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Eltern sein – von guten und von schlechten Zeiten

Eltern sein – von guten und von schlechten Zeiten

Wohl jeder kennt das Gefühl, wenn es mit den eigenen Kindern wunderbar und kuschelig ist. Und im nächsten Moment, in der nächsten Stunde oder am nächsten Tag könnte man sich vor Verzweiflung die Haare raufen. Man atmet kurz durch. Mit Kindern liegt das absolute Glück gleich neben großer Sorge, Wehmut neben Ärger, Harmonie wohnt direkt in unmittelbarer Nachbarschaft zu mittelschweren Katastrophen. Deshalb hier ein ganz persönlicher Beitrag, zum dritten Kind verfasst:


Eigentlich wollte ich immer vier Kinder. Eigentlich. Und so war es ganz logisch für uns, dass wir uns nach einer wunderbaren Tochter und einem großartigen Sohn für ein weiteres Kind entschieden haben. Ganz einfach deshalb, weil wir beide das Gefühl hatten, dass unsere Familie noch nicht komplett war. Ich kann es nicht erklären. Aber es war so.

Unser Jüngster war fast zwei – für uns ein guter Abstand. Als ich mich kurz nach unserer Entscheidung massive Selbstzweifel überfielen („Ich packe das nicht mit einem dritten Kind“) und ich meinem Mann sagte, dass wir das Ganze doch bitte lassen sollten und unser Leben doch bunt und voll genug sei, war ich schon schwanger. Tatatata! Ich konnte mich zuerst gar nicht freuen. Meine Ängste, ob ich das alles schaffen würde, wuchsen von Woche zu Woche und zeitgleich wuchs die Liebe für das neue Menschlein ebenso. Ich liebte dieses Kind so sehr, vielleicht, weil man sich des Wunders von Mal zu Mal immer bewusster wird.

Als mir der Arzt in der 12. Woche mitteilte, dass das Herz nicht mehr schlug, brach für mich eine Welt zusammen. Und ich gleich mit. Nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, dass mich ein Ereignis so was von den Füßen holen würde. Mich, die Starke. Die immer alles schaffte. Und das gutgelaunt, freundlich und gut organisiert.

Aber ich konnte nicht. Nichts. Ich habe mich eine Woche ins Bett gelegt und Abschied genommen. Das war das Erste, was mein Kind, dieses weitere Kind mich lehrte: dass es Zeiten im Leben gibt, da hilft dir dein Wille, deine Stärke, deine Gedanken einfach nicht weiter. Da geht nichts mehr. Ob du willst oder nicht. Und es wäre vermessen zu meinen, dass das reine Willenssache ist. Nein, nein und nochmals nein. Es war eine reine Herzenssache, die ich dort erfahren habe. Mein Kind hat mich gelehrt: „hör auf deinen Körper. Auf deinen Bauch. Auf dein Herz. Vertraue dir. Deinem Instinkt.

Und so habe ich mich gegen eine Ausschabung entschieden und getrauert. Vier Wochen später, als ich um eine Überweisung bat, da wir in den Zelturlaub fahren wollten, stellte sich heraus: verschallt. Ich war inzwischen in der 16. SSW und meinem Kind ging es blendend.

Der Umgang des Arztes und das Wirrwarr meiner Gefühle führten dazu, dass mein Absturz noch heftiger war als vier Wochen zuvor. Das Schlimmste war: ich konnte mich nicht freuen. Ich hatte das Vertrauen komplett verloren. Am meisten: in mich. Und so stellte sich ein altes Muster wieder ein: stark sein, durchhalten, weitermachen.

Aber die Angst wuchs. Die Angst, dass etwas doch nicht in Ordnung sein könnte. Die Angst, dass ich das Kind nicht genug lieben könnte. Die Angst, dass es mitbekommen hatte, dass ich mich verabschiedet hatte. Es war: schrecklich.

Natürlich war auch die Geburt ganz anders. Ein Sternguckerkind wollte zur Welt. Nach zwei völlig unkomplizierten ambulanten Wassergeburten musste ich dieses Kind unter Schmerzen und Geduld zur Welt bringen. Bis sie sich drehte, dauerte es Stunden. Sie hatte schon immer ihren eigenen Kopf. Und dann war sie da: das bezauberndste und süßeste Mädchen. Mit Glückshaube im Wasser geboren und vier Stunden später mit Brötchentüte zu Hause. Als ob wir sie zum Frühstück beim Bäcker abgeholt hatten.

Mir ging es gut. Ich war ja geübt im Stillen und im Alltag. Die beiden anderen Kinder hatten auch die ersten Wochen und Monate nur bei uns im Bett verbracht. Wir brauchten weder Beistellbett noch Kinderwagen. Ohne, dass wir das so wollten oder uns ausgesucht hatten, wollte sie nur eines: Nähe. Und da es, ehrlich gesagt, für uns unkomplizierter und auch so wunderbar war, trugen wir sie im Tuch und schliefen mit ihnen in einem Bett, bis sie von sich aus das Weite suchten.

