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Die rosa-blaue Geschlechtersache

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In unserem familiären Jargon gibt es Muschis und Pullermänner (Verzeihung für den direkten Einstieg, aber so ist es). Und das Interesse an eben jenem Unterschied ist ungebrochen und wird auch immer wieder untersucht. Das find ich in Ordnung. Das ist spannend und alle Tampon-Brust-und Geburtsfragen habe ich auch so wahr wir möglich beantwortet. Schließlich gehört es dazu, wenn man die Welt verstehen will.

Was nicht in Ordnung ist, sind diese Stereotypen, die mir seit meiner Schwangerschaft um die Ohren fliegen. Da sprach ich einst vor vielen, vielen Jahren ein absolutes Rosa-Verbot für schenkende Tanten und Omis aus und dennoch musste man mit dem kleinen Wurm auf dem Arm knochenhart sein, um gerüschtes und geblümtes Intensiv-Rosa wieder zurück zu geben. Diese rosa Püppchen waren mir ehrlicherweise ein Gräuel, wahrscheinlich weil ich auch eher eine kleine Räubernatur identifizierte und diese gern mit Robotern, Monstern und Drachen ausstattete. Alles ist so spannend und bunt, da brauchte es nicht wirklich Lillifee im Reinformat. Zumal ich ja nicht zur Schau tragen muss, dass es ein Mädchen ist. Ich weiß es ja – spätestens bei der nächsten Wickelaktion kann ich mich von entsprechender Faltung im Schritt überzeugen. Ich wollte also modern sein, nicht dieses Genderzeugs, was einschränkt und aufgesetzt erscheint.

Aber wie immer, wenn man stets bemüht ist, kommt irgendwann der dicke Strich, der die Rechnung durchkreuzt. In unserem Fall: die Kita und mein rot, grün blaues Räuberkind sah die kleinen Prinzessinnen in Glitzer, so dass es auch dazu gehören wollte. Fortan waren gold, rosa und lila unsere Begleiter und inzwischen habe ich es aufgegeben, die Farbvielfalt der Welt zu preisen. Dabei macht doch rosa noch lange kein Mädchen…

Aber was bedeutet es denn, Mädchen und Junge bzw. Mann und Frau zu sein? Eine Erklärung ist schwierig, wenn man auf die typischen Klischees verzichten will. Also bitte kein Wort von den harten Kerlen, die tapfer, mutig, unbesiegbar sind und in Polizeiuniform oder Ritterkostüm durch die Lande stapfen. „Völlig überholt“ höre ich schon die Feministinnen schreien, die sogleich Jeanne d`Arc aus der Hosentasche ziehen. Aber was ist es dann?

Die Kinder wollen verstehen, begreifen, lernen. Geschlecht gehört dazu. Und wenn man schon schwierig darüber ins Gespräch kommt, sind offensichtliche Zuschreibungen einfacher – egal wie dumm sie sind.

prinzessin-geburtstagDa stolpere ich selbst bei Bauklötzern über Girl- und Boy-Sets, es gibt Jungen- und Mädchen-Geburtstagsausstattungen mit Kerzen und Papptellern und selbst die Zahnpasta ist mit Prinzessin oder Piratenschiff gestaltet. Ein wenig kann ich eingreifen, etwas vom Klischee abtragen. So haben wir braune Stiefel, Jeanshosen sind zum Glück blau und die Zahnbürsten sind in neutralen orange und grün gehalten, aber spätestens bei der rosa Elsa-Unterwäsche („Mami, die haben doch alle. Ich will die auch.“) endet meine Argumentation.

In diesen Tagen wird sogar der „Goldene Zaunpfahl“ verliehen, ein Preis, der sich mit den Rollenklischees und den Auswüchsen von Jungen- und Mädchenprodukten auseinandersetzt – mit dabei: das rosa Mädchenüberraschungsei (leider ein Hit bei uns ZuHause) oder die Leselernbücher von Klett, die so hübsch in die Piraten und Prinzessinnenkiste greifen. Petra Lucht meint dazu:
Bildungsmaterialien sollen einen Unterricht in der Schule befördern, der frei von Diskriminierungen ist. Schulbücher mit diesen Covern und Inhalten werden diesem Grundsatz nicht gerecht. Für Jungen wird eine abenteuerliche Welt des Erwachsenseins (Polizist, Weltraum und Piraten) entworfen. Natur und Gesellschaft müssen und können einerseits erobert werden. Andererseits sorgt ein Polizist für Ordnung.

Auf dem Cover des Lesebuchs „für Mädchen“ wird eine verniedlichte Umwelt entworfen, erwachsene Frauen sind nicht zu sehen. Das abgebildete Mädchen könnte zumindest ebenfalls in abenteuerlicher Szenerie oder im Wettkampf dargestellt werden. Beide Cover bilden zudem keine pluralistische Gesellschaft ab. Stattdessen werden Kinder und Erwachsene in jeweils stereotypen Lebenswelten gezeigt.

Aber es ist wie es ist. Offensichtlich braucht es Orientierung in dieser wirren, chaotischen, viel fordernden Welt. Da hilft nur viel reden, immer mal wieder den rosa-hellblauen Wahnsinn zu durchbrechen und Vorbild zu sein. Aber letzteres kann auch schwierig sein – die Mädels wollen sich nämlich jetzt auch Tampons in den Schlüppi stecken…

Viel Freude mit den Zwergen!

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz

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