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Die Mama- Identitätskrise und die Frage: wo will ich eigentlich hin?

Da hat man sich an seine Mama-Rolle gewöhnt, spielt, singt Schlaflieder, putzt Nasen und Popos, wäscht Kindersachen und kocht Grießbrei – da erwischt einen mitten im schönen Einerlei plötzlich die gemeine Frage nach einem Selbst. Ja, was ist denn mit einem selbst – neben oder nach dem Mama-sein? Gar nicht so einfach, fand Sabine Henriette Schwarz in unserer Kolumne und auch Lisa in unserem Gastbeitrag:


Das Baby wird größer und die Mama kommt ins Grübeln. Wo soll denn mein Weg eigentlich hinführen? Lisa hatte Besuch von einer Freundin, die sich genau darüber gerade Gedanken macht. Sie hat ihr einen Brief geschrieben, der vermutlich nicht nur für ihre Freundin, sondern im Grunde für alle Mütter in dieser Lebensphase gilt.

 

Liebe Nina,

so schön, dass du am Wochenende zu Besuch warst und wir uns mal wieder gesehen haben! Und weißt du was? Ich konnte so gut verstehen, dass du dein kleines Baby-Töchterchen vermisst hast, das waren schließlich die ersten zwei Nächte ohne sie! „Ich habe mich überschätzt“, hast du gesagt. Wie oft wir Mütter das tun! So geht das los…
Du führst jetzt echt genau das Leben, das ich vor zehn Jahren führte. Du schiebst mit deinem Baby durch Prenzlauer Berg, wohnst am gleichen Platz wie ich damals, steuerst die gleichen Cafés an und himmelst dein blauäugiges Kind an – wie ich damals. Ich denk soo gern dran zurück. Und freu mich so, dass ich das durch dich jetzt nochmal ein klitzekleines bisschen wiedererleben darf. Und doch gibt es einiges, das ich erst jetzt zu schätzen weiß und einiges, das ich nicht misse. Schlaflose Nächte zum Beispiel. Das ständige Rätselraten, was das Baby jetzt wohl hat, warum es schreit, ob es wächst oder zahnt oder müde ist. Es kann ja noch nicht SAGEN, was los ist. Und da war noch etwas.

Ich nenne es die Mama-Identitätskrise.

Wir Ninas und Lisas und Katharinas dieser Welt stecken so viel Elan in unsere Kinder, so viel Schwung und so viel Liebe. Wir stürzen uns in die Untiefen des Familienkosmos und inhalieren das Abenteuer, lassen uns umschiffen von dem warmen Wohlgefühl der uns umhüllenden Wellen – und dann tauchen wir irgendwann wieder auf. Und merken: Huch, mich gibt´s ja auch noch! Ich war ja nicht immer Mama! Ich war ja auch noch so viel mehr! Und bin es noch. Aber wo ist das alles hin? Die Selbstsicherheit der Business-Frau, die ich mal war, die Schlagfertigkeit gegenüber Freunden, mit der ich mal glänzte. Ist das alles verloren? Kann ich überhaupt noch was? Oder kann ich nur noch Mutti?

Werde ich jemals wieder etwas anderes machen als stillen, wickeln, schuckeln? Ist Arbeiten überhaupt noch möglich? Und falls ja: Was kann ich noch und wo will ich überhaupt hin? Hab ich bislang in dem Job gearbeitet, der mich erfüllt? Ist das ein Job, für den es sich „lohnt“, mein Kind einige Stunden in die Obhut eines anderen zu geben? Oh Gott, ich kann mein Baby niemals abgeben. Noch ein Jahr Elternzeit? Reicht das finanziell? Reicht mir das intellektuell? Verpasse ich den Anschluss? An die Kollegen, an die Welt da draußen?

Liebe Nina, in genau dieser Phase steckst du gerade und ich weiß noch, wie dieses Fragengewitter über mir einbrach, das mich kalt und heiß hin- und herschleuderte.

