Home  »  Kolumnen   »   Das Ende des Sommers

Kolumnen

Das Ende des Sommers

Gerade haben Arme und Beine ein wenig sommerliche Farbe bekommen (ja, das dauert bei mir sehr lange), die Badesachen liegen griffbereit, der Kleiderschrank ist auf den aktuellen Stand gebracht und die Sandalen sind endlich blasenfrei eingelaufen, da ist er schon wieder fast vorbei. Ich bin ein wenig traurig. Ein Hauch von Melancholie und Weltschmerz – so wie jedes Jahr, weil ich noch nicht wahrhaben will, dass Pullover, Jacken und Schals bald wieder hervorgekramt und angezogen werden müssen. Und auch der lustig gepunktete Regenschirm hilft wenig, wenn sich erst einmal die graue Regenwetterstimmung des Herbstes bleischwer auf Gemüt und Knochen legt. Musik und Poesie sollen ja helfen, aber irgendwie scheint die Zeit dafür vorbei. (Verzeihen Sie bitte Herr Lenau, diese spätromantische Vorstellung kann ich nicht teilen, auch wenn Ihre Zeilen mit einem Wein in der Hand durchaus ansprechend sind.*) Ja, ich bekenne hiermit, ich bin ein Sommertyp.

Entgegen anderen (männlichen) Wesen, die in meinem Haushalt wohnen, warte ich nicht sehnsüchtig auf Wind, Regen und Schnee. Sozusagen richtiges Wetter für richtige Männer. Ich bin kein richtiger Mann und werde es auch nicht mehr werden. Schließlich gehöre ich zum stets frierenden weiblichen Geschlecht.

Für mich könnte ruhig an zehn Monaten des Jahres die Sonne scheinen. Blauer Himmel. Grün im Garten. Ein Kaffee im Freien. Kinder, die man schnell in kurze Hosen und Sandalen stecken kann. Ein Planschbecken draußen und daneben gleich der Grill für ein kleines Fleisch. Danach gäbe es in meiner Wunschvorstellung einen goldenen Herbst mit wenig Regen und gleich im Anschluss, selbstverständlich zur Advents- und Weihnachtszeit, schneit es. Der Schnee ist weiß, flockig, knirschend und bleibt einfach so für die vier Wochen liegen. Keine dreckigen Matschhaufen, die Pfützen bilden und unseren Gehweg fast überfluten. Wir könnten alles mit Sternen und Kerzen schmücken, Rodeln und Schlittschuh fahren. Nicht, dass ich letzteres gut kann, aber bei meiner Idee der Jahreszeiten macht es sich als Gedanke einfach zu gut. Man gleitet in wollweißer Pudelmütze dahin, es spielt Musik, das Kind fliegt einem freudig entgegen und man hat den Mann an der Hand… (der nicht einmal bei Androhung von Liebesentzug und Autoverbot aufs Eis gehen würde. Schlittschuhfahren ist nämlich nix für richtige Männer. Ah ja, tut mir leid Schatz, Baum fällen find ich jetzt als Alternative nicht ganz so romantisch.)

Ich revidiere und muss meine Jahreszeiten noch einmal ändern. Denn es käme auch bei mir nicht direkt der Hochsommer, sondern ein wunderbarer Frühling voll mit Schneeglöckchen, Krokussen und Osterglocken. Die Temperaturen würden steigen. Natürlich regnet es nur nachts, damit dieses Regenschirm-Regenjacke-Gezottele wegfällt. Die Bäume würden Knospen und diese wunderbaren kleinen hellen Blätter hervorzaubern. Also vielleicht ein vierwöchiger Frühling, damit es dann in Kniestrümpfen weitergehen kann, schnurstracks zum österlichen Picknick im lichtdurchfluteten Wald, umgeben vom Gesang der Vögel.

Huch. Ich zucke zusammen.

Lautes Gebell und Gezeter. Der Hund hat gerade eine Katze direkt am Fenster entdeckt, die sich todesmutig vorbei schleichen wollte. Jetzt piept auch noch die Waschmaschine. Fertig mit den Herbstjacken, die ich im Frühjahr in den Karton verpackt hatte und die nun ein wenig Frische vertragen konnten.

Und iiihhgitt.

Bei meinem letzten Schluck Kaffee habe ich gerade eine Fliege auf meiner Zunge gehabt. Sie war wohl in meiner Tasse ertrunken. Ekelhaft. Alles schnell wieder zurück spucken.

Wahrscheinlich war ich in meinen Gedanken zu den Jahreszeiten vorhin ein wenig abgeschweift, aber irgendwie ist jetzt zwischen Hund, Waschmaschine, und Ekel-Kaffee keine Zeit mehr für spätsommerlichen Schwermut und das große Bedauern. Ich gehe jetzt erst einmal Zähne putzen (irgendwie habe ich noch immer das Fliegengefühl auf der Zunge). Dann werde ich die Jacken aufhängen, das eine Kind wecken, das andere Kind abholen.

Wenn ich Glück habe, bricht die Kaltfront erst spät herein, es gibt einen wunderbaren schneereichen Winter und im Frühjahr darf ich wieder der Sonne entgegen blinzeln. Nun denn, wir werden sehen.

Eine schöne Zeit und bitte keine Fliege in der Tasse wünscht, Sabine Henriette Schwarz

*Nikolaus Lenau als alter Melancholiker hier noch zum Test seiner Worte:

Meeresstille

Stille! – Jedes Lüftchen schweiget,
Jede Welle sank in Ruh,
Und die matte Sonne neiget
Sich dem Untergange zu.

Ob die Wolke ihn belüde
Allzutrübe, allzuschwer,
Leget sich der Himmel, müde,
Nieder auf das weiche Meer.

Und vergessend seiner Bahnen,
Seines Zieles, noch so weit!
Ruht das Schiff mit schlaffen Fahnen
In der tiefen Einsamkeit.

Daß den Weg ein Vogel nähme,
Meinem Aug ein holder Fund!
Daß doch nur ein Fischlein käme,
Fröhlich tauchend aus dem Grund!

Doch kein Fisch, der sich erhübe,
Und kein Vogel kommen will.
Ist es unten auch so trübe?
Ist es unten auch so still? –

Wie mich oft in grünen Hainen
Überrascht‘ ein dunkles Weh,
Muß ich nun auch plötzlich weinen,
Weiß nicht wie? – hier auf der See.

Trägt Natur auf allen Wegen
Einen großen, ewgen Schmerz,
Den sie mir als Muttersegen
Heimlich strömet in das Herz?

O, dann ist es keine Lüge,
Daß im Schoß der Wellennacht
In verborgener Genüge
Ein Geschlecht von Menschen wacht.

Dort auch darf der Freund nicht fehlen,
Wie im hellen Sonnentag,
Dem Natur ihr Leid erzählen,
Der mit ihr empfinden mag.

Doch geheim ist seine Stelle
Und Geheimnis, was er fühlt,
Dem die Tränen an der Quelle
Schon das Meer von dannen spült.

Tags

verwandte Artikel

  • 16.02.2018

    Adieu Jammertal

      Die Belgier hatten es ausgerufen. „30 Tage ohne Meckern – „30 Dagen Zonder Klagen. Spannend eigentlich, aber ist das wirklich machbar? Schließlich ist ein wenig...