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Eltern sollten echt sein. Oder?

 

Im Normallfall gibt es gute und schlechte Tage. Tage, wo wie durch Zauberhand alles gelingt oder auch alles danebengeht. Man kann strahlen vor Glück und die Sonne scheint aus jeder Pore. Oder man würde sich am liebsten in einer dunklen Ecke verstecken. Ganz allein mit sich.

Man ist nun einmal empfindsam und beeinflussbar – vom Wetter, dem bösen Wolf (wir wandern zwar nicht mehr mit roter Kappe durch den Wald, aber mitunter kann der Wolf auch in Form des Chefs daher kommen), dem Verkehr, wenn er so gar nicht rollen will oder die Straßenbahn ihre Türen einfach nicht mehr öffnet, von der Post mit ihren schönen und unschönen Briefen, von dem Kontostand (der sich zumeist aus den unschönen Briefen ergibt), vom Essen, dem Schlaf und seinen Kindern (oder besser der allgemeinen kindlichen Gemütsstimmung, die ja auch irgendwo ihren Ursprung hat).

Ein komplexes Gewirr aus Fühlen, Wollen und Können, das mitunter an seine Grenzen gerät. Da tobt dann nicht nur der Sturm auf der Straße, die Bäume biegen sich und der Müll fliegt unerwartet an einem vorbei. Es tobt und stürmt auch innerlich. Da ist man bereits zu spät und plötzlich schreit das Kind aus voller Kehle los. Mütterliche Verzweiflung in der Morgenstunde. Kindliche Hysterie zwischen Hauseingang und Bordsteinkante, die es am Weiterlaufen hindert. Eine Wand aus Gebrüll, die kein ruhiges Wort zulässt – wenn man ehrlich ist, so gar keine Ansprache in irgendeiner Form. Da darf man, sofern die Umfeldlautstärke es wieder zulässt, doch mal seine Meinung sagen. Oder?

Oder?

Fragen sich da scheinbar die Eltern des Tages, die das Menschenkind natürlich über alles lieben und oft trunken vor Glück sind, aber eben auch manchmal am Rande des Wahnsinns. Darf man seinen Kindern sagen, wenn sie sich unmöglich benehmen und einem gerade auf den Geist gehen? Offensichtlich gibt es die ganz ruhigen Mitstreiter, die es hinbekommen zu ignorieren, zu überhören und zu meiden. Die nichts sagen wollen. Der Sturm zieht langsam vorüber. Die Nerven beruhigen sich wieder.

Aber irgendwie kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass das nicht echt ist. Echt ist doch, wenn eine Tatsache mit der Darstellung übereinstimmt. Also fühlen sich die ruhigen, stets entspannten Eltern nicht genervt oder sie sind genervt und überspielen es. Beides kann ich mir für mich nicht vorstellen. Wir fühlen doch und so wie wir fühlen, sollten wir uns zeigen. Oder anders, wenn ich so tue als ob, ist das doch nicht ehrlich. Und wenn es nicht ehrlich ist, ist es nicht authentisch und wahr.

Das große philosophische Konzept der Wahrheit, welches ich den Kindern gern mitgeben will.

Wir sind nun einmal froh, freudig, glücklich, unsicher, ängstlich, verärgert, erbost, unglücklich oder genervt. Das kann man erklären und zwar schon bevor man selbst das Gefühl hat, dass einem gleich vor lauter Wut der Hut wegfliegt und man zum Wutbürger mutiert. Ich glaube, Kinder verstehen das – zumindest, wenn da wieder ein Ohr ist, dass befähigt ist, zuzuhören. Ja, echte Kinder sollten auch echte Eltern haben – Eltern, die loben, knutschen und knuddeln, die aber auch Kritik äußern und mal genervt sein dürfen.

Eltern sein ist eben allumfassend.

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz

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