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Eltern, ihr Handy und das Kind

Eltern beschweren sich, dass die Kids so viel am Handy sind, ständig spielen, immer up to dat sein wollen und keine direkte Kommunikation mehr stattfindet. Und was machen die Eltern selbst? Ein Bericht zum „an-die-eigene-Nase-fassen“:


Mütter und Väter fotografieren ihr Neugeborenes, statt ihm direkt in die Augen zu schauen. Sie scrollen und wischen über das Display, statt das Baby auf ihrer nackten Haut zu spüren, zu riechen und zu bestaunen. «Oft machen die Eltern nach der Geburt ein Foto des Kindes, bevor sie es überhaupt anschauen», berichtete die stellvertretende Chefärztin der Frauenklinik im Triemli, Gabriella Stocker, letzte Woche im «Tages-Anzeiger»*. Und eine Hebamme sagte, bei der Hälfte der Mütter komme schon nach zehn bis fünfzehn Minuten das Smartphone ins Spiel.

Dieses Verhalten bereitet Fachleuten zunehmend Sorgen. Grund dafür sei der anfänglich so wichtige erste Beziehungsaufbau zwischen Kind und Eltern, auch Bonding genannt. Ein übermässiger Handygebrauch störe diesen Prozess, warnen sie. Denn es gelte, das Kind kennen zu lernen, miteinander vertraut zu werden, die Äusserungen und Bedürfnisse des Kindes und die eigenen wahrzunehmen. Diese Zeit sei prägend für den Rest des Lebens.

Wie aber kann man als Mutter und Vater dem Kind von Beginn weg eine sichere Bindung geben? Dazu der Basler Kinderarzt Cyril Lüdin, der sich auf den Bereich Eltern-Kind-Bindung spezialisiert hat:

Herr Lüdin, weshalb ist gerade bei der Geburt die Aufmerksamkeit der Eltern so wichtig?
Es geht um den ersten Eindruck und die Verbindung, die das Kind erhält. Ein starker erster Blickkontakt zwischen der Mutter und dem Kind oder dem Vater und dem Kind sind einzigartig. Das Baby sieht deren weit geöffnete Augen, hört ihre veränderten Stimmen, sieht ihre Mimik. Man darf nicht vergessen, das Baby stand schon als Ungeborenes während der Schwangerschaft mit den Eltern in enger Verbindung. Es nahm deren Stimmen und Stimmungen wahr. Kommt das Baby zur Welt, ist der Kontakt eine Bestätigung dessen, was es schon kennt.

Die Augen eines Babys sind in dieser Phase doch meist noch halb zu.
Das meinen viele Eltern, doch dem ist nicht so. Babys bekommen schon unglaublich viel mit. Ein Baby sieht bei der Geburt scharf, farbig und 30 bis 40 Zentimeter weit.

Unterschätzen viele Eltern ihre Babys?
Absolut, sie unterschätzen sie vollkommen! Das Ungeborene lebt die ganze Zeit in Symbiose mit seinen Eltern. Schon bei der Entdeckung der Schwangerschaft ist der Embryo bei vollem Bewusstsein. In der 20. Schwangerschaftswoche lächelt ein Baby aktiv. Es fühlt sich wohl, wenn Mutter und Vater entspannt und ihm zugewandt sind. Auch Phasen der Unsicherheit und Ängste werden wahrgenommen, dies mit entsprechender Mimik, sichtbar bei der Ultraschall-Kontrolle.

Aber das eigentliche Bonding geschieht direkt nach der Geburt.
Bonding ist die Zeit der Festigung der Eltern-Kind-Bindung. Entspannt sein, sich Zeit nehmen, langsam sein: das sind wichtige Voraussetzungen für den Aufbau einer Beziehung. Hantiert man aber mit dem Smartphone, direkt nach der Geburt oder beim Stillen, ist man emotional nicht beim Kind. Äussere Ablenkungen soll man deshalb möglichst minimieren.
Das Baby braucht uneingeschränkte Aufmerksamkeit.

Ja! Der Aufbau der elementaren Bindung zwischen Eltern und Kind ist von Anfang an wichtig. Ein Baby benötigt drei Dinge: Sprache, Berührung und Bewegung. Wobei ich mit Berührung die emotionale und taktile Berührung meine. Von grossem Vorteil dabei ist regelmässiger Hautkonktakt. Legen Sie sich das Baby auf die Brust, auf den Körper. Reden Sie mit ihm, streicheln Sie es, nehmen Sie sich diese Zeit und Ruhe.

Was löst die Berührung beim Baby aus?
Berührung löst eine wahre Kettenreaktion aus: Sie stimuliert die Bindungs-Hormone, das erweitert die Gefässe im ganzen Körper und aktiviert das kindliche Gehirn. Die ersten Tage und Monate können diesbezüglich prägend sein. Das Kind versichert sich mittels Körper- und Blickkontakt, ob die Eltern da sind. Das hat viel mit Wahrnehmung und Kommunikation zu tun. In dieser Geborgenheit ist das Baby viel ruhiger und schreit weniger. Wo Bindung besteht, herrscht Ruhe. Auch die Mutter erholt sich viel schneller von der körperlichen Anstrengung der Geburt.

Was, wenn ein Kind vieles davon nicht erhält?
Kinder mit emotional nicht verfügbaren Eltern werden unruhig. Wir beobachten eine erhöhte Stressanfälligkeit. Es entstehen Regulationsstörungen wie Schreien, Schlaf- und Fütterungsprobleme. Wir wissen, dass die ersten drei Jahre der Kindheit für die psychische und soziale Entwicklung des Menschen wichtig sind. Fehlende Geborgenheit und Sicherheit erzeugen Störungen, die ich in meiner Praxis schon bei Säuglingen und Kleinkindern feststelle. Diese problematischen Entwicklungen haben in den letzten Jahren eklatant zugenommen und bereiten uns Medizinern große Sorgen.


Zuerst veröffentlicht auf blog.tagesanzeiger.ch

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