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Die Sache mit den Freunden

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Ich würde gern. Mein Kopf lechzt nach ein wenig Kultur, Abwechslung, inspirierenden Theaterabenden, Rotweinschwangeren Ausstellungseröffnungen; er will gern viel Bass auf die Ohren bekommen und sich mit neuen Themen beschäftigen. Auch die einst so lustigen, vielversprechenden Freundeabende sind in meiner Vorstellung eine grandiose Idee. Etwas bis 18:00 Uhr. Da merke ich bereits, dass der Aktivitätenakku im Modus Sparflamme läuft. Und sind alle kleinen Bäuche satt, der Sandmann ist davon geflogen und die Zähne geputzt, kann ich beim allabendlichen Vorlesen und Singen nur noch mit Mühe ein Gähnen unterdrücken. All die schönen Fantasien von Kultur, Freunden, Wein und Musik enden aktuell am Bettzipfel meiner Tochter.

Da kann ich gegen den Wunsch, der sich einfach nur durch Ruhe, süßes Nichtstun und Beine hoch auszeichnet, nicht ankämpfen. Ein Mehr an Aktivität wäre einfach zu viel. Klar, dass bei dieser mütterlichen Reduzierung Freundschaften nicht so einfach aufrecht zu erhalten sind – von liebevoller Pflege will ich gar nicht sprechen. Früher war es selbstverständlich, sich zum Kaffee zu treffen, sich am Telefon stundenlang über Wesen des anderen Geschlechts die Ohren vollzuheulen, eine liebevolles Päckchen für die Entfernten zu schicken oder einfach nur zu versinken zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, um über den Müßiggang des Lebens zu philosophieren. Jetzt philosophiere ich zwar immer noch (zumeist in der warmen Badewanne), aber häufig ist es gepaart mit einem schrecklich schlechten Gewissen, dass man die lieben Menschen in seinem (Ex)Umfeld schon so lange nicht mehr gesprochen, gesehen oder umarmt hat.

Dabei habe ich es wirklich versucht. Ich schleppte mich todmüde ins Sommertheater (…und konnte dem Stück kaum folgen. Die Anstrengung, die Augen offen zu halten, war einfach zu groß). Ich traf mich mit Freundinnen (deren Gespräche über Männer in meinen Ohren zu einem wirren Summen wurden. Unmöglich, da noch einzufallen). Ich ging Essen (und ärgerte mich darüber, wie lang der Kellner brauchte, wo ich doch in der Zeit die ganzen Kindersachen hätte weg- und die Rucksäcke einräumen können) oder traf mich zur Kaffee tauglichen Zeit, natürlich im Kreis von Muttis mit Kindern, wobei ein ruhiges Wort reine Illusion war. Auch entsprechende Telefonate probierte ich, doch spätestens nach der dritten Unterbrechung und dem fünften Schrei, der einen Blick, ein Streicheln, ein Pusten oder ein beruhigendes Wort notwendig machte, musste ich einsehen, dass es wenig Sinn macht. Lagen dann alle im Bett und Unterbrechungen waren ausgeschlossen, Verzeihung, da wollte ich nicht mehr. So ein langsames, erschöpftes Telefonat ohne Lust und Laune kann man auch niemandem zumuten (Ausnahme: jene Geschöpfe des Universums, die einfach nur reden, reden und nochmals reden, ungeachtet der Reaktion auf der anderen Seite der Telefonleitung).

Ich weiß, dass das alles nur eine Phase ist. Wenn die Kinder nicht mehr so klein sind, reguliert sich das und der Freundefreiraum wächst wieder. Aber ab wann sind die Kinder nicht mehr klein? Vier, fünf, sechs, sieben, zehn? Werden mich meine Freunde dann noch erkennen? Werden wir noch lachen und reden und albern können? Oder hat man sich am Ende der Kinderphase möglicherweise so weit von seinem alten ohne-Kinder-Ich entfernt, dass man fremd ist? Mitunter fühle ich mich, in der Badewanne liegend und darüber philosophierend, etwas einsam. All die vielen Menschen, die mich sonst begleitet haben und mit denen man Zeit verbracht hat, sind nur noch in der Ferne da.

Felicitas Heyne, Buchautorin und Psychologin, stellt profan fest:

Männer haben es meist leichter in Sachen Freundschaft, da Männerfreundschaften in den meisten Fällen auf gemeinsamen Interessen und Aktivitäten basieren. Frauenfreundschaften seien meist anders. Ihre Freundschaften basieren oft auf einem emotionalen Gleichklang und auf Kommunikation.

Dafür braucht es aber die richtige Stimmung, die Möglichkeit und (da ist es wieder) Zeit.

Also was tun? Mein Herzallerliebster trifft sich zu Bier und Fußball, zum Grillen und zu Autogesprächen. Ich bin da außen vor. Bei Bier, Fußball und Autos sowieso. Aber wie schafft man emotionalen Gleichklang und Kommunikation so zwischendurch? Wohl gar nicht.

Seit einiger Zeit träume ich von einem Wochenende, einem Frauenwochenende. Darf ich das? Ich muss während meiner Badewannenauszeit an dem schlechten Gewissen arbeiten, dass mich automatisch befällt und groß ist. Schließlich würde ich dafür Mann und Maus alleine lassen. Mein Mutterherz ist beunruhigt…

In diesem Sinne, Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz


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