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Erinnerungen in rund

 

Wenn man mal von den aktuellen herbstlichen Wettereskapaden absieht, war es doch bis dato ganz schön. Sogar sehr schön. Heiß, tropisch, an den botanischen Garten erinnernd oder an eine hübsch exotische Rachenrebe, die es immer sehr warm braucht, mit viel Licht und hoher Luftfeuchtigkeit.

Warm finden wir, die Kinder und ich, auch grandios. Man kann im Wasser planschen, halbnackt im Garten herumlaufen sowie ungeniert Eis und viel Melone essen. Das Anziehen am morgen geht eindeutig viel schneller durch die drastische Reduzierung der Kleidungsstücke und die Laune ist ebenfalls sonniger.

Zu meiner großen Freude fand ich dann auch noch in einer Ecke meine lang verschollen geglaubten Sommersandalen, die einst meine Lieblingsbegleiter waren und…. plötzlich schwelgte ich in Erinnerungen. Honoré de Balzac fiel mir ein mit: Man lebt zweimal – in der Wirklichkeit und in der Erinnerung.

Ja, so Unrecht hat er da nicht, denn meine Lieblingstreter schaffte ich einst an, als ich im Sommer rund und ziemlich schwanger voller Ungeduld und Aufregung, aber auch voll verwundertem Erstaunen war. Natürlich verändert sich ein Körper, natürlich braucht ein Baby Platz. Aber von großen Brüsten oder von kindlichen Bewegungen zu lesen ist etwas völlig anderes, als es zu erleben. Damals durchschritten wir den gesamten Sommer.

Viereinhalb Monate Hitze bei zunehmender Luftknappheit, großem Hunger, vielen, vielen Pippi-Gängen (wir hatten sogar eine App gefunden, die uns unterwegs verlässlich anzeige, wo das nächste stille Örtchen zu finden war), mit Elefantenhänden und -füssen, mit einer fast ohnmächtigen Müdigkeit die mich einfach so erwischte sodass ich auch am unbequemsten Platz der Welt die Augen schließen konnte und mit einem hypersensiblen Geruchssinn (der mich oft fluchtartig geschlossene Räume und den Herzallerliebsten verlassen lies. Letzterer hatte mitunter auch nur ein ordentliches Zwiebelsteak oder etwas Gyros genossen, aber es war mir unmöglich, seinen Atem zu tolerieren – Verzeihung, noch im Nachhinein…).

Ach`schön war es,

…so durch die Welt zu kugeln, Schwangerschaftsbücher vorgelesen zu bekommen, wunderbare kleine Babysachen anzuschaffen (die sich später zwar als völlig sinnlos herausstellten, aber sei´s drum), regelmäßig auf dem Ultraschall das kleine Menschenkind zu sehen, das meins werden sollte und sich auszumalen, wie es wohl aussehen würde, wie es wäre, Mutter zu sein und wie es sich anfühlt, mit einem kleinen warmen Körper angekuschelt im Bett zu liegen.

Damals gingen wir auch zum Figurentheater. Es war einer der wenigen abendlichen Ausflüge. (Ich wollte zwar vor der Geburt noch alles Mögliche unternehmen, aber in der Realität hing ich ab sieben Uhr abends einfach nur komatös auf der Couch und nichts auf der Welt hätte mich zum Aufstehen bewegen können.) Der Raum war dunkel. Die Stimmung neugierig und düster, als der junge Krabat gegen die schwarze Macht kämpfte. Ich auf der Sitzbank, keine Rückenlehne (ganz schlecht), schon wieder hungrig (auch schlecht).

Dann erfüllte die Elektrogeige den Raum – erst leise, dann immer eindringlicher. Ich dachte, ich hätte was Falsches gegessen, eine Art Bauchschmerz, ein Zucken direkt unter meinem Kleid, irgendwie direkt von vorn nach hinten in den Rücken. Krabat wurde in der Schwarzen Schule unterrichtet und ich fragte mich, was denn das jetzt bitteschön sei. Mitten im Kampf gegen den Meister kam mir dann die Erkenntnis: Nichts Falsches gegessen. Alles in Ordnung. Alles, was ich fühle, ist schlicht und einfach mein Baby.

Mein erstes Fühlen.

Das erste Wir-Gefühl, wie passend, wenn die Liebe sogar Krabat retten kann.

Man lebt zweimal – in der Wirklichkeit und in der Erinnerung. Mit diesen Schuhen war sie plötzlich wieder da. Ganz nah – als ob es gerade erst passiert wäre. Fast spürte ich das Ziehen im Rücken, das Glucksen vom Schluckauf, das Boxen und Treten, den Hunger, und musste ich nicht vielleicht auch dringend? Dabei ist die Wirklichkeit schon fast sechs Jahre. Einhunderteinundzwanzig Zentimeter mit einer unbändigen Neugierde und mitunter schwierigen Fragen zu Vertrauen, Freundschaft, Tod und gerade tief enttäuscht von einem verratenen Geheimnis. Aber auch das wird irgendwann nur noch Erinnerung sein…

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz

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