Home  »  Freizeit   »   Kolumnen   »   Wie ehrlich darf man sein?

Kolumnen

Wie ehrlich darf man sein?

Ehrlich, ehrlicher, am ehrlichsten im Sinne von wirklich, wahr, wahrhaftig und wahrheitsgemäß, sozusagen der Wahrheit und Wirklichkeit verpflichtet. Ein Anspruch für das Zusammen sein, eine Idee für das Miteinander von Menschen? Ein schöner Gedanke, der dem Kinde vermittelt wird und sich im goldenen Rahmen hübsch drapiert bewundern lässt. Aber ich zweifele.

Will unser Hier und Jetzt wirklich ehrliche Menschen? Mich beschleicht das Gefühl, dass es ganz und gar nicht so ist, denn in den seltensten Fällen will das Gegenüber auf die schlichte, einfache Frage: „Wie geht es Ihnen?“ die Wahrheit hören. Da ist doch eher die wünschenswerte, erwartete Antwort ein „Prima. Fantastisch. Könnte nicht besser sein.“  Lebensläufe müssen heutzutage geschönt werden, um zu bestehen und in den seltensten Fällen kann man ungestraft dem Chef ehrlich sagen, wenn das neueste Projekt aus logischen Gründen zum Scheitern verurteilt ist. Und auch in der Straßenbahn, wenn die dreijährige Lütte lautstark sagt, dass der Mann einen dicken Pickel im Gesicht hat oder die Frau rechts daneben stinkt, hagelt es strafende Blicke. Also besser eine wünschenswerte, schön gefärbte Information statt der ehrlichen Wahrheit? Ist das das System, in das ich mich einfinden muss?

Der Wiener Sozialwissenschaftler Peter Stiegnitz, der als Begründer der Mentiologie (Lehre von der Lüge) gilt, stellt fest, dass Lügen für die Psychohygiene notwendig und ein wichtiger Aspekt der sozialen Intelligenz sind. Ein Leben ohne Lügen ist nicht möglich. Sie sind sinnvoll und erst dann verwerflich, wenn bewusst einer anderen Person geschadet wird. An der Montclair State University wurde sogar herausgefunden, dass je mehr man von sich überzeugt ist, je größer das Ego und die eigene Wahrnehmung, umso erfolgreicher kann man lügen.

Aber ich will kein Kind mit fettem Ego, das sich für etwas Besonderes hält und perfekt lügt. Ja, natürlich, Kinder entwickeln so oder so die Fähigkeit zu lügen. Und mit vier Jahren fangen sie an, Lügen ganz gezielt einzusetzen – etwa um sich Ärger zu ersparen. Klar, das macht jeder. Das find ich nicht verwerflich. Verwerflich find ich, dass man in unserer Gesellschaft scheinbar lügen muss, um sich durchzusetzen oder um nicht anzuecken. Ein hübsches, geordnetes Hier und Jetzt, dass mit zu viel Ehrlichkeit ins Wanken geraten würde.

Heißt das dann, lieber ein bisschen ehrlich als zu viel Ehrlichkeit? Eigentlich sollte Ehrlichkeit doch keinen Spielraum für Interpretationen lassen, oder? Der dicke Pickel ist ein dicker Pickel. Wenn die Dame, die neben uns in der Bahn steht, stinkt, dann ist das so. Mir ist es ja lieber, wenn man mich auf die Petersilie im Zahn hinweist, wenn Kritik ausgesprochen und nicht geflüstert wird. Aber das scheint von Mensch zu Mensch verschieden. Natürlich, wenn man höflich sein will, kann man manches eben nicht so laut sagen, und so kaut man bei der besten Freundin genüsslich auf dem zähen Gummihuhn, dass es zum Abendbrot gibt oder findet die neue Bluse mit den Riesenmohnblüten eher „speziell“ als hässlich. Aber:  ein bisschen ehrlich gibt es auch da nicht. Das ist wie mit der Schwangerschaft. Man kann nicht ein bisschen schwanger sein. Das heißt, entweder ist man es oder nicht. Kann man eine Schwangerschaft wirklich mit der Ehrlichkeit vergleichen? Es ist zwar merkwürdig, aber in der Tat gilt für beides: es ist der Beginn für Veränderung. Mit Kind wird alles anders. Bunt. Chaotisch. Spannend.  Und was passiert, wenn man ehrlich ist? Im besten Fall ist es die Basis für eine positive Veränderung.

Schade eigentlich, dass es offensichtlich Mut braucht… So hagelte es vor kurzem herbe Kritik, als Frau Lierhaus in einem Interview feststellt, dass sie die lebensrettende Not-Gehirn-OP vor Jahren lieber nicht gemacht hätte. Eine persönliche Meinung zu einem persönlichen Schicksal. Wie können andere da vorschreiben, was, wie zu denken, zu fühlen oder zu sagen ist?

Ergo: auch wenn es offensichtlich mit ein paar Lügen einfacher ist, so bin ich altbacken und naiv in meiner Vorstellung von der Welt, dass es auch ehrlich und mutig gehen kann und dass Gefühle und Meinungen keiner Norm angepasst werden müssen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.