Es ist wunderbar, mit dem Wissen, zehn Jahre später wieder im Job zu sein UND drei tolle Kinder und ein wunderbare Familie zu haben, zurückzudenken an die Babyzeit, weil man schon weiß, wie es ausgehen wird. Aber das weißt du ja jetzt noch nicht. Und das ist zermürbend. Manchmal, wenn ich den Mann morgens zu seiner Arbeit, in sein altes Leben gehen sah, war ich neidisch. Der kann einfach so weiter machen wie zuvor. Ich kann das nicht. Ich habe darüber auch mal geweint oder nachts wach gelegen. Jetzt kann ich sagen: Zum Glück. Denn ich hab so ziemlich genau das gefunden, was ich machen will und das hätte ich vermutlich nicht, wenn ich nicht stundenlang mit meinem Baby durch den Kiez geschoben hätte. Wenn ich einfach weiter für einen Arbeitgeber X geschuftet hätte. Vielleicht hätte ich dann mehr Geld, aber so viel weniger mich selbst.

Es gibt keine Universallösung für die Mama-Identitätskrise, aber es gibt eines, das wirklich helfen kann. Und das ist Vertrauen. Vertrauen in dich selbst und Vertrauen in die Zukunft. Und wenn dein Selbstvertrauen gerade ein bisschen wanken sollte, dann hol es dir von denen, die dich mögen, von deiner Familie, von deinen Freunden, von alten Arbeitskollegen – von mir.

Du bist eine so tolle Frau, du wirst deinen Weg machen, da bin ich mir absolut sicher. Nur weißt du im Moment noch nicht, wie der aussehen soll. Und so anstrengend dieser Zustand auch ist, so wichtig ist er. Du häutest dich gerade! Aus dir ist eine Mutter geworden. Du hast Seiten an dir kennengerlernt, die dir bislang verborgen waren. Jetzt sortierst du dich einfach gerade neu. Ein Baby reagiert auf solche Entwicklungsschübe mit Trotzphasen – Mütter mit Zweifeln. Weil alles so neu ist, weil sich das Leben neu sortiert. Deine Lebensprioritäten haben sich verschoben und in dieser neuen Welt musst du dich nun erst einmal zurechtfinden. Glaub mir, du wirst gestärkt aus dieser Phase hervorgehen. Auch wenn du jetzt sagt: Ja, aber ich bin doch gar kein Macher!

Und ob du ein Macher bist! Dein Kind ist noch nicht eins und du machst dir schon Gedanken über die Zukunft. Über deine Zukunft, besonders beruflich. Du weißt ziemlich genau, was du nicht willst und auch das ist schon ein großer Schritt. Und ob du nun ein Blog gründest oder eine Firma, ob du einen Roman schreibst oder Tagesmutter wirst… Das wird dir einfallen, wenn die Zeit reif ist. Und lass dich ja nicht von den Businessfrauen um dich herum verunsichern. Denk immer dran, die sehen, während du deiner Tochter gerade beim Lächeln und Laufernlernen zuschaust, in das Gesicht ihres Chefs oder Kollegen und fragen sich genauso: Will ich das so? Ist es das wert? Wirklich! Wir sind doch Menschen und keine Maschinen. Alle haben mal Zweifel. Und fragen sich, ob das Gras auf der anderen Seite des Zaunes nicht doch noch grüner ist.

Du hast bestimmt nicht damit gerechnet, wie toll deine Tochter am Ende sein wird. Sie ist das Beste, was dir je passiert ist! Und sie hat dich zum Nachdenken gebracht, was du aus deinem Leben machen möchtest. Sie hat alles durcheinander gewirbelt und wird das auch noch eine Weile tun. Aber das ist kein Grund zum Verzweifeln. Jedenfalls nicht, solange du dir und euch vertraust. Eher wird dich das irgendwann sehr dankbar machen, glaube ich. Du wirst deinen Weg gehen, nein du gehst ihn schon längst. Ich kenne dich ja. Und bin positiv gespannt auf alles, was da noch so kommt.

Deine Lisa


Zuerst veröffentlicht auf: StadtLandMama

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