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Es braucht ein ganzes Dorf, um Kinder großzuziehen

Es braucht ein ganzes Dorf Kinder großzuzuziehen. Aber heutzutage hat fast niemand mehr ein Dorf in der Hinterhand...

Da steht man mal wieder allein mit seinen Kids da. Keine helfende Hand, keine kleine Stunde, die einem nur selbst und als Paar gehört. Man jongliert mit seinen Terminen und dem Tag, hoffend, dass alle möglichst gesund bleiben und „nichts dazwischen kommt“. Nach aktueller Bertelsmann-Stiftung wünschen sich deshalb viele Eltern mehr Flexibilität in der Kinderbetreuung und längere Öffnungszeiten der Kita. Aber auch Kita ist Arbeit für die Jüngsten. Da wäre eine Oma, ein Opa, eine Tante oder eine liebe Nachbarin doch besser. Ja, aber immer mehr Vätern und Müttern steht dieses persönliche, familiäre Netzwerk nicht zur Verfügung und man steht „allein und doof da“.

Wieder ist ein Wochenende um. Wieder eines, das wir wie immer komplett selbst gestalten mussten. Keine Möglichkeit, zu den Großeltern zu fahren und sich bekochen zu lassen. Keine Verwandten in der Stadt, wo wir uns zum Kaffeetrinken einladen könnten. Keine Geschwister mit ähnlich alten Kindern, wo man sich austauschen kann. Keine Chance, die Kinder mal einen Tag oder gar das ganze Wochenende zu den Großeltern zu geben. Kein Onkel, der uns mal besucht und mit den Kindern spielt. Niemand, der unter der Woche die Kinder mal von der Kita abholt. Keiner, der mal einen Ausflug mit den Kindern macht, damit wir ein Buch lesen, das Wohnzimmer streichen, die verstreuten Weihnachtsgeschenke sichten oder irgendwas zu zweit erledigen können. Niemand, der uns entlastet. Unsere „Entlastung“ ist die Kita, unter der Woche, wenn wir arbeiten. Daneben gibt es nichts und niemanden.

Früher gab es manchmal einen Kindertausch mit befreundeten Familien. Das betraf nur den Großen und war eine willkommene Abwechslung. Leider ist das bis auf wenige Ausnahmen längst vorbei. Auch starteten wir mal eine langwierige Babysittersuche, die zuletzt (vor 1,5 Jahren) deshalb scheiterte, weil die Kinder deutlich äußerten, nicht mehr mitgehen zu wollen (sie sollten alle paar Wochen mit der Babysitterin 2 h rausgehen, damit wir zuhause Ruhe haben). Sie sollen ja auch gern am Wochenende zuhause sein und ich möchte mit ihnen Dinge unternehmen und Zeit verbringen. Mittlerweile ist es auch viel einfacher und schöner geworden, am Wochenende, an Feiertagen oder nachmittags zusammen zu sein. Aber es ist mühsam, keinerlei feste Anlaufstelle zu haben, wo man einfach mal hinfahren und bleiben kann. Niemanden zu haben, der kommt und hilft. Zum Beispiel, wenn ein Elternteil krank ist und der andere sich mit den Kindern hinausquälen muss, weil es zuhause sonst keine Ruhe gibt. Oder wenn man mal kein Mittagessen kochen will. Oder wenn man selbst mal Abstand braucht.

Meine Eltern wohnen 300 km weg und kommen ca. 3 Mal im Jahr für ein paar Tage nach Berlin. Bei den beiden letzten Besuchen war eines bzw. waren beide Kinder krank, d.h. es gab kaum ein zusätzliches freies Zeitfenster für uns. Die Kinder lieben sie zwar, haben aber logischerweise keine so enge Bindung zu ihnen, was sich zum Beispiel in der Weigerung der Kleinen zeigt, mit ihnen aus der Kita wegzugehen, wenn sie sie ein Mal abholen. Die Schwiegereltern leben leider nicht mehr. Das heißt für mich, der Mann kann und wird NIE mit den Kindern zu seinen Eltern fahren. Ich werde also nie mal für ein paar Tage allein zuhause sein. War ich, seit wir die Kinder haben, noch nie und werde es wohl noch sehr lange nicht sein. Der Mann kam auch erst zwei Mal in knapp 6 Jahren in diesen Genuss, da mir die Entfernung zu meinen Eltern zu groß ist, ich keine Gerne-Autofahrerin bin und dort die Platzverhältnisse beengt sind. Da wäre dann das Wochenende noch weniger erholsam als zuhause. Mit den Kindern ganz allein wegzufahren und an einem fremden Ort ohne Unterstützung zu sein, ist mir immer noch zu anstrengend und zu riskant (z.B. bei Krankheit). Dem Mann geht das ähnlich. Das sähe anders aus, wenn wir regelmäßig und einzeln zu Eltern oder Schwiegereltern fahren könnten. Täglich sehe ich in der Kita Kinder, die sich freuen, wenn sie von ihren Großeltern abgeholt werden. Bei vielen Kindern kenne ich die Großeltern, weil diese regelmäßig kommen. Oft lese ich, wie Eltern ihre Kinder am Freitag zu den Großeltern geben und am Sonntag wieder abholen. Oder die Kinder sogar einen längeren Urlaub bei den Großeltern machen. Ich kriege mit, wie sich Familien bei Verwandten bekochen und verwöhnen lassen und die Kinder mit Neffen und Nichten aufwachsen. Oder die Oma mal kommt und mit dem Enkel spielt.

