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Familie und Leben

Erinnerungen, Schmerzen und das Mutter-Vater-sein

Sabine Henriette Schwarz suchte in unserer letzten Kolumne nach ihren Erinnerungen, um das schreiende Kind besser verstehen zu können. Sie wollte nachfühlen und sich ins Gedächtnis rufen, wie es sich sechsjährig so anfühlte. Als Mutter geht mich alles an. Doch es misslang, die Erinnerung war einfach nicht greifbar und doch: unser Erlebtes spiegelt und prägt uns.


Ein bisschen Psychoanalyse ist hilfreich.

Erinnerungen an unsere Kindheit sind wichtige Bausteine für unser Verständnis unserer selbst. Einerseits erinnern wir, was zu unserem Selbstbild passt, andererseits prägen gerade unsere Erinnerungen unser Selbstbild. Erinnerungen sind für mich als Psychoanalytikerin ein sehr wichtiger Bestandteil meiner Arbeit. Deswegen möchte ich heute wieder einen Grundlagentext schreiben und erläutern, wieso wir so vieles nicht erinnern. Viele Menschen können sich nicht an ihre kindlichen Gefühle erinnern oder verdrängen sie und meinen vielleicht „ein Klaps hat ja nicht geschadet“. Diese Verschlossenheit sich selbst gegenüber macht es fast unmöglich, anderen empathisch und mitfühlend zu begegnen. Genau das ist der Schaden, der entsteht: eine Verrohung und emotionale Verhärtung!

Als Gedächtnis bezeichnet man Informationen, die dauerhaft im Gehirn gespeichert sind. Uns daran zu erinnern, heißt, dass wir diese gespeicherten Infos abrufen und uns darauf beziehen können. Dabei unterscheidet man das deklarative/ explizite und das prozedurale/ implizite Gedächtnis.

Im deklarativen Gedächtnis ist das gespeichert, was wir recht einfach bewusst abrufen können: unser Wissen (Paris ist die Hauptstadt von Frankreich) und unsere faktischen Erlebnisse (mit 5 Jahren war ich an der Ostsee und habe schwimmen gelernt).

Im prozeduralen/ impliziten Gedächtnis können wir das Unbewusste verorten. Dinge, über die wir nicht nachdenken, sondern einfach automatisch tun, ohne zu wissen, wieso eigentlich. Fahrrad fahren, küssen, u.s.w.

Sprache als Symbol- dafür habe ich keine Worte!

Mit Entwicklung der Sprache können wir unsere Erinnerungen anders abspeichern und auch besser darauf zugreifen. Wenn es besonders früh, also vor der Entwicklung der sicheren Sprach- und Ausdrucksfähigkeit, zur massiven Ignoranz von Gefühlsäußerungen von Kindern kommt, dann erinnern sie sich daran später nicht mit Worten. Solche Erfahrungen werden neueren psychoanalytischen Konzepten nach als „embodied memorys“ gespeichert, also verkörperlichte Erinnerungen. Oftmals sind das Menschen, die Gefühle unwissentlich besonders oft im Körper spüren und deswegen auch eher bei diversen Fachärzten anzutreffen sind als beim Psychotherapeuten. Es gibt keine Worte dafür, weil sie da, wo sie das gehalten Werden hätten verinnerlichen können, diese Erfahrung nicht gemacht haben. Es hat ihnen niemand geholfen, die Gefühle zu verdauen und auszuhalten. Gefühle behalten so zeitlebens etwas Ängstigendes und werden somatisch als Misstimmung erlebt.

Der Einfluss unserer Erfahrungen auf unsere Beziehungsgestaltung

Das heißt also, dass unser Beziehungswissen in den tiefen Schichten unbewusst ist. Wir verhalten uns, weil es uns logisch so erscheint und wir einfach so sind, wie wir sind. Da wir also keinen bewussten Zugriff darauf haben, führen wir unsere verschiedenen Beziehungen auf der Grundlage unserer unbewussten Erfahrungen.

Was ich als Kind erlebe, nehme ich mein Leben lang mit, auch wenn ich mich nicht erinnern kann. Erinnerungen an etwas Unbewusstes treten unkontrolliert auf. Man kann sich nicht hinsetzen und sich vornehmen, sich bewusst an das Gefühl des Tages xy zu erinnern.

Es kommt ab und an vor, dass Patienten in die Therapie kommen und mir berichten, sie könnten sich an nichts in ihrer Kindheit erinnern. Es sei aber alles ganz ok gewesen. Bei genauerer Nachfrage komme Erinnerungen an Verdrängtes und Verleugnetes

Es ist ein Trugschluss, dass man nur Unangenehmes „vergisst“. Auch an sich schöne Erlebnisse/ Gefühle fallen der Verdrängung/ Verleugnung anheim, weil es möglicher Weise einen Anteil in einem gibt, der sich dafür vielleicht schämt, der sich schuldig fühlt etc. Verdrängungsmechanismen sind sinnvoll, denn sie schützen uns vor unangenehmen Gefühlen. Umso mehr in der Kindheit verpönt und mit Strenge und Regeln, mit Missfallen und Entwertung belegt war, umso selektiver werden die Erinnerungen sein. Viel zu schmerzhaft wäre es, sich daran zu erinnern.

