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Kolumnen

Erkältet, leidend und männlich

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Es ist wieder soweit. Nasskalt kriecht es durch alle Ritzen. Auf Leipzigs löchrigen Straßen mehren sich die Pfützen. Auf den Wegen wird es dank zerknülltem, braunem Blattwerk matschig und oft steht man mit Kühlschrankfüssen an der Haltestelle und hält standhaft den Schirm (ein Glück, wenn man ihn eingesteckt hat). Die Schuhe werden Stiefel. FlipFlop und Co sind in den Keller verbannt. Die Mützen liegen griffbereit und die Handschuhe warten bereits im Garderobenschrank.

Herbst.

Leider nicht unbedingt in der goldgelben Variante, sondern in der trüben, regnerischen, ungemütlichen Ausfertigung. Alle Jahre wieder begleitet von triefenden Nasen oder bellendem Husten. Vielleicht dazu noch ein wenig Fieber, Halsweh und Schüttelfrost? Gern. Gar kein Problem. Das lässt sich machen. Die Apotheke an der Ecke freut sich und man grüßt bereits von weitem. In null Komma nix wird aus einer gesunden Familie ein Sanatorium, in dem sich Kinder, Vater und Mutter mit Taschentuch, Schnupfenspray und Hustensaft bewaffnet, gemeinsam durch den Tag plagen. Ok, die Kinder dürfen meist mit Kuscheltier, Buch und warmem Tee auf der Couch liegen, die Eltern nicht, aber sei es drum. Wir wollen nicht kleinlich sein.

Überall schnauft und schnieft es anders. Durchweg ein wenig Jammern und lautstarke Bekundungen des Elends, die zu meiner Verwunderung bei Männlein und Weiblein ganz anders ausfallen. Die Herren der Schöpfung, die sonst jagend den großen, wilden Tieren nachstellen, werden zu wirklich leidenden Genossen, die (viel, sehr viel) Liebe und Aufmerksamkeit brauchen, um wieder zu genesen.  Da, wo ich Schnupfen und Husten mit Missachtung strafe, um ihn auf diese Weise so schnell wie möglich los zu werden, liegen die heldenhaften Kerle darnieder und bedauern sich und ihr Schicksal. Eine höhere Macht meint es nicht gut mit ihnen.

Nachfragen beim Mann meines Lebens haben ergeben, dass er in der Tat lieber tiefe Schnittverletzungen, gebrochene Knochen oder Schussverletzungen hätte, als eine erbärmliche Erkältung. Die Aufgezählten gehören zum Mann sein, bilden Narben und die wiederum sind Grundlage der Geschichten am Lagerfeuer. Rote Nasen, Kopfweh und Gliederschmerzen erzählen nicht von Tapferkeit und Wagemut. (Ich verstehe, die Rotznase an sich ist nicht schlimm, es wird wohl eher die männliche Vorstellung von Stärke, Mut und Kraft sein. So wie jedes weibliche Wesen ein bisschen auf Händen und vom Ritter in goldener Rüstung nach Hause getragen werden will, so will Mann der Ritter, Wikinger oder Herrführer sein. Die liegen nicht da und mussten sich den Viren ergeben.)

In der Tat ist bewiesen, dass Frau und Mann bei gleicher Krankheit unterschiedliche Symptome zeigen und dass viele Krankheiten ganz unterschiedlich verlaufen. (Die Medizinprofessorin Kautzky-Willer der Medizinischen Universität Wien hat es erforscht.) Das ganze nennt sich dann Gendermedizin, die berücksichtigt, dass Testosteron und Östrogene eben nicht nur für den dicken Bauch, die tiefe Stimme oder die leichten emotionalen Schwankungen verantwortlich sind. So sind viele Medikamente nur an männlichen Probanden getestet. Das weibliche Gesamtkonstrukt ist aber viel sensibler und braucht oft nur eine geringere Dosis. Männer dagegen wollen keine sanften Medikamente. Sie wollen, dass es hilft. So richtig. Gleich. Sofort, um dann wieder losziehen und jagen zu können.

Aber bis es soweit ist, braucht es erfahrungsgemäß einige Tage, die nur mit intensiver Zuwendung zu überstehen sind. (Nein, bitte nicht falsch verstehen. Ich mache mich in keinster Weise lustig. Krank sein ist eine ernste Angelegenheit, für Frauen und für Männer. Aber ganz ehrlich, es wird weder einfacher noch geht es mit der Wiederherstellung der Gesundheit schneller, wenn das weibliche Ohr zum siebzehnten Mal in anderthalb Stunden hört, wie schlecht es dem Göttergatten geht. Auch kontinuierliches, scheinbar nie endendes leises Stöhnen gehört zu den Dingen, wo der weibliche Nerv irgendwann mit Zucken beginnt.)

Generell ist das Nervenkostüm in den Zeiten, wo die Kinder bereits auf der Krankenstation lagen oder liegen, ein wenig zerschlissen. Da ist es gut, wenn sich die Erwachsenen gegenseitig stützen. Irgendwie kann doch auch das gegenseitige Bringen von Wärmflaschen, Decken, Füßbädern und Aspirin sehr romantisch sein – es kommt nur auf die Betrachtungsweise an.

Gute Besserung und eine möglichst gesunde Zeit wünscht Sabine Henriette Schwarz

Nachtrag:

Hilfe von Oma (die von Stephan Ludwig, Virologe an der Uni Münster offiziell bestätigt wurde):

  • bei Hustenreiz warme Kartoffeln einwickeln, auf Brust und Hals legen, Bett
  • Zwiebeln und Knoblauch bei verstopfter Nase kochen, mit Milch und Honig anrühren
  • ein nasses, kaltes Tuch auf die Brust legen bei Husten, dann dick Frottee drüber, Bett
  • ein leckerer großer Kirschsaft (Achtung: keine Kunst!) bei Fieber
  • immer wärmer werdende Fußbäder bei Schnupfen
  • Rum oder Korn (50 Milliliter, nicht mehr) mit Pfeffer mixen, aufwärmen, trinken, Bett

Erkältet, leidend und männlich – von Sabine Henriette Schwarz


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