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Kolumnen

Die Eingewöhnung: es ist gerade (statt, es war einmal)

Anfang Herbst  ist nicht nur das Gras bräunlich platt, der Platz unter dem Holunder fleckig und die Bäume sind schütterer und gelber. Es ist auch eine Zeit, die für Tausende von Eltern mit dem Wort „Eingewöhnung“ in Verbindung steht. Gewöhnung also als „fortschreitende Anpassung des Organismus an immer stärkere Reizquanten mit der Folge der Toleranzerhöhung“? Ein Prozess, der damit enden soll, dass die Eingewöhnten frischen Mutes, ohne Verlustängste möglichst freiwillig und freudig den Schritt in den Kindergarten wagen – soweit zur Theorie.

Aber es ist auch die Zeit der Trennung und des Schmerzes. Egal, was das Fachpersonal sagt, egal ob die Wiese plattgetrampelt ist und die Bäume gerade Kahlschlag bekommen – ich muss meinen kleinen Honigkuchen abgeben, was mir gar nicht gefällt. Schließlich hat man sich als Mutter in den letzten zwölf Monaten eingefunden in die Rolle, die für Herrn oder Frau Hosenscheißer die Welt bedeutet. Essen. Spielen. Schlafen. Trösten. Baden. Windeln. Anziehen. Spazieren. Eine kleine, gut eingespielte 2er WG, wo der Gemütszustand bereits beim Zucken der Mundwinkel erkannt und (manchmal) gebannt werden kann. Zwei Menschen im geschäftigen Rhythmus des Tages, der zugegebenermaßen nicht immer aus Friede, Freude, Eierkuchen besteht. Wie oft habe ich sehnsuchtsvoll an die Zeit gedacht, wo man noch allein aufs Klo und unter die Dusche gehen konnte. Aber jetzt, wo ich den Zwerg abgeben soll, will ich gar nicht mehr allein ins Bad. Zeit für sich? Überbewertet. Mir wird ein wenig bange – zuerst um den Zwerg, dann um mich.

Herr Krenz* als Professioneller hat das Dilemma gut erkannt, finde ich: „Die Trennung bedeutet für das Kind in erster Linie einen starken, plötzlichen Bindungsverlust. Wenn kleine Kinder erschrecken und in der Folge Ängste entwickeln, schauen sie als erstes zur Mama“, erklärt er. Sie beobachten genau: Wie verhält sie sich? Ist sie auch erschrocken? Oder strahlt sie Ruhe aus? Dann reagieren sie wie im Spiegelbild: „Ist der Bindungspartner entspannt und gelassen, dann geht es auch dem Kind gut“, so Krenz.

Ich bin also der Bindungspartner und natürlich kann ich hervorragend Gelassenheit vorspielen, auch beim neuen Abschied zwischen Katzengarderobenhaken und der Tür der Mäusegruppe. Das Problem nur, der Drops kennt mich genauso gut, wie ich ihn. Er erkennt, wenn etwas nicht echt ist. Und meine lockere Leichtigkeit gepaart mit dem fest getackerten Lächeln im Gesicht ist in etwa so echt wie die Oberweite von Dolly Buster.

„Bei guten Programmen kümmert sich die Erzieherin in erster Linie um die Mutter“, sagt schlau Herr Krenz. Die Erzieherin tauscht sich intensiv mit ihr aus und gibt ihr dadurch ein sicheres Gefühl. „Das Kind beobachtet die Mutter und unternimmt dann aus dem Gefühl der inneren Sicherheit von sich aus erste Schritte“.

Und was ist, wenn der Erzieher gar nicht so viel Zeit hat? Schließlich will ich nicht ewig als Problemfall auf dem gefühlt fünfundzwanzig Zentimeter hohen und breiten Stuhl (aus dem ich nie wieder hoch kommen werde) mit verklärtem Blick sitzen bis ich endlich ein sicheres Gefühl habe. Das könnte nämlich länger dauern…. In der Tat brauchte es bei dem ersten Kind fast drei Monate, und auch heute noch fallen die Abschiede sehr gefühlsbetont aus. (Mami, Du mich wieder mitnehmen. Ich auch ganz lieb… Na, bei wem würde sich da nicht das Gewissen um das butterweich zerfließende Herz klammern?)

Ja, ich bin bestimmt Schuld. Natürlich bin ich Schuld. Eine fast nicht zu leugnende Tatsache, denn der Abschied vom Herrn Papa fällt wesentlich leichter. Ein Klaps, ein Kuss, ein Tschüss und weg sind sie. Er übrigens auch. Schnell dreht er sich um und verschwindet aus dem Blickfeld und der zerschrabbelten, braunen Eingangstür.

Aber, Gott sei Dank, bin ich kein Einzelfall. Eine kleine Umfrage im persönlichen Umfeld hat ähnliche Erfahrungen zu Tage gebracht. Den Vätern scheint es leichter zu fallen, sich vom Spross zu lösen. Sie sind klarer im Verabschieden. Möglicherweise sind es aber auch nur die fehlenden Mutterhormone, die die Trennungssituation für Groß und Klein einfacher machen. Väter haben kein schlechtes Gewissen und das bringt Sicherheit. Soweit zumindest meine persönliche Theorie, aus der wir für den häuslichen Frieden und das Mutterherz folgendes ableiten:

Ich bin ein schlechter Bringer. Ich sitze immer völlig zerstört im Auto und grübele, ob die Mäuse glücklich sind, sich wohlfühlen, ob ein ganzer Tag nicht viel zu lang ist? Je mehr ich grübele, umso schlimmer wird es. Auch durch die Wiederholung der Prozedur und der Tage ist eine Besserung nicht in Sicht. Es ist, als ob ich trotz Erkältung immer wieder halbnackt auf dem Balkon stehe. Da kann es mit dem Schnupfen auch nicht besser werden… Ich huste und krächze in Endlosschleife.

Dafür bin ich aber 2. ein hervorragender Holer. Da darf man an der Straße wild winken, ein Traubenzucker in der Tasche haben, sich völlig albern auf die Knie werfen, um dann ein dreckiges, verrotztes, feuchtes Küsschen zu erhaschen. Man darf sich überschwenglich drücken und die Arme ausbreiten. Lediglich, als ich einmal das Kind unbeherrscht über den Gartenzaun gehoben habe (zu meiner Entschuldigung: das Gartentor klemmte und ich bin nicht die Geduldigste) gab es ein wenig Ärger. Schließlich kann das ja nicht Jeder in entflammter Wiedersehensfreude tun.

Nach dem schönen Leitsatz: tue das, was Du gut kannst… kann ich demnach nicht bringen. Ich bin ein Totalreinfall am Morgen und bei der Eingewöhnung eine schreckliche Abgeberin, weshalb der Herr des Hauses ran muss. Ich komme dann einfach später. Da darf ich wenigstens ungekünstelt winken, lächeln, herzen, knutschen und die Zwerge mitnehmen.

Für alle, die auch gerade eingewöhnen und ein wenig unter Trennungsschmerz leiden. Wir werden es überstehen mit Geduld, Kraft, Mut und Optimismus.

Ihre Sabine Henriette Schwarz

*Armin Krenz ist Wissenschaftsdozent für Entwicklungspsychologie beim Institut für Psychologie und Pädagogik in Kiel.

uvm.

Die Eingewöhnung: es ist gerade (statt, es war einmal) von Sabine Henriette Schwarz


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