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Kolumnen

Fantasie ist ein Zustand der Seele

7:10 Uhr, Schlafzimmer, ein zwei x zwei Meter Bett für ein Elternpaar. Um diese Uhrzeit großherzig geteilt mit einem Baby und einem dreijährigen Kinde. Verstohlenes Blinzeln gegen die Helligkeit. Ein väterlicher Grunzer , das Klappern der Babyrassel und das Quietschen des Babybuchs mit Kuhfigur. Erwachsene Müdigkeit und kindlicher Eifer, der sich durch Fantasiewelten bewegt oder besser in ihr, mit ihr (Ist der Grat zwischen Fantasie und Wahnsinn manchmal nicht nur ein sehr sehr schmaler? Kafkas Herr Samsa, der sich eines Morgens „zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“, würde die Frage wohl mit „ja“ beantworten. Vorausgesetzt, er wäre auch in Ungeziefergestalt einer Antwort fähig.) Es geht los, das große Kind ist wach.

Papi, Du jetzt ein Prinzi und ich eine Prinzessin mit einem Zauberstab (der Zauberstab ist ein längliches Kuscheltier).

Papi, die Prinzessin schläft jetzt wie Dornröschen. Ah Papi, ich so müde. Papi, Du musst jetzt die Prinzessin wach küssen. (Er tut es.)

Und Papi, Du musst noch die weise Frau küssen (ich weiß zwar nicht womit ich das verdient habe, aber offensichtlich bin ich jetzt die weise Frau, die gerade gegen die Sonne anblinzelt). Kuss.

Papi, Du das nicht richtig gemacht. Schau mal, ich dir das jetzt zeigen. (Kind stürzt sich mit geschürzten Lippen auf ihn, allerdings liegt zum Schluss das ganze Menschlein auf des Prinzis Gesicht.)Papi bekommt leider keine Luft und muss kurz den Überfall beenden, worauf die Prinzessin wieder zur weisen Frau kommt.

Mami, ich jetzt eine gute Fee. Siehst Du? (Kind wedelt wild mit den Armen.)

Mami, ich habe großen Hunger. Wollen wir Kuchen essen? Und bevor Mami etwas sagen kann kommt:

Simsalabim, Mami, da unser Kuchen mit Smarties. Wir jetzt essen. Mami, Du sollst essen. (Ja, Ja  Mami stopft sich den imaginären Kuchen in den Mund.) Das Baby kommt hinzu und wird in seine Schranken verwiesen.

Baby, das ist unser Kuchen. Du darfst den noch nicht essen. Warte, warte – ich Dir was anderes holen. Das Kind springt auf und rennt zum Kaufmannsladen. (Dieser hat aufgrund der enormen Ausmaße leider keinen Platz im Kinderzimmer und wurde deshalb im Schlafzimmer abgestellt. Das war auf den ersten Blick sehr praktisch, wenn man noch ein wenig schlummern wollte und die Kassiererin bereits im Zimmereck aktiv war. Auf den zweiten Blick stellte es sich als der Quell aller kleiner Plastikflaschen, Holzkartoffeln, Gummibrote und Kunststoffmelonen heraus, die man abends unerwarteterweise unter der Bettdecke fand und findet .)

Baby, hier. Ein Kakao und eine Möhre. (Baby schaut verstohlen auf die kleine Metallkiste und die Holzmöhre, um sich dann für letztere zu entscheiden. Zum Glück ist sie so groß, dass sie nicht verschluckt werden kann.) Kurz Ruhe. Papi faltet noch einmal ordentlich das Kopfkissen zurecht.

Mami, wollen wir machen, dass Du jetzt die Omi bist? (Was für ein Abstieg innerhalb von wenigen Minuten. Dabei habe ich mich als weise Frau ganz wohl gefühlt. Aber nun gut, wenn die Omi nicht viel tun muss, ist man eben auch mal eine Omi.)

Omi, Omi, wir uns verstecken. Ich da hinten einen bösen Wolf gesehen. Omiiiiii. Der böse Wolf kommt!!! Das Kind springt mit einem großen Hüpfer auf die Zudecke unter der leider die Omi liegt, welche darauf einen unangenehmen Schmerz in der Blasengegend verspürt. (So geht das nicht. Wenn man sich schon vor dem bösen Wolf verstecken muss, dann leise und vorsichtig. Vor allem, wenn man sich bei Mami, ach`nein, bei der Omi verstecken will und zudem noch eiskalte Füße hat.)

Omi, Tschuldigung. Ich schon vorsichtig. (In der Tat wird jetzt eher über das Bett gekrabbelt als gehüpft. Das kindliche Gewicht auf väterlichen und mütterlichen Gliedmaßen, die leider im Weg liegen, bleibt jedoch gleich.)

Mami, Du den bösen Wolf gesehen? (Ah, ich bin wieder Mami.)

Wir mit dem kämpfen. Mami, Du nimmst ein Schwert und ich den Flitzebogen und wir den Wolf dann in den Popo pieksen und der Wolf dann ganz dolle erschrecken und weglaufen. Das Kind sucht im Bett und ich bekomme das längliche Kuscheltier als Schwert und das Kind nimmt sich Holzbesteck als Flitzebogen.

Mami, der Wolf kommt! Wir jetzt käääämpfen!!! Das Kind stürzt mit Holzbesteck unter der Decke hervor und fuchtelt wild in der Luft umher. Das Baby findet es mordsspannend und kommt aus seiner geschützten väterlichen Kuschelecke.

Ah, Mami, der böse Wolf kommt! Das große Kind zeigt auf das Baby und Mami fühlt sich verpflichtet zu sagen, dass das auf keinen Fall der böse Wolf ist.

Ok Mami, das unser Baby. Unser Baby-Bacon. Wir zum Frühstück Baby-Bacon essen? Das große Kind lacht sich kaputt und wirft sich voller Begeisterung auf Baby-Bacon. Ok, das ist der Moment, wo wir zum Aufstehen rufen, denn nach Prinz, Fee, Wolf und Baby-Bacon, kann es noch besser werden? Und was wir wohl morgen sein werden?

Vielleicht, nur vielleicht zaubert uns die Fee ja ein kuscheliges kleines Babykätzchen, was sich leise in das Bettdeck einrollt und weiterschläft….

Fantasie ist ein Zustand der Seele – von Sabine Henriette Schwarz


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