Wir stellten uns also wieder auf so ein Jahr ein. Auf ein Jahr mit besonders viel Geben. Was ich nicht ahnte war: dieses Mädchen wollte noch mehr. Ich war schier verzweifelt. Ihr Bedürfnisse nach Nähe brachte mich an den Rand der absoluten Verzweiflung. Ich wusste nicht mehr, wie ich meinen Alltag organisieren sollte. Ich war erschöpft vom Dauerstillen, von schlaflosen Nächten, die sie nur bei mir verbrachte. Ich fühlte mich überfordert und schuldig, weil ich so wenig Ruhe und Geduld mit meinen anderen Kindern hatte und sie so vermisste.

Und so tat ich zunächst das, was ich immer tat: sich nicht unterkriegen lassen. Stark sein. Krone richten. Weitergehen. Aber irgendwann konnte ich nicht mehr. Die Krone rutschte immer wieder ins Gesicht. Das Aufstehen fiel mir schwer. Ich war müde und wahnsinnig enttäuscht. Von mir. Das ich es nicht schaffte. Von meinen bösen Gedanken („hätten wir sie doch nie gekommen“) von meinen Aggressionen und meiner Wut. Der größte Kritiker in einem selbst kann einen richtig fertigmachen. Aber so richtig.

Irgendwann, als ich die Kleine nachts stillte und anschaute, wurde mir klar: sie sorgt gut für sich. Sie kann es so viel besser als ich. Was sie brauchte und suchte war: ungeteilte Zweisamkeit. Nur sie und ich. Mir wurde klar, wie viel die Kleine im Alltag zurücksteckte, indem sie einfach so mitlief. Ich brauchte einige Zeit, um das zu verstehen: dass Zeiten zusammen etwas ganz anders sind, als Zeiten mit exklusiver Zeit.

Ich suchte mir Zeiten, in denen ich sie alleine stillte. Nur sie und ich. Das waren nur zwei Mahlzeiten am Tag, aber das war unsere Zeit. Das respektierten auch die Großen. Denn sie bekamen ja auch ihre Zeit im Eins-zu- Einskontakt.

Ich musste lernen, Hilfe anzunehmen. Mit zwei Händen und drei Kindern klappte einiges eben nicht mehr so einfach. Ich musste lernen, dass Zeit noch knapper war und ich Prioritäten setzten musste. So war ein Nachmittag zu viert auf der Coach mit Kakao und Vorlesen so viel besser als irgendein Babyschwimmkurs. Und so strich ich immer mehr zusammen, was ich nicht wollte und richtete mich auf das aus, was mein Herz mir zeigte. Weg von dem, was man so macht. Weg von dem, wie man selbst oder der Haushalt auszusehen hat.

Was ich neu lernte war: Selbstfürsorge. Gut zu sich zu sein. Das hatte ich nicht gelernt. Das hatte ich vorher auch nicht gebraucht – dachte ich. Ich spürte auch, dass ich die Schwangerschaft nochmal aufarbeiten musste – um sie loszulassen. Ich habe wieder mal erfahren, was für ein Geschenk es ist, wenn man eine professionelle Begleitung hat, die da ist. Die zuhört und die richtigen Fragen stellt. Dass sich Muster und Gedanken lösen und neuformieren können. Das ist sehr wertvoll.

Meine zweite Tochter. Unser drittes Kind. Sie ist unser letztes. Wir fühlen uns absolut komplett. Sie hat mich so viel gelehrt. Sie hat so ein großes Herz. Sie hat so blitzende Augen. Sie hat einen unglaublichen Willen und eine Lebensfreude, die einen staunen lässt. Sie hat mir beigebracht, was es bedeutet, seinem Herzen zu folgen. Mit ihr durfte ich mich neu finden. Ich habe mich von alten Gedanken „wie es sein sollte oder müsste“ befreit.

Nicht mein Kind hat mich an den absoluten Rand der Erschöpfung gebracht, sondern ich mich selbst. Und ich habe erkannt: ich bin dafür verantwortlich, dass es mir gut geht. Dass ich um Hilfe bitte. Dass ich meine Ansprüche an mich runtergeschraubt habe. Und damit auch die an meine Kinder. Und an meinen Mann.

Ich möchte hier im Moment sein. Ich will die Zeit mit den Kindern genießen. Und dafür muss ich mich spüren können. Fühlen, was ich will. Und was ich nicht will. Im Kontakt mit mir sein. Und das geht nur, wenn ich gut zu mir bin. Wenn ich auf mich achte und mich annehme.

Ich bin so glücklich über mein kleines Löwenmädchen, das mich eines von Anfang an gelehrt hat, präsent und nicht perfekt zu sein.

Mehr von Natalia Fistéra könnt Ihr auf ihren Blog lesen: www.nataliafistera.de


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