Home  »  News   »   Familie und Leben   »   Erinnerungen an die Kindheit

Familie und Leben News

Erinnerungen an die Kindheit

Oft sind es besonders schöne und furchterregende Erlebnisse zu Beginn unserer Schulzeit. An die erinnern wir uns, aber die Erlebnisse der ersten drei bis vier Jahre liegen Verborgenen. Das stellte bereits vor über 120 Jahren die Wissenschaftlerin Caroline Miles fest, die im Winter 1893 bis 1894 erstmals 100 Frauen nach dem Zeitpunkt ihrer frühesten Erinnerung fragte. Ihr damaliges Ergebnis: die ersten Gedächtnisspuren beginnen etwas mit drei Jahren. Dahinter steht das Phänomen der Kindheitsamnesie, eine Art rätselhaften Gedächtnislücke.

Einige Erklärungsansätze gehen von der Annahme aus, dass das Gehirn von Kleinkindern noch nicht in der Lage ist, Erinnerungen abzuspeichern. Rüdiger Pohl, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Mannheim, bestreitet das: „Kinder haben schon früh ein recht gutes Gedächtnis für vergangene Erlebnisse.“ Aber seiner Meinung nach verändert sich das Gedächtnis mit zunehmendem Alter, d. h. „die frühen Erinnerungen können plötzlich nicht mehr abgerufen werden“. Während Fünf- bis Siebenjährige mehr als 60 Prozent des Erlebten abrufen konnten, waren es bei den Acht- bis Neunjährigen nur noch knapp 40 Prozent. Die Schlussfolgerung: Kindheitsamnesie beginnt etwa im Alter von sieben Jahren.

Doch auch wenn die Erinnerungen nicht mehr zugänglich sind: Extreme Erfahrungen aus den ersten Lebensjahren können uns trotzdem unbewusst bis ins Erwachsenenalter beeinflussen. Dies ist besonders bei traumatischen Erlebnissen und frühkindlichen Ängsten der Fall. „Dann fühle ich, dass da etwas war, ohne mich mitteilen zu können – weil mir der sprachliche Kode fehlt“, erläutert Pohl. De Facto finden gerade mit zwei, drei Jahren umfangreiche Umstrukturierungen im Gehirn statt. „Im ersten und zweiten Lebensjahr nimmt die Vernetzung zwischen den Nervenzellen zunächst drastisch zu“, sagt Rüdiger Pohl. Anschließend wird das „Neuronendickicht“ wieder ausgedünnt. Verbindungen, die wir im Alltag selten brauchen, werden nach und nach abgeschwächt.

Neurowissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass sich einige der Hirnstrukturen für das autobiografische Gedächtnis während der Kindheit und noch bis ins junge Erwachsenenalter stark verändern können. D.h. wenn die Strukturen stark verändert sind, ist es schwierig, eine Erinnerung aus der „alten Struktur“ zu finden. Somit fördern neue Nervenzellen – wie beispielsweise bei dem Erlernen der Sprache – das Vergessen.

Neben Sprache und Gehirn entwickeln sich im kritischen Alter von drei bis vier Jahren sogenannte kognitive Schemata, also Konzepte von Zeit, Ort und Routinen. Dadurch lernen Kinder die Regelmäßigkeiten ihrer Welt kennen. Das ist für das autobiografische Gedächtnis wichtig: „Erst wenn wir einen Eindruck von der Grundstruktur unseres Alltags haben, können wir spezifische Ereignisse davon abgrenzen und erinnern sie besser“, erklärt Pohl.

(Quelle: Spektrum)


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.