So erkläre ich mir auch, warum so viele Menschen meinen „ein Klaps hat mir ja auch nicht geschadet“. Die Erinnerung an den Akt des Schlagens ist da, aber die Gefühle dazu sind abgespalten und verleugnet. Es passt nicht zum Selbstbild der selbstbestimmten und kontrollierten Erwachsenen, dass sie sich ohnmächtig, klein, hilfslos und ausgeliefert gefühlt haben. Es passt nicht, dass die Eltern Gewalt angewandt haben, gerade wenn das Verhältnis ein an sich Gutes ist. Schläge werden so unbewusst legitimiert, um sich selber zu legitimieren und sich nicht in Frage gestellt zu fühlen. Manche Leute halten intensiv fest an der Idee ihrer ideal(- isiert)- en Kindheit, weil sie spüren, die damit einhergehenden Gefühle nicht aushalten zu können.

Diese Erfahrungen sind bei den meisten keine großen Traumata, sondern eine allgemeine Grundatmosphäre.

Die eigenen Gefühle verschlossen halten… und immer weiter verletzen

Wenn ich keinen Zugang zu meinen eigenen schmerzlichen Gefühlen finde, kann ich auch andere in ihren schmerzlichen Gefühlen nicht verstehen. Kinder schreien zu lassen oder auch mal zu schlagen ist dann eben nicht mehr schlimm, sondern rational bewertet ein notwendiges Übel, welches aus einer Überforderung o.Ä. resultiert. Die Erinnerungen an das Gefühl vom eigenen geschlagen Werden sind nicht mehr zugänglich. Natürlich gibt es auch andere Gründe, wieso jemand andere Lebewesen schlägt. Es kann eine Lust sein, sich anderen überlegen zu fühlen. Oder aber die eigene Hilflosigkeit wird durch Machtausübung kompensiert.

Schreienlassen und andere Formen des Ignorierens

Auch an einer anderen Stelle geht es neben der Erschöpfung auch um eine eigene emotionale Verrohung. Das unbegleitete Schreien lassen von kleinen Babys. Es sind die allerwenigsten Eltern, die es gut finden, wenn ihr Baby schreit. Die meisten Eltern sind, wenn sie beispielsweise zu Schlaflernprogrammen greifen, schlichtweg überfordert und nicht in der Lage, die Situation länger auszuhalten und ihr Baby zu halten. Das Tragische daran ist, dass sie aber auch nicht in der Lage sind, sich selbst zu halten und gut zu beeltern, so dass sie das Schreien eben aushalten und begleiten könnten. Es greifen innerseelisch dann ähnliche Mechanismen wie beschrieben. Es entsteht ein Teufelskreis und manchmal hört ein Baby dann gar nicht mehr zu schreien auf.

Eine Mutter, die z.B. von ihrer Mutter geschlagen oder jedes Mal ermahnt wurde, wenn sie weinte, ist in einer höchst vulnerablen Situation, wenn ihr eigenes Baby nun weint oder wenn das Kleinkind „aufmüpfig“ wird. Sie hat, sofern es nicht irgendjemanden gab, der sie statt der eigenen Mutter emotional gut begleitet hat, keine Erfahrung damit gemacht gehalten zu werden. Wer nicht gehalten wurde, kann nicht halten. Es ist eine tiefe emotionale Mangelerfahrung, die aber womöglich gar nicht wahrgenommen wird.

„Aus mir ist doch auch was geworden“ ist ein typischer Satz, der diesen schmerzlichen Mangel rechtfertigen soll. Die passende, aber durchaus irritierende Frage sollte vielleicht lauten: was hätte denn aus dir werden können, wenn du nicht so gedemütigt oder allein gelassen worden wärest? Nur weil jemand nicht in der geschlossenen Psychiatrie oder der Obdachlosigkeit landet, sondern eine Familie gründet und arbeitet, heißt das nicht, dass er ein fühlender und mitfühlender Mensch geworden ist.

Alles verloren? Kein Ausweg bei eigener schlechter Kindheit?

Absolut nicht! Nicht umsonst finden sich in sozialen Berufen viele Menschen, die selber deutliche Mangelerfahrungen erlebt haben. Die besten Schriftsteller und Schauspieler schaffen es, in sich Gefühle aufsteigen zu lassen. Sich mit diesen Gefühlen auseinanderzusetzen, kann einen großen inneren Reichtum freisetzen. Die Fähigkeit, seelische Schmerz zu erleben, ohne überflutet zu werden, kann einen empfindsam machen. Dies kann die Quelle einer „sozialen“ Ader sein. Allerdings muss dafür dann die Erfahrung des gehalten Werdens in irgendeiner Form nachgeholt werden. Die Gefahr des Agierens ist nämlich groß. Agieren ist ein psychoanalytischer Fachbegriff. Statt sich zu erinnern und sich innerpsychisch auseinanderzusetzen, findet ohne Reflektion der eigenen, unbewussten Beweggründe eine Handlung statt. Das führt zu Verstrickungen und einem Handeln, welches nicht im Sinne des Gegenübers ist. Vielmehr geht es darum, sich selber zu heilen.


(Danke, terrorpueppi)


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