SMS- und 30 Whats-App Nachrichten (das sind wohl gigantische 40 Millionen SMS und 668 Millionen Whats-App-Nachrichten in Deutschland).
  • Kurzer Check des Facebook-Accounts.
  • Kurzer Check der Mails (ja, man hat natürlich nicht nur eine Adresse.)
  • Noch ein Erinnerungs-Ging-Gong.
  • Dem Mann schnell mal ne SMS schreiben zum Abendbrot und zum Einkauf.
  • Brot vergessen. Noch eine SMS. (Statistik erfüllt)
  • Zwischendurch gefühlt 32x die Uhrzeit gecheckt.
  • Und noch ein süßes Kinderfoto gemacht.
  • Abends den Wecker gestellt.
  • Den Wetterbericht ansehen
  • Und (wenn der Mann nicht zu Hause ist) ihm zumindest schrecklich unromantisch eine gute Nacht wünschen (mitunter schaffe ich es mit Warten einfach nicht).

Kein Wunder also, wenn dieses kleine flache, viereckige Multifunktionsgerät den Eindruck erweckt, dass man ohne eben jenes nicht mehr leben kann. Dabei kann man. Ich bin mir sicher. Und ich würde es auch gern manchmal in die Ecke schmeißen und mit Missachtung strafen. Böser Zeitfresser, der bestimm auch die Augen verdirbt. Aber auf der anderen Seite schreit das „ich-will-alles-unter-Kontrolle-haben-Gefühl“ schon laut, wenn der Akku plötzlich seinen Geist aufgibt oder wie in der letzten Woche, sich das Teil wegen Überhitzung selbst ausschaltet. Was ist, wenn gerade dann etwas mit dem kränklichen Großvater ist? Was ist, wenn ich mit dem Auto liegen bleibe oder ein Kind blutüberströmt verunfallt? Ich gestehe, das blöde Handy ist mein Rettungsanker, eine Art sichere Homebase – bisher habe ich in Notfällen damit zwar auch niemanden erreicht (der Mann ist im Meeting, die Freundin hebt nicht ab und im Notfallzentrum des Uniklinikums wird man in die Warteschleife gelegt), aber ich brauche die Illusion. Die Hoffnung, dass mit einem Anruf schneller alles gut werden kann. Das ist dumm und ein wenig kindisch, das weiß ich. Dennoch verheißt die Technik paradoxerweise Beruhigung.

Ganz anders geht es mir mit dem Handy des Herzallerliebsten. Ist er bei mir, gibt es doch keinen Grund, sich in die Technik zu flüchten. Noch einmal das große Weltgeschehen checken? Wozu? Bin ich nicht seine Welt? Jetzt gerade, mit dem Glas Wein in der Hand oder im Urlaub auf der Terrasse? Bitteschön, ich will nicht mit Facebook, Xing und dem Mail-Eingang konkurrieren. Ich will ihn – nur ihn, ohne das Gepiepse und Geflimmer, was ich liebend gern im Klo ertränken würde. Also weg damit. (Er sieht das natürlich anders und so bleibt es ein ungeliebtes, verhasstes Feierabend- und Urlaubsuntensil.)

Was für ein Fluch. Welche Faszination. Und das Kind mit seinem sehnsuchtsvollen Blick und seinem Bitten mittendrin…

In diesem Sinne, einen möglichst ungestörten Feierabend!

Ihre /Eure Sabine Henriette Schwarz


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.