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Kolumnen

Die Lust am Grün

Lust am Grün

20 Grad Celsius, endlich wieder sonnige Flecken auf dem Boden. Die Bäume im Park zeigen freudig ihr frisches Hellgrün, und ich sitze das erste Mal ohne Jacke draußen. Ich sehe ein wenig verheult aus, aber keine Sorge, ich bin nicht in Trauer oder Wut oder Verzweiflung versunken. Scheinbar blüht etwas, dass mich zu Tränen rührt. Egal. Der Frühling ist da, und nachdem ich die dicken Jacken nicht mehr sehen kann, sitze ich auch gern als schnaufender, schneuzender Zeitgenosse in der Sonne. Einfach nur genießen. Oder vielleicht doch lieber zum Garten-Maulwurf werden?

Als Kind habe ich den Garten gehasst. Ich musste mit dem Fahrrad die sieben Kilometer radeln, die ewig waren und über eine Eisenbahnbrücke führten. Wenig idyllisch. Unsere Parzelle in der Kleingartenanlage sah so aus wie alle anderen. Immer zehn rechts und links vom Weg, dann um die Ecke, neuer Weg, wieder zehn Mal umzäunte Idylle mit Gurken, Erdbeeren, einem Kirschbaum, Himbeeren (leider immer von Maden bewohnt), ein paar Blumen, etwas Gras und viel Beton (Betonwege, Betonterrasse, Betonlaube. Selbst das Plumpsklo, was man nach Kräften vermied zu benutzen, war mit einem Betonsockel gebaut. Es war voller Spinnen, es roch muffig und feucht.)

Was fanden meine Eltern nur an diesem Stück Land, wo man auf allen Vieren kniend die Rabatten begradigte, das Unkraut zupfte oder die Kartoffelkäfer absammelte? Die Zeit war rückblickend nur mit ein paar Freunden, auf einem Baum sitzend oder Stiften gehend zu überstehen. Nein, ein Gefühl von Natur wurde mir nicht vermittelt. Und im Nachhinein bezweifle ich stark, dass eine Kleingartenanlage mit ihren strikten Regelungen viel mit Natur zu tun hat. Ganz zu schweigen von den Parzellennachbarn mit ihren, unseren Streitigkeiten über die Höhe des Baums, das ausufernde Wurzelwerk oder die laute Musik aus dem Radio.

Aber sei es drum. Jetzt haben wir einen Garten, eher zufällig. Ich trinke Kaffee, trockne meine Tränen und blinzele Richtung Johannisbeeren. Der graue trübe Winter hat seine Spuren hinterlassen und ich erwische mich, wie ich von plötzlichem Eifer gepackt, große Pläne für das Gartenreich schmiede. Ein Hochbeet? Gemüse fürs Kind? Sommerblumen, die man vom Fenster aus sieht? Eine Begrünung des Zauns? Nein, ich habe keine Ahnung. Wahrscheinlich wird die Hälfte meiner neuen Pflanzenfreunde auch wieder sterben, aber jetzt und hier hat es mich gepackt.

Ich lade das Kind ins Auto und fahre los. Ziel: Baumarkt. Schön soll es werden und grün. Ein wenig Natur eben – alles, nur nicht in quadratischen Kacheln aufgeteilt und mit akkuraten Wegen durchschnitten. Gern ein wenig wild, gern ein wenig bunt, gern mit etwas Unkraut – schließlich will ich nicht zwanghaft jede Woche auf den Knien liegen und zupfend die Zeit totschlagen.

Als ich mit dem Kind auf dem Parkplatz ankomme, bin ich die gefühlt einhundertachtzigste der Gartenaktivisten. Wir erobern uns einen Autowagen (der ist zwar nicht praktisch, aber stand strategisch günstig für leuchtende Kinderaugen). Los geht’s. Wenn ich doch nur ein wenig mehr Ahnung hätte. Zu Hause liegt ein kleines Gartenbuch, das ich hätte lesen können. Hätte….  So eilen wir durch das Angebot. Ich lese eifrig die kleinen Schilder, um nichts völlig Sinnloses zu erstehen, und das Kind springt aufgeregt von einer Ecke zur anderen. Ihre Auswahl ist einfach: es muss alles lila sein. Kaum entdeckt sie eine lila Blüte, soll es eben jenes Gewächs sein. Gleiches gilt für lila Vogelhäuser, lila Gießkannen, lila Gummihandschuhe und auch vor einem lila Fußabtreter wird nicht Halt gemacht. Geduldige Mutti-Erklärungen, dass wir das alles nicht mitnehmen können. Stattdessen entdecke ich bei den Vogelhäusern ein kleines Bienenhaus – immerhin rosa mit Herz.

Mein Herzallerliebster daheim ist ja im Gegensatz zu mir bewandert: mit der Natur, den Pflanzen und den Tieren. Deshalb diskutieren wir auch seit letztem Jahr eifrig über einen eigenen Bienenstock zur Rettung der Menschheit. Er findet es toll. Ich auch, aber bitte nicht in meiner Nähe. Allein der Gedanke an Hunderte und Tausende von Bienen in meiner unmittelbaren Nachbarschaft macht mich, sagen wir mal, unruhig. Vielleicht kann ich ihn ja mit diesem kleinen Wildbienenhaus gnädig stimmen. Immerhin habe ich dann doch auch was für die Erhaltung der Art getan? Also laden wir es ein. Dazu gesellen sich noch Pfefferminze, Sonnenblumen, Blumenerde, Mulch, Blumensamen und Bohnensamen, fast als hätte ich Ahnung…. Das Auto ist für so viel Grün sehr klein und ich sehe, dass auch andere Parkplatznutzer mit ihrem Einkauf und dem Platzangebot kämpfen. Vor lauter Euphorie kann man sich leicht verschätzen.

Aber ist man unwissend, muss man den Verlust einkalkulieren. Schließlich fährt die Hoffnung mit nach Hause, dass irgend etwas überleben wird und mein tief blauer Daumen sich möglicherweise gerade in diesem Jahr etwas grün färben könnte. Das Kind ist zumindest begeistert und euphorisch machen wir uns daheim ans Werk….

In diesem Sinne, viel Spaß allen Frühlingsmaulwürfen. Auf einen neuen Versuch des Pflanzens, Wachsens und Überlebens, Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz

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