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Kolumnen

Eine Welt für mich

 

Eigentlich bin ich ganz normal – finde ich zumindest. Ich liebe mein Leben und mein zu Hause. Ich bin kein unzufriedener, unglücklicher Mensch – vielleicht ein wenig skeptisch, aber nicht übermäßig. Ich stehe jeden Morgen gern auf (zumindest, wenn es nicht zu nachtschlafender Zeit ist). Ich wecke gern die Kinder, die zumeist schlaftrunken und etwas zerknautscht aus ihren Betten wanken. Ich mag Kaffee und Schokokuchen – beides kann mir den Tag retten. Und ich freue mich über banale Sachen und bin dabei sehr flexibel. Egal ob gefühlte Frühlingstemperaturen mitten im Blätterherbst, ein Parkplatz direkt vor der Tür, ein gutes unerwartetes Essen am Abend oder Streichholzstachelkastanienigel, die mir beim Kind abholen stolz überreicht werden.

Dass nicht alles rosa mit Goldstaub und Feenflügeln sein kann, ist nicht verwunderlich und wäre dann auch eher aus einem hübsch gebundenen Märchenbuch und nicht aus dem Leben, aber dennoch gibt es immer wieder diesen Traum.

Ich bin ganz allein in einem wunderbaren Hotelzimmer. Das Bett ist weich, das Bad ist groß, ich genieße die Aussicht auf Berge (obwohl ich noch nie so wirklich in den Bergen war). Es spielt Musik und ich bekomme eine Tasse heiße Schokolade aufs Zimmer. Alles ist leise. Alles ist wunderbar aufgeräumt. Keine Bausteine auf dem Boden. Keine Filzstifte auf dem Esstisch. Ein glatt gestrichenes Bett und ein ebenso perfekt drapiertes Kissen in einer Leseecke am Fenster. Ja, es gibt einen Lesesessel und nicht nur, dass er dasteht. Ich nutze ihn auch einfach. Ganz leises Lesen – unterbrochen von dem Geklapper meiner Tasse, wenn ich sie wieder auf die Untertasse stelle. Leises Geraschel, wenn ich meine Position ändere. Ansonsten Ruhe. Keine Klospülung. Kein Geschirrspüler. Keine Waschmaschine. Kein Telefon. Keine Klingel. Keine liebevollen oder fordernden oder traurigen oder schmerzerfüllten oder juchzenden Mama-Rufe. Hier gibt es keine Brotbüchsen zu füllen, keine Schuhe zu putzen, keine Sportsachen, die man verzweifelt in allen Ecken suchen muss. Hier muss ich nicht das Bad von klebender Zahnpasta und dreckigen Socken befreien. Stattdessen höre ich den Wind rauschen, ein Vogel zwitschert und ich tue nichts. Fast nichts.

Ich bin auf einer Art Insel. Nur ich – eine Insel inmitten des Seins fernab von der Welt. Fernab vom Müssen, Machen und Kümmern. Ein bisschen wie bei Wallace Stevens, nur ohne Rotwein (viel Rotwein). „In meinem Zimmer bleibt mir die Welt verschlossen. Doch wenn ich hinausgehe, sehe ich, sie besteht aus drei oder vier Hügeln und einer Wolke.“ Habe ich mal gelesen und fand es wunderbar. Wunderbar traurig und doch traumhaft schön.

Und immer, wenn ich so sitze und genieße klopft laut und sehr vehement das schlechte Gewissen an die Tür und schreit von draußen: „Sag mal spinnst Du, wie kannst Du so was träumen? Das ist ja unverschämt. Hier liegt der Herzallerliebste und unten schlafen zwei Menschenkinder. Bist Du bekloppt?“

Und meist schleiche ich dann voller Schwermut und Sehnsucht ins Bad, um mich zu sortieren im fahlen Grau des Fenstervierecks.

Wie kann ich nur?

Letztens las ich jedoch von einer Frau, die scheinbar ähnlich träumt. Sie wünschte sich eine kleine Wohnung nur für sich und äußerte sogar den Gedanken, dass man doch mit der Geburtsurkunde des geliebten Kindes gleich auch noch eine Zweitwohnung erhalten sollte. Sozusagen als Geschenk für Geleistetes und alles, was man noch leisten wird. Als mütterlichen Rückzugsort, wo der Trubel und das Chaos und die Organisation einfach draußen bleiben müssen….

Nun denn, vielleicht muss mein schlechtes Gewissen doch nicht so groß sein. Es ist schließlich nur geträumt…

In diesem Sinne, Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz

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