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Ein Brief an die Kinder

Berührend, bewegend und entschuldigend - ein Brief an die Kinder

 

Berührend, bewegend und entschuldigend – ein Brief an die Kinder – vom Chef der Jugendpsychiatrie, Michael Schulte-Markwort, UKE (Uniklinikum Hamburg-Eppendorf)

 

Liebe Kinder,
Liebe Jugendliche,

Ihr lebt in Zeiten, die durch sehr viel Krieg, Terror, Unfrieden und Angst gekennzeichnet sind. Täglich seht Ihr Nachrichten darüber, dass Menschen – Kindern, Familien – unendliches Leid zugefügt wird. Die Erwachsenen um Euch herum sind ratlos und betroffen und haben selber zunehmend Angst.

Wahrscheinlich fragt Ihr Euch manchmal, wie es wohl werden wird mit Eurem Leben, Eurer Zukunft. Dazu möchte ich Euch etwas erklären, und ich möchte mich stellvertretend für alle Erwachsenen bei Euch entschuldigen.

Für viele – hoffentlich sind es auch nur einige – Menschen auf der Welt ist es sehr schwer, eigene Gefühle und insbesondere ihre Wut und Aggression zu steuern. Diese Menschen versuchen dann das, was sie in ihrem Inneren nicht steuern können, nach außen zu verlagern und an anderen Menschen festzumachen. Ihr könnt Euch das so vorstellen: Manchmal erlebt ihr eine innere Spannung in Eurer Seele, die mit schlechter Laune und Gereiztheit einhergeht.

Das gibt es bei jedem Menschen. Woher diese Spannung, die sich in Wut steigern kann, kommt, ist ganz unterschiedlich. Vielleicht hat etwas nicht gut geklappt – wie bei Euch in der Schule –, und derjenige Mensch ist unzufrieden mit sich selbst. Vielleicht kommt die Unzufriedenheit aber auch aus einer enttäuschenden Beziehung oder überhaupt aus Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben.

 

Beziehung zu Menschen verbessern

Eigentlich muss dieser enttäuschte und wütende Mensch dann mit sich selbst etwas tun, damit es ihm wieder besser geht: Er muss sich beispielsweise ändern, er muss sich mit anderen Menschen zusammensetzen, um die Beziehung zu verbessern, oder vieles andere mehr. Ihr macht das auch jeden Tag, indem Ihr Euch mit Freunden wieder vertragt, Euch entschuldigt.
Vielleicht habt Ihr auch einen Boxsack, an dem Ihr Euch abreagieren könnt, oder Ihr spielt oder geht laufen. Die Menschen, die das nicht können oder wollen, suchen sich zur Erklärung für ihre Wut andere Menschen aus. Sie haben dann das Gefühl, dass jemand anders und nicht sie selber Schuld hat an ihren Aggressionen. Und weil sie denken, die anderen sind schuld, greifen sie diese Menschen an, beleidigen sie, verletzen sie mit Worten oder mit Handlungen – oder töten sie sogar.

 

Religion als Rechtfertigung

Immer mehr Menschen in der Welt suchen sich als Erklärung für ihre wütenden und aggressiven Handlungen ihre Religion als Rechtfertigung aus. Sie behaupten dann beispielsweise, dass Menschen, die nicht ihren Glauben haben, getötet werden müssen und dürfen, weil sie „ungläubig“ sind. Diese Gründe sind aber genauso vorgeschoben wie die Übertragung der Quelle der eigenen Wut auf andere.

Das Schlimme ist, dass diese Menschen, die andere für ihre schrecklichen Handlungen verantwortlich machen, es oft selber nicht merken. Manchmal ist es sogar in einem Denksystem einer ganzen Gruppe aufgehoben. Vielleicht kennt Ihr so etwas auch von Euch, nur, dass es bei Euch nie so schlimm ist. Ihr kennt beispielsweise das Gefühl, dass die Nachbarklasse oder die Nachbarschule besonders „doof“ ist und Ihr etwas gegen die Schüler von dort unternehmen müsstet. Ihr seid allerdings so klug und reflektiert (d. h. Ihr könnt über Euch selbst nachdenken), dass Ihr eigentlich wisst, dass die anderen genauso normal sind wie Ihr.

 

Nicht von anderen radikalisieren lassen

Wenn eine Gruppe von Menschen nun anfängt, andere zur Rechtfertigung ihres aggressiven Handelns zu benutzen, beginnt die beschuldigte Gruppe sich zu wehren. Und schon ist der Krieg da! Ihr – wir alle – müssen also besonders wachsam sein, dass wir uns nicht von anderen radikalisieren lassen. Wir dürfen jetzt nicht zurückschlagen, indem wir denken, dass alle Flüchtlinge, alle Araber oder wer auch immer als ganze Gruppe schlimm und aggressiv und destruktiv (zerstörerisch) sind. Ihr seid in der Lage zu verstehen, dass die Nachbarklasse nicht wirklich schlimm ist und bekämpft werden muss. Ihr wisst, dass radikale Äußerungen und Zuschreibungen dazu führen, dass schnell Krieg entsteht. Dazu dürfen wir uns nicht verführen lassen.
Nun denkt Ihr vielleicht, dass man sich doch aber wehren muss, wenn man angegriffen wird, wenn ein Lastwagen einfach so in einen friedlichen Weihnachtsmarkt rast und Menschen tötet und verletzt. Damit habt Ihr natürlich recht. In der Welt gibt es hierfür seit dem Zweiten Weltkrieg die Uno, die Staatengemeinschaft, in der auf der Ebene des Zusammensitzens durch Reden und Verhandlungen friedliche Lösungen gefunden werden sollen. Auch ich bin zutiefst enttäuscht darüber, dass es diese Staatengemeinschaft, die friedlich zusammenleben möchte, offensichtlich nicht wirklich gibt. Also müssen wir uns für uns wehren.

 

Nicht vorschnell über andere Menschen urteilen

Das bedeutet, dass wir Terroristen und Mörder genauso wie immer suchen, fangen und bestrafen. Möglicherweise müssen sich unsere Soldaten auch daran beteiligen, wenn eine Allianz von demokratischen Staaten etwas gegen Terroristen an anderen Stellen der Welt unternimmt. Unser Leben aber hier in unserem Land sollten wir dadurch friedlich erhalten, dass wir eben nicht vorschnell andere Menschen für die Wut, die jetzt mehr und mehr in uns aufsteigt, verantwortlich machen.

Leider gelingt es uns Erwachsenen weltweit immer weniger, die Welt, in die Ihr hineinwachst, friedlich zu gestalten. Dafür möchte ich mich bei Euch entschuldigen. Es tut mir zutiefst leid und weh, dass nur 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, durch den wahrscheinlich auch in Eurer Familie Leid und Verlust entstanden ist, nun wieder Kriege in der Welt stehen, die auch uns bedrohen und ängstigen. Ich hoffe sehr, dass es uns Erwachsenen gelingt, wieder Frieden herzustellen. Was wir in jedem Fall alle tun sollten, ist, den Frieden in unseren kleinen Welten, unserer unmittelbaren Umwelt, zu erhalten und aktiv zu pflegen. Sprecht mit Euren Eltern, Freunden und Lehrern darüber.

„An den Frieden denken heißt an die Kinder denken“ hat der ehemalige russische Staatsmann Michail Gorbatschow einmal gesagt – diesen Satz gebt gerne an die Erwachsenen weiter. Sprecht mit uns über Eure Gedanken und Sorgen. Und entschuldigt bitte.

Zuerst veröffentlicht beim Hamburger Abendblatt

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