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Am Wochenende sehen wir im Park oft Großeltern, auch betagtere, die allein mit ihren Enkeln unterwegs sind. Das ist uns leider alles nicht bzw. äußerst selten vergönnt. Ja, ich weiß, wir haben das selbst gewählt, weil wir beide aus unseren Geburtsstädten weggezogen sind. Schade ist es trotzdem und es rächt sich jetzt. Und wer wusste das schon, als er mit 19 wegging, dass man eine eigene Familie eigentlich kaum ohne Unterstützung wuppen kann? Wir tun das seit fast 6 Jahren und es geht an die Substanz. Egal ob gesund oder krank, kraftlos oder energiegeladen, gut gelaunt oder lustlos – wir müssen uns selbst um die Kinder kümmern, weil wir niemanden haben, der uns dabei unterstützt. Es geht nicht darum, die Kinder abzuschieben, sondern um Verteilung der Last auf mehrere Schultern, wodurch die Belastung von Eltern mit Sicherheit deutlich verringert wird. Das fehlt bei uns völlig und wir merken das deutlich an unserem Energielevel. Natürlich muss man es akzeptieren, man kann es ja nicht ändern, aber nach fast 300 Wochenenden seit der Geburt des Großen, die selbst gestaltet und allein gewuppt werden mussten, nach weit über 2000 Gängen zur und von der Kita ohne einen stellvertretenden Abholer und null familienlosen Nächten für mich zuhause kann man schon mal konstatieren, dass da definitiv Hilfe fehlt. Nicht nur die rein zeitliche und kräftemäßige Unterstützung, sondern auch ein regelmäßiger Austausch im konkreten Alltag.

Viele Familien, die regelmäßig von Verwandten unterstützt werden, geben ehrlich zu, dass ihr Alltag ohne diese Unterstützung nicht zu wuppen wäre, ganz zu schweigen vom Energielevel. Das zeigt doch, dass es fast übermenschlich ist, alles allein zu stemmen. Dabei geht es auch gar nicht nur um das Abholen, Beherbergen oder Bespielen der Kinder, sondern auch darum, am Sonntag mal in ein „fertiges Nest“, bestehend aus Essen, Kuchen und nervenstarken Großeltern o.ä. zu Besuch zu kommen, einen gemeinsamen Ausflug zu machen, sich vom Flughafen abholen zu lassen oder vielleicht auch mal einen anderen Blitzableiter für die Kinder als immer nur die Eltern zu haben. Sich einfach mal fallen und umsorgen zu lassen, statt immer selbst zu umsorgen. Klar schafft man das alles auch irgendwie selbst, was bleibt einem auch anderes übrig, aber es kostet sehr viel Kraft.

Immer mal wieder lese ich den Tipp, sich ein funktionierendes soziales Netzwerk aufzubauen, wenn keine Familie in der Nähe wohnt. Das klappt aber nur, wenn es auf Gegenseitigkeit beruht und nicht der Teil, der mehr Entlastung nötig hat, ausgenutzt wird. Ich merke aber auch oft in Gesprächen, dass das Problem gar nicht erkannt wird, wenn man nicht selbst in dieser Situation ist. Manchmal sind es auch unterschiedliche Vorstellungen im Umgang mit den Kindern, die einen Austausch schwierig machen. Das kann natürlich auch bei familiärer Hilfe der Fall sein, meist sogar deutlicher und verletzender, aber vielleicht nimmt man das dann mehr oder weniger für eine kinderfreie Woche in Kauf. Und nicht zuletzt ist so ein Austausch mit befreundeten Eltern auch riskanter und unzuverlässiger, aufgrund von Krankheiten, Terminen und anderen Unwägbarkeiten. Es ist also ein theoretisch guter Ansatz, der sicherlich in einigen Fällen auch funktioniert, aber viele unsichere Komponenten beherbergt (und in unserem Fall bisher nicht bzw. nicht mehr funktioniert). Das ist echt schade, denn so könnte man sich gegenseitig das Leben erleichtern. Leider ist keine unserer befreundeten Familien in einer ähnlich extremen Situation wie wir, d.h. ohne jegliche Unterstützung vor Ort, so dass das Verständnis einfach nicht gegeben ist. Kann man ihnen nicht vorwerfen, ist einfach nur unglücklich und zeigt, dass das soziale Netzwerk nur unter ähnlichen Voraussetzungen funktioniert.

Bin ich krank, muss der Mann Minusstunden machen, um die Kinder abzuholen. Ist er krank, muss ich zusätzlich zu den Nachmittagen auch die Wochenenden allein wuppen, was zwar klappt, aber Kraft kostet. Weil eben niemand da ist, der uns mal unter die Arme greifen könnte. Wir werden im Frühjahr nächsten Jahres eine Situation haben, wo sich dies noch deutlicher als bisher bemerkbar machen wird, und werden sehen, wie sich das organisieren lässt. Da darf dann wirklich nichts passieren…

„Es braucht ein Dorf, um Kinder großzuziehen.“

(Afrikanisches Sprichwort)

Ohne das Dorf, die Familie, ein soziales oder professionelles Netzwerk, steht man, gelinde gesagt, ziemlich doof da. Und man geht ständig an und über seine Grenzen. Zum Glück werden die Kinder immer älter und das Dorf hoffentlich immer unwichtiger. Das ist leider manchmal unser einziger Strohhalm.“

(fruehlingskindermama)


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