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Familie und Leben

Erziehung in der NS-Zeit und ihre Folgen

Gefühlvolle, freidenkende und offene Kinder waren zur damaligen NS-Zeit nicht gerne gesehen, im Gegenteil. Man brauchte gefühlskalte, bindungsarme Mitläufer, die zu guten Soldaten großgezogen werde konnten. Die Folgen dieser Erziehung lassen sich auch heute noch beobachten und lassen Betroffene mit menschlichen Beziehungen hadern.
 
Für ihre Erziehungsphilosophie im Dritten Reich gefeiert und geehrt, galt die ausgebildete Lungenfachärztin und Autorin Johanna Haarer, als führende Ratgeberin in Sachen Erziehung. Bücher wie “Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind” wurden zu Bestsellern und zur Grundlage der Betreuung in Kindergärten und Lernstoff vieler Reichmütterschulungen. In diesen propagierte Haarer eine möglichst emotionslose Erziehung, bei der es darauf ankam das Kind nicht zu sehr zu verwöhnen und es zu einem guten Soldaten zu erziehen. So riet sie werdenden Müttern:

“Am besten ist das Kind in einem eigenen Zimmer untergebracht, in dem es dann alleine bleibt.”

Auch Körperkontakt galt es auf ein Minimum zu reduzieren und bestenfalls zu vermeiden. Sollte das Kind anfangen zu weinen oder zu schreien ignorierte man es am besten:

“Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch, dass es nur zu schreien braucht, um eine mitleidige Seele herbeizurufen und Gegenstand solcher Fürsorge zu werden. Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird – und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig.”

Wie aus den Zitaten gut erkennbar ist, sah sie Babys als Ruhestörer, deren Willen es zu brechen galt.
 

Mit ihren Ansichten traf die Lungenfachärztin kaum auf taube Ohren.

So zielte ihre Philosophie damals besonders auf dem Führer sehr zugewandte Frauen und junge Mütter, die den ersten Weltkrieg als Kind miterlebten und dort keine elterliche Liebe erfuhren oder zu Zeiten des Führers mit ihrem Kind alleine dastanden und nicht wussten, wie sich eine richtige Beziehung anfühlte. So fanden die von ihr vorgeschriebenen Praktiken auch später noch bis weit in die Sechzigerjahre Anwendung.
 

Doch wenn ich in meiner Kindheit nie gelernt haben Beziehungen auf zu bauen, wie bringe ich es dann meinen Kindern bei?

Karl-Heinz Brisch, Psychiater und Psychotherapeut am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München ist sich sicher, ein derart drastischer Liebesentzug führe unweigerlich zu einem Bindungstrauma, dass das Knüpfen von Beziehungen für die Betroffenen im späteren Leben fast unmöglich mache.

“Das Wesentliche bei Johanna Haarer ist, dass man dem Kind keine Zuwendung gibt, wenn dieses danach ruft. Doch jede Verweigerung bedeutet eine Zurückweisung”

Auch Hartmut Radebold setzte sich in seiner Forschung intensiv mit der Generation der Kriegskinder auseinander. Dabei fand der Psychiater und Psychoanalytiker heraus, dass Kinder, die unter solchen Umständen aufwuchsen und dann selber Nachwuchs bekämen, ihr falsches Bindungsverhalten an die nächste Generation weitergäben. Auch wenn sich Eltern bewusst für einen “besseren” und liebevolleren Erziehungsstil entschieden, würden sie in stressigen Situationen wieder in ihre gelernten und unbewussten Muster verfallen, wogegen sie nicht viel machen könnten.
 

Vielleicht wollte Gertrud Haarer, die jüngste von Johanna Haarers Töchtern, deshalb nie selbst Kinder haben.

Sie hat sich öffentlich kritisch mit ihrer Mutter auseinandergesetzt und nach einer schweren Depression ein Buch über deren Leben und Vorstellungen verfasst. Lange sei sie selbst unnahbar gewesen, sagt sie, und an ihre Kindheit habe sie keine Erinnerung. »Offenbar hat mich das so traumatisiert, dass ich dachte, ich könnte nie Kinder erziehen«, erklärte sie in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk.
 
Einen ausführlicheren Beitrag findet ihr unter: www.spektrum.de


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