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Facebook ist gemein

Facebook ist gemein - Eine Kolumne von Sabine Henriette Schwarz auf LeipzigKids.

Wir sind ja alle schrecklich kommunikativ und vernetzt. Vielleicht sind wir auch ein wenig informationssüchtig, denn wenn andere Spannendes, Interessantes, Bemerkenswertes und Außerordentliches posten, will man es ja wissen. (Neben den vielen inhaltsleeren Sätzen und natürlich neben diesen Essensbildern vom Schnitzel des Mittagstischs, deren Sinn sich mir nach wie vor noch nicht eröffnet hat.) Ich gebe es also unumwunden zu, ich gehöre auch zu den Menschen, die am Tag mehrfach schauen, was es denn so Neues in der Facebook-imaginären-Freunde-Welt gibt. Und damit gehöre ich zu den 28 Millionen Glotzern in Deutschland. Nicht, dass das allein schon gemein wäre… (Absonderlich und ein ungeheurer Zeitfresser übrigens, wenn ich mich selbst erwische, wie ich so auf der Kloschüssel hockend in aller Ruhe tiefer und tiefer in die Flut an Bildern und Text eintauche, um dann letztlich die neuesten Urlaubsbilder und Anekdoten feil bieten zu können. Ich hätte bestimmt auch ohne diese Bekanntmachungen überlebt.)

Gemein ist vor allem, dass Facebook mir präsentiert, wie die Zeit vergeht. Ganz offensichtlich und leider auch noch derart optisch nachvollziehbar, dass ich wehmütig zurückzucke. Da gibt es doch diese automatischen Fenster, die einem Beiträge von vor X-Jahren zeigen?

Nun ja, in meinem Fall habe ich mit Facebook erst so richtig begonnen, als ich mit unserem ersten Kind daheim war. Ich war allein, der Hund redete nicht mit mir, die Baby-Interaktion bestand aus Blubbern, Gurgeln, Schreien und Pupsen, der Kontakt zur Außenwelt war nur eingeschränkt möglich und der Herzallerliebste kam spät nach Hause und eröffnete mir bald, dass ihn mein abendlicher Redeschwall mitunter etwas überforderte. So suchte ich Alternativen. Ich fand zumindest eine kleine Ablenkung und mehr menschlichen Austausch eben dort auf jener Plattform, über die ich bis dato nur verächtlich die Nase gerümpft hatte. (Braucht es das wirklich? Wozu? Wenn ich reden will, treffe ich mich mit Freunden. Aber das Leben ändert sich und mit ihm die Gegebenheiten.) Und da mein Lebensumfeld sehr um den Zwerg geschrumpft war, enthielten meine Nachrichten vor allem Fotos und Geschichtchen vom kleinen Menschenbündel. Heute Morgen nun, ploppte wieder eines dieser bösen „Erinnern Sie sich – dies haben Sie vor fünf Jahren gepostet“-Fenster auf. Ein Foto mit großen dunklen Kulleraugen, die über einem Miniminikleidchen in die Welt blickten, ein winziger zusammengekniffener Mund und ein wildes Bündel Haare auf dem Kopf. Das war sie mal…. damals… vor fünf Jahren und ich, mit Mütze wie so oft in dieser Zeit, denn Haare waschen war eine außerordentlich aufwendige Angelegenheit, für die ich wenig Sinn und Lust hatte.

Ist es wirklich schon so lang her? Fünf Jahre – einfach so vorbei. Ging es wirklich so schnell? Wie sie sich verändert hat. Gefühlt ein Flügelschlag von einem Moment zum nächsten und die Erinnerung, die alles wieder ganz nah macht.

Und wenn sie in dieser Zeit so gewachsen ist, was hat die Zeit dann mit mir gemacht? Außen und innen. Bin ich schlauer, weiser, gesetzter, vernünftiger? Was sagen die Bilder und die Texte? Früher konnte man sich noch milde lächelnd einen Liebesbrief aus pubertären Tagen anschauen, um über sich selbst den Kopf zu schütteln. Jetzt, vermute ich, sind handschriftliche Zeugnisse der Zeit bei den meisten Mangelware. Was bleibt also? Posts, die man Jahre vorher getätigt hat und die dann doch offenbaren, dass es Veränderungen gibt. Innen und außen.

Wie sagte Böll so schön…? Wie alt man geworden ist, sieht man vor allem an den Gesichtern derer, die man jung gekannt hat. Und da ist Facebook schon wieder gaunerhaft. Viel zu einfach kann ich mich in die Fotos von Schul- und Studienfreunden schleichen, um mal dezent zu schauen was die so machen, wie die jetzt aussehen… Auch alles keine frischen, jungen Hüpfer mehr. Ich erhasche einen Ausschnitt ihrer Wirklichkeit und irgendwie passt meine Vorstellung fast nie zur Realität. Da ist der Schulschwarm von damals inzwischen viele Haare losgeworden und hat dafür mehrere Kilos zugelegt. Seine Einträge verraten einen merkwürdigen, flachen Humor und die Rechtschreibung lässt zu wünschen übrig. Meine hippe Banknachbarin aus der Elften trägt aktuell Locken und Bluse, postet Tierfilmchen und Gartenbilder über Gartenbilder und eine gute Freundin jettet durch die Welt und berichtet einzig und allein von Businessterminen, obwohl ich immer dachte, dass genau sie der Familienmensch schlechthin ist.

In echt ist alles anders. Ich kann nachschauen. Für einen kurzen Moment andere Leben sehen und auch auf meins zurückblicken. Zwischen Baumkuchen und Kräutertee sprang es mir heute entgegen dieses: „Erinnern Sie sich?“ und ich erlag ein wenig der Wehmut…

Macht es auch schön und lebt auch die trüben Tage, denn morgen wird heute schon gestern sein…

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz


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