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Kolumnen

Elefantenfüße und Arbeiten

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Als ich schwanger war, ging es mir relativ gut. Relativ heißt, ich fühlte mich nicht krank oder schonungsbedürftig. Trotzdem gab es gute und weniger gute Tage. Zu den weniger guten Tagen gehörten die, wo ich blümerant den Tag durchstand und froh war, wenn sich mein Mageninhalt nicht in der Kloschüssel ergab. Ich fand gravierende Temperaturunterschiede schwierig und bei unterschiedlichsten Gerüchen empfand ich im Bruchteil einer Sekunde so einen Ekel, dass er kaum von faulen Eiern mit Hund Exkrementen verziert, zu toppen gewesen wäre.

Kurzum: ich war empfindlich. Meine Gefühlswelt war ebenso wie mein Geruchssinn ein graziles Konstrukt, dem schiefen Turm von Pisa ähnlich, das innerhalb von Sekunden zum Einsturz gebracht werden konnte. Euphorie und Freude wohnten direkt neben weiblicher Unsicherheit, der Angst vor der Geburt und einer triefenden Schwermut. Ganz zu schweigen von den Heulattacken (die haben aber auch nach der Geburt nicht aufgehört und lassen mich beim gemütlichen Couch-Fernsehabend herzerweichend schluchzen sobald auch nur einem Kind das Haar gekrümmt wird.) Einschränkend empfand ich auch diese andauernde Müdigkeit, die ab dreizehn Uhr fest von mir Besitz ergriff. Manchmal brauchte es viel Überwindung und Konzentration, um am Büroschreibtisch nicht einfach die Augen zu schließen. Nur für eine klitzekleine Sekunde. Wäre ich schwach geworden, hätte ich sicher schnarchend vor oder auf den Unterlagen gelegen – mit einem kleinen Sabberfaden, der aus meinem Mundwinkel auf die Notizen getropft wäre.

Dazu kamen noch Meetings, wo ich nur schwer den aktuellen Themen und Diskussionen folgen konnte. Oft genug fühlte sich mein Kopf wie ein hohler, roter Luftballon an, der davonfliegen wollte (rot, unbedingt rot, da mir schier unfassbar warm war – und das obwohl ich sonst auch bei fünfundzwanzig Grad zu gefrosteten Händen und Füßen neige). Ich rutschte dann unruhig auf meinen Stuhl hin und her, sehnte mich nach Luft und einer kühlen Briese.

FrühstückDie Schwangerschaftshose kniff trotz superweichem Bund und mein Rücken weigerte sich länger als dreißig Minuten in ein und der gleichen Position zu verharren. Die Brust wuchs und spannte, der BH drückte ebenso wie die Schuhe. Und auch der Hunger war mein ständiger Begleiter. Egal wie gut und reichlich Frühstück oder Mittag waren, nach einer halben Stunde meldete sich überdeutlich der Magen, der auf Nachschub programmiert war. Oh, natürlich es gab es auch Essenspausen, wahrscheinlich als natürliche Notbremse für überdimensionale Fressattacken gedacht. Aber die waren dann von so viel Übelkeit begleitet, dass der Kopf kaum denken, die Nase nicht riechen, die Augen nichts zu Essen sehen konnten und meine Beine schon den nächsten Weg zur Damentoilette gecheckt hatten.

Ansonsten? Ging es mir gut. Wirklich. Dennoch war ich froh, dass ich in meinem runden Zustand, wo man eh schon das Gefühl hat, bald ein kleines Elefantenbaby zu gebären, ein wenig geschont wurde. Zumindest waren zusätzliche Termine am Abend tabu, da ich dann mit den breiten Quadratlatschen schlaff auf dem Sofa hing. Auch bei langen Dienstreisen oder für eine gewünschte sieben Tage Woche, konnte ich mich mit meiner Kugel zurückziehen. Wir, das kleine pupsende, strampelnde, oft Schluckauf habende Würmchen und ich, waren einfach nicht mehr das allzeit bereite, unermüdlich schaffende Arbeitsbienchen. Ja, es brauchte ein wenig Ruhe und Gelassenheit und viel Schlaf. Ohne diese drei Komponenten wäre wahrscheinlich eher ein ferngesteuerter, kleiner Ninja-Turtle aus mir geschlüpft als der friedlich (zumeist manchmal) schlafende Mops, der es dann geworden ist. Schließlich sagt man doch, Hektik, übertriebene Betriebsamkeit und Eile – alles atmet der kleine Erdenmensch mit ein und formt sein noch nicht geschlüpftes Sein.

Aber jetzt soll alles vorbei sein. Frau Schwesig scheint Babyduracellhasen züchten zu wollen.

Verehrte Frau Schwesig, was haben Sie sich dabei gedacht? Wir sind doch alle schon maximal flexibel und angepasst. Oft genug steht man nur noch am Bahnsteig seines Lebens (ja, da kann man ruhige ein wenig philosophisch werden) und schaut wie die Arbeit mit ICE-Geschwindigkeit einen überrollt oder zumindest Kopf und Herz streift. Sie sollen das Thema Familie hochhalten und dafür einstehen, dass es eine Chance gibt – für die Familie und die Arbeit. Kein entweder oder.

Jetzt müssen also auch kugelrunde Elefantenschwangere abends und am Wochenende arbeiten. Die unförmigen Füße werden auf Wunsch des Herren Chefs auch nach achtzehn Uhr unermüdlich weiterlaufen und der Kopf soll allzeit bereit hergehalten werde, für Kunden, Besprechungen, Planungen oder Abrechnungen.  Wie soll man sich da denn freuen? Und wie soll man unter diesen Umständen auf sich achten? Gerade wurde uns noch Achtsamkeit empfohlen, wenn es beispielsweise um die Burnout Statistik geht. Aber wann und wie soll man auf sich achten, wenn jetzt schon das runde, bald gebärende, liebende Muttertier allzeit bereitstehen muss? Machen wir das nicht sonst schon genug?

Ich bin besorgt. Schwangere, die völlig platt hernieder liegen oder vor lauter Überforderung den Chefs vor die Füße fallen, können doch nicht das Ziel sein. Frau Schwesig möchte aber genau dies, denn ab 2017 wird der Mutterschutz gekippt und abendliches Arbeiten oder Wochenendarbeit ist möglich. Da scheint die Familienministerin ihren Job eindeutig falsch verstanden zu haben…

